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Der Israelit · 1896-05-14 · Heft 38-39 (14.5.1896) · page 22

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 38-39 (14.5.1896)
Date
1896-05-14
Page
– (sequence 22)
Language
German
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762 Talmudisten; aber diese dürften auf seine Entscheidungen kein großes Gewicht gelegt haben, „denn sie (die Lehre) ist nicht im Himmel, sondern den freien Verstandsübungen und der Diskussion der Sterblichen anheimgegeben." Aber den Würdigen ertheilte er nicht selten in eigener Person gelehrten Unterricht. Aus einer solchen, dem R. Anan gewährten Unterweisung sollen die beiden, noch heute unter Eliahs Namen bekannten Schriften hervorgegangen sein. Diesem Schüler hat er übrigens einmal den Unterricht gekündigt, weil er aus Unachtsamkeit veranlaßt hatte, daß das Recht einer Partei bei Gericht gekränkt wurde. In talmudischen Zeiten wählte er oftmals die Gestalt eines arabischen Wanderers, wenn er sich sichtbar machen wollte; unter dieser Gestalt reichte er Heilmittel, verband Wunden, rettete den Bedrägten vor Uebermacht. Zuweilen warf er sich in die Toga, um wie ein römischer Würdenträger zu erscheinen, wenn es galt, am Hofe des Kaisers seinen Einfluß geltend zu machen, um von seinem Volk ein Unheil abzuwenden. Einmal sandten die Juden dem römischen Kaiser durch Nachum aus Himso eine Kiste voll Brillanten und Edelsteine zum Geschenk. Auf dem Wege nach Rom stieg der fromme Rabbi in einer Herberge ab, um zu übernachten. Voll Vertrauen auf die Redlichkeit des Wirthes, gab er ihm die Schätze zur Verwahrung. Der Wirth der Herberge konnte seine Neugierde nicht bezähmen und riß die Kiste aus, um nachzusehen, was der Jude wohl nach Rom mit sich führen möge. Geblendet vom Glanze der Brillanten und dem Funkeln der Rubinen und Smaragden stand er da und in seinem Herzen regte sich die Habsucht. Er sann auf eine List, wie man sich die Kostbarkeiten aneignen könnte, ohne daß es der Eigentümer am Morgen merkte. Die Kiste leerte er und füllte sie mit Erde, so daß das Gewicht unverändert blieb, schloß und versiegelte es bedächtig, so daß nicht die kleinste Spur des gewaltsamen Aufbruchs zurückblieb. Ahnungslos nahm der Gesandte am Morgen seine Kiste in Empfang und zog seines Weges. In Rom angelangt, bevor er vor dem Antlitz des Herrschers erschien, erschloß er seine Kiste, um die Kostbarkeiten in schöne Ordnung zu bringen, auf daß sie das Wohlgefallen des Kaisers erweckten. Wie war er bestürzt, wahrzunehmen, daß sie dunkle Erde anstatt funkelnde Brillanten enthielt! Allein es war zu spät zurückzukehren, um den Schuldigen vor den Richter zu ziehen, denn schon war die Stunde der Audienz da. Doch der Rabbi faßte sich bald und rief vertrauensvoll in feiner gewohnten Weise: „6laru su letoboh!“ „Auch das wird Gott zum Guten lenken!" denn ihn verließ das Vertrauen auf Gott keinen Augenblick. Als der Kaiser die Kiste eröffnete und das sonderbare Geschenk seiner jüdischen Unterthanen sah, ward er furchtbar ergrimmt, weil er glaubte, diese wollten ihn dadurch nur zum Besten haben. Er beschloß grausame Rache zu nehmen und berief seine Räthe und Minister, um diesen Fall zu berathen. Die Herren überboten sich in Plänen, wie die Strafe der Juden am härtesten und grausamsten auszuführen, denn keine Strafe schien ihnen hinreichend, um eine so offenbare Beschimpfung der Majestät zu sühnen. Und keine Stimme erhob sich, um die Juden in Schutz zu nehmen, denn das Verbrechen lag ja klar zu Tage. Da erhob sich einer der Edlen von seinem Sitze und bat um Gehör. Es war Eliah der Prophet, der in Gestalt eines römischen Senators gekommen war, welcher krank zu Hause daniederlag. Er sagte: „Bevor wir über die schuldigen Juden ein Urtheil fällen, laßt uns untersuchen, ob es nicht vielleicht Erde vom Grabe ihres Urvaters Abraham ist, welcher die wunderbare Kraft innewohnt, gegen den Feind im Kriege geschleudert, sich in Pfeile und Schwerter und Wurfgeschossen zu verwandeln und große Verheerungen anzurichten." Die Feldherren des Kaisers führten gerade einen Krieg gegen ein widerspenstiges Volk. Man sandte ihnen von der Erde und siehe da, wenn man den Staub gegen die Feinde warf, da verwandelte sich der Staub in Schwerter und Pfeile und Wurfgeschosse, flog sausend und blitzend über die Häupter der feindlichen Krieger und lichtete ihre Reihen, als schwebte ein unsichtbarer Todesengel über ihnen. Der Abgesandte der Juden wurde mit Ehren überhäuft, und der Kaiser sandte durch ihn seinen Unterthanen die Versicherung seiner huldvollsten Gna'de. In den beiden ersten Peßachnächten, wenn der jüdische Hausvater umgeben von den Seinigen, auf dem Lager thronend, angethan mit dem weisen blaugeränderten Kittel, dem Ueberreste der uralten Tracht seiner Vorfahren, die Geschichte von der wunderbaren Befreiung der Väter Israels aus dem Hause der Knechtschaft erzählt, da trinken die Tischgenossen vorschriftsgemäß vier Becher Wein in verschiedenen Unterbrechungen. Wenn der erste Theil der Hagadah zu Ende und der zweite Becher geleert ist, wird das Mahl genommen; darauf wird der dritte Becher für alle Theilnehmer gefüllt, aber noch ein überzähliger Becher und zwar der größte und schönste wird in die Mitte des Tisches gestellt und bei geöffneter Thüre stimmt man die Hymnen und Lieder der zweiten Hälfte an. Wem gilt dieser übrige Becher? Keinem Geringeren als Eliah denl Propheten, der an diesen Abenden jede Familie besucht, mag sie im Keller hausen oder in prunkvollem Palaste wohnen. Er läßt sich, keinem Menschenauge sichtbar, bei Tische nieder und nippt aus dem bereitstehenden Becher. Zu seinem Empfange hat man auch die Thür geöffnet, alle Tischgenossen haben sich ehrfurchtsvoll erhoben,

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