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Der Israelit · 1896-05-14 · Heft 38-39 (14.5.1896) · page 23

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 38-39 (14.5.1896)
Date
1896-05-14
Page
– (sequence 23)
Language
German
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763 während der Hausvater rief: „Baruchha-Ba, Rabbi!“ (Willkommen, Rabbi!)*) Unsichtbar wie er gekommen, verschwindet er spurlos, und dem fleißigen Schulknaben läßt er zuweilen auf dem Grunde des Bechers einen schönen schimmernden T ukaten zurück; weil es aber noch nie einen fleißigen Schulknaben gegeben, so hat noch Niemand diesen Dukaten gesehen. Nicht immer jedoch konnte Eliah am Peßach- Abend ruhig in jedes Haus eintreten und seinen Becher segnen. Vor Zeiten hatte er gerade an jenem Abend vollauf zu thun, um sein Volk vor Ueberfällen und noch viel schlimmern Dingen zu schützen. So saß einmal ein Pächter in einem Dorfe in der Peßach-Nacht ruhig beim Seder, als ein Haufe bewaffneter Bauern das Haus überfiel, um bei ihm das Fläschchen Blut zu suchen. Thür und Thor wurden gesperrt und die ganze Familie in Ketten gelegt; schon machten sich die Bauern daran, die Messer zu wetzen, womit die Opfer hingemordet werden sollten, als plötzlich geräuschvoll am Thor geklopft wurde. Das Thor wurde geöffnet, und herein trat ein Offizier an der Spitze einer Schaar Husaren. Die Bauern ergriffen die Flucht; der Offizier verließ bald darauf mit feinet! Männern die Behausung der befreiten Familie, nachdem er auf dem Tisch ein versiegeltes Papier zurückgelaffen hatte. Als es der Mann entfaltete, war er nicht wenig überrascht, darin das goldene Siegel „Eliah, der Prophet" zu erblicken. In einer Stadt lebte ein Bischof, ein gar mächtiger Herr, der den Juden feindlich gesinnt war. Als das Osterfest kam, sann er auf ein Mittel, sie zu verderben; er ließ daher in der ersten Peßach-Nacht die Flasche Rothwein, aus der Freitag Abend nach dem Gottesdienst der Becher zum Weihgebet (Kiddusch) in der Synagoge gefüllt zu werden pflegte, aus der Thora-Lade, wo sie aufbewahrt wurde, stehlen, den Wein ausschütten, die Flasche mit Blut füllen, und wieder an die frühere Stelle hinftellen. In derselben Nacht kam Eliah, der Prophet zum Schammes (Synagogendiener) als dieser in tiefstem Schlafe lag, und weckte ihn: „In der heiligen Lade ist Feuer!" Der Schammes denkt, es sei ein leerer Traum, und schläft ruhig weiter. Der Prophet kommt noch einmal und wiederholt seine Mahnung. Aber auch diesmal achtet der Schammes nicht darauf. Doch als sich dasselbe zum drittenmal wiederholte, da überkam den Schläfer ein Bangen. Er raffte sich auf, und eilte zur Synagoge, öffnete die heilige Lade, aber von Feuer war keine Spur. Indessen merkte 1) Dieser Becher hat übrigens seine ritualgesetzliche Bedeutung. Bei b.sonders feierlichen Gelegenheiten wird nämlich das Tischgebet über einen vollen Becher gesprochen. Die Thüre wird zum Andenken an die Befreiung geöffnet. Das Volk jedoch bezieht all dies auf seinen Liebling E. er, daß die Flasche nicht am rechten Orte stand. Der Schammes schöpfte Verdacht und ergriff die Flasche, um sie sich näher anzusehen, denn der Inhalt hatte nicht das Aussehen gewöhnlichen Weins. Er öffnete, sah — aha, da hatte er gleich den ganzen Sachverhalt begriffen. Unverzüglich leerte er die Flasche und füllte sie wieder mit lauterem Wein. Tags darauf, als eben die Gemeinde zum Morgengebet versammelt war, umringte bewaffnetes Volk die Synagoge, der Bischof drang an der Spitze vieler anderen „großer Leut'" ins Gotteshaus, und man begann eine Durchsuchung vorzunehmen. An allen Juden „zitterte die Haut", denn sie wußten nur zu zu gut, daß der Bischof nicht zu suchen pflegte, wenn er nicht zuvor etwas richtig „verloren" hätte. Nur der Schammes blieb ruhig. Die Schergen durchstöberten unter Leitung des Bischofs alle Ecken und Enden der Synagoge, wühlten im Almemor, in den Ständern, ja sie ließen die Kiste, wo man die losen Blätter aus zerriffenen heiligen Büchern aufbewahrte, nicht verschont. Dann krochen sie auf den Boden und in die Frauensynagoge, doch alles vergebens. Zum Schluffe befahl der Bischof die heilige Lade zu öffnen. Der Bischof griff hastig nach der Flasche und rief triumphirend: „Hier, da haben wir's! Schammes, was enthält diese Flasche oa? Wozu braucht Ihr das Blut?" Der Schammes erwiderte gelaffen und furchtlos, der Inhalt der Flasche sei nicht Blut, sondern Wein, und der Chasan spreche darüber jeden Freitag Abend den Weihesegen. „Wein? Du Unverschämter!" schrie der Bischof im Bewußtsein seines gewiffen Sieges. „Wein sagst Du? so koste!" Der Schammes kostete, es kostete der Bischof und die übrigen „großen Leut'" und alle fanden, daß es Wein und kein Blut war. Der Bischof ging beschämt von dannen. Der Schammes aber erzählte dann den ganzen Sachverhalt. Die Gemeinde pries Gott und ernährte auf ihre Kosten den Schammes bis an's Ende seiner Tage. Wenn Eliah der Prophet nichts auf dieser Welt unter den sterblichen Menschen zu verrichten hat, weilt er gerne in Gesellschaft der „sieben Hirten", der abgeschiedenen Seelen der Väter Israels, seiner Könige und Propheten: Abraham, Jsak, Jakob, Moses, Aharon, David, Samuel. Unter ihnen verrichtet er gerne Famulus-Dienste, und geleitet ihre Schatten in diese Welt. Das erfuhr auch einmal ein frommer Gaftwirth in einer abgelegenen Herberge am Saume eines tiefen Waldes. Dieser fromme Mann hatte die Gewohnheit niemals ohne einen armen wandernden Gast zu Tische zu gehen, und besonderslam Sabbat, wenn es ihm passirte, keinen Gast an seiner Tafel bewirthen zu können, da war er untröstlich, und keine Speise mundete ihm. Einmal, es war gerade Winter, da stellte sich am Freitag Nachmittag

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