Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 40-41 (21.5.1896)
- Date
- 1896-05-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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773 brücke zu, um gewöhnlich auf dem Malberg das Frühstück zu nehmen. Unterwegs kaufte sich der Baron von den bekannten Väcker-Jungens und Mädels seine Frühstücksörode wie ich auch, trug sie in einer großen Papierdüte ungeniert davon und stieg heiter plaudernd den Berg hinan. Er fragte mich nach meiner Stellung und Familie wie ein Polizeikommissar. Als ich ihm die Bilder meiner beiden Söhne zeigte, glänzte eine Thräne in seinem wohlwollend blickenden Auge: „Sie sind reich und glücklich!" meinte er, „glücklicher und reicher als ich. Mein einziger Sohn ist todt! Was ist aller Reichthum der Welt? Was mir Gott beschieden hat, ist ein geliehenes Gut; ich will es wenigstens zu Gunsten der Unterdrückten und Elenden anwenden." Als ich erwiederte, daß er unter den Neichen der Jetztzeit in dem, was er für Arme und Nothleidende thue, fast einzig dastehe, entgegnete er mit Lebhaftigkeit: „Wer weiß, wie lange ich noch lebe! Ist es nicht eine Schmach, unsere Glaubensgenossen wegen der „drei Tropfen Wassers", die sie nach ihrer Geburt nicht empfangen haben, zu verfolgen und gar auszutreiben?" (Es war gerade die Zeit der russischen Judenaustreibungen). — Wir trafen uns noch öfter, und immer wieder kam das Gespräch auf das alte Thema zurück. Er fragte mich nach den Verhältnissen in Hechingen, das er in feiner Jugend mit seinem Vater, welcher mit der Kaulla'schen Familie in Verbindung stand, besuchte. Als ich ihm die geordneten Verhältnisse der israelitischen Gemeinde schilderte, meinte er: „Ja, in Deutschland ist die Armenversorgung gut organisirt; deshalb lege ich auch den Schwerpunkt meines Wirkens auf Rußlanv und Transteithamen." Auch die argentinischen Anstedlungen kamen das Oefteren zur Sprache. „Da bin ich", meinte Baron v. Hirsch, „gründlich getäuscht worden, nicht von den Ansiedlern — das sind durchweg fleißige und gute Menschen — sondern von den Verwaltungschefs." Die Unfähigkeit und der Egoismus einzelner dieser Herren erfuhren eine harte Kritik. — Baron v. Hirsch lebte in Ems sehr einfach. Im Hotel „zu den vier Thürmen" bewohnte er mit seinen Sekretären und Dienern — sein älterer Adoptivsohn, ein hübscher Junge von 11 Jahren durfte nicht von seiner Seite weichen — eine Zimmerflucht. Der Aufwand war klein bürgerlich zu nennen. Der Baron hat in Ems nie einen Wagen bestiegen. Selbst bei feiner Abreise, als Alles zur Bahn fuhr, machte er die beträchtliche Entfernung zu Fuß. Auf dem Wege dahin gab er mir seine Photographie mit handschriftlicher Widmung. Oe st er r.-Ungar. Monarchie. Eiferrstadt, 12. Mai. Es ist eine schöne von der Zeit geheiligte Sitte, daß hervorragende Ereignisse, die der Erinnerung werth und wichtig sind, die Veranlassung einer Festlichkeit abgeben. Ein solches hervorragendes Ereignis, ein wahres Jubelfest war der 7. Mai für die hiesige Gemeinde, indem sie den 70. Geburtstag ihres allverehrten hochgeliebten Rabbiners Herrn Sal. K u t n a feierlich beging. Der Jubilar selbst war in seiner Anspruchslosigkeit gegen jedwede festliche Manifestation, jedoch die Gemeinde ließ diesen günstigen Moment nicht unbeachtet vorüber gehen, wo sie die herzinnigsten Gefühle der Verehrung und Liebe für ihren Rabbiner an den Tag legen wollte. Auch die Schüler ivn 'Tins haben die günstige Gelegenheit in ähnlicher Weise benützt und forderten die einstigen Schüler, die einst U'm zu Füßen gesessen waren, auf, seinen Lehren nsm mm zu lauschen, an diesem Feste sich zu betheiligen. Das Fest übertraf auch unsere Erwartung. Da auf ausdrücklichen Wunsch des Jubilars das geplante Festbankett unterbleiben mußte, wurde die Festlichkeit auf Ansprachen und Ueberreichung sinniger Geschenke beschränkt. Das Fest wurde in dem geräumigen Schulsaale abgehalten. Zu diesem Behufe wurde der Saal festlich deeorirt. Laut Programm wurde das Fest auf 10 Uhr Vormittag anberaumt. Zu dieser Stunde holte der Vorstand als Festkomite den Jubilar nach dem Schulsaale ab. Als der Jubilar in den Saal trat, erscholl ein donnerndes Hoch! Er wurde unter den mit exotischen Blumen eigens dazu hergerichteten Baldachin geführt. Der Saal selbst war bis auf das letzte Plätzchen von Gemeindemitgliedern, die Festkleider angelegt, gefüllt. Auch die Schulkinder waren unter Führung der Lehrer erschienen. Zuerst trat der Gemeindepräses Herr Georg Breuer vor, vermittelte in warmen Worten die herzlichsten Glückwünsche der Gemeinde, die sie für den Jubilar hegen und überreichte eine prachtvoll ausgeführte silberne Sederschüsiel und zwei große silberne Leuchter. Herr Oberlehrer Feilbogen hielt hieraus die Festrede, und schilderte in beredten Worten die großen Verdienste des Jubilars, die er unl die Gemeinde und Schule während seiner hiesigen 26jährigen Amtsthätigkeit sich erworben. Sodann sprachen noch Herr Lehrer Herrmann im Namen des Lehrkörpers, Herr Maier Schlesinger im Namen der Schüler, Herr Rosenberger im Namen der hiesigen Vereine und endlich Herr F. Blau im Slawen der Alle Redner überreichten sinnreiche Geschenke. Die Jeschiba überreichte ihrem Meister eine prachtvoll ausgestattete Adresse mit Silberbeschlägen, und ein prachtvolles Wilnaer Schaß '!?22-v"r. Auch ist noch hervorzuheben, daß ein hier zufällig anwesender marokkanischer Rabbiner, Herr Josef Arwas aus Jerusalem sich in die Reihe der Gratulanten