Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 36 (7.5.1896)
- Date
- 1896-05-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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710 in Algier um. Es ist auch thatsächlich eine Depesche aus Constantine eingelaufen, wonach mehr als 1000 Israeliten, die aus den Wählerllisten gestrichen waren, wieder eingetragen wurden. Unzweifelhaft werden auch in den anderen Bezirken Algiers, ähnliche Eintragungen neu vorgenommen werden muffen. Im Ganzen bestätigte der oberste Gerichtshof nur achtzig Streichungen, so daß die Antisemiten sagen können, viel Geschrei nnd wenig Wolle. Rußland. Aus Kurland. Daß die Juden sich der Ableistung der Wehrpflicht entziehen, ist ja, allen Lesern der Antisemitenblätter, eine längst bekannte Thalsache. Und doch unterläßt die antisemitische Presse manche Fälle dieser Art jüdischen Verbrechens zu registriren. So z. B. folgenden Fall, der in der angesehenen „Birshewja Wedomosti" mitgeheit wird. Ein jüdischer junger Mann, der als Schriftsetzer in Charkow lebt, sollte sich zur Ableistung der Wehrpflicht in Witebsk (wohin er zuständig ist) stellen. Unglücklicherweise erkrankte er kurz vor der Einberufung an: Typhus und wurde im Charkower Hospital ausgenommen. Die Hospitalverwaltung theilte unverzüglich der Witebsker Wehrcommission die schwere Erkrankung des militärpflichtigen Setzers mit. Bis aber die Militärbehörde Witebsk die eingegangene „Papiere" sortirte, verstrich die Anmeldungsfrist, und — es wurde angeordnet, von der Familie des Schwerkranken die gesetzliche Pön von 300 Rubeln beizutreiben, wegen „Entziehung" des Sohnes von der Wehrpflicht. Glücklicherweise verlief die Krankheit günstig, und kaum wurde der Genesende aus dem Hospital entlasten, als man ihn in Ketten schmiedete und per Etappe nach Witebsk beförderte. Etwa einen Monat wurde der Reconvalescent, gefesselt, von einem Gefängniffe ins Andere, von einer Stadt in die andere geschleppt, bis der „Verbrecher" glücklich der Witebsker Militärbehörde eingehändigt wurde, die ihn auch sogleich den Militärdienst antreten ließ. Run ist der Mann schon seit Monaten Soldat, — nichtsdestoweniger aber fordert dieselbe Militärbehörde von seiner Familie die Pön von 3OO Rubeln, wegen „Entziehung" von der Wehrpflicht. — Schade, oaß die antisemitischen Blätter diesen interestanten Fall, der beiläufig gesagt, etwas Alltägliches ist, ihren Lesern nicht erzählt haben. Diese Verschmitztheit, kurz vor der Einberufung am Unterleibstyphus zu erkranken, um sich nachher auf Staatskosten in schönen Ketten nach der Heimathsstadt transportiren zu lasten! Egypten. (3) Alexandrien, im April. Einen erfreulichen Aufschwung hat seit Kurzem unsere durch die Munificenz des verstorbenen Bechor Moses Aghion gegründete Talmud-Thoraschule, die aus zwei Abtheilungen für Knaben und Mädchen, besteht, genommen. Jede dieser beiden Abtheilungen faßt 130 Schüler, die wieder in fünf Klaffen sind. Die Schulzimmer sind durchgehends sehr breit, hoch und sehr gut gelüftet. Auch eine Schneider-Handwrrkerschule befindet sich in diesem Gebäude, in der mehrere Knaben von dem Schneider Jesaias Misan im Anfertigen von Kleidungsstücken unterrichtet werden. Nächstens wird auch eine Schule für die Schuhmacherei eröffnet werden. Die Leitung der Knabenabtheilung dieser Schule ist Herrn Josua anvertraut, der auch die französische Sprache daselbst lehrt. Unter ihm wirken noch als L hrer Herr Jesaia Hazan, Sohn unseres Chacham-Baschi, dann Herr David Hazan und die zwei Rabbiner Mordechai Chakim und Maimon Attar. Letztere zwei für das Hebräische. Als Direktorin der Mädchenschule fungirt Frau Faustine Mordo, geborene Levi, Tochter des verstorbenen Oberrabbiners Josef Levi von Korfu. Unter ihr wirken wieder als Lehrerinnen Frau Josua und die beiden Schwestern Rosenthal, die am italienischen Pädagogium hier ihre Ausbildung erhalten haben. Vereinsnachrichten. Posen. Dem Jahres-Bericht des Vereins zur Förderung des Handwerks unter den Juden und Israelitischen Vorschuß-Vereins (iv.i man) zu Posen pro 1895 entnehmen wir: Für unsere Lehrlinge verausgabten wir an Unterstützung in Baar, Bekleidung und Werkzeug an 13 Lehrlinge Mark 1094,10. Durch Verkauf eines Theils unseres Reservefonds, konnten wir in diesem Jahre unsere Bankschulden gänzlich tilgen und haben am Jahresschluß noch ein Bankguthaben von Mk. 1000. Im Ausleihen von Geldern brauchten wir trotzdem keine Einschränkung eintreten zu lassen. Die Zahl unserer Mitglieder betrug 441; die Einnahmen an Beiträgen erzielten Mk. 1986,10. Bei Berathung unseres neuen in Kraft getretenen Statuts entstanden zu unserem tiefsten Bedauern Meinungsverschiedenheiten, die sich auf die Forderung des Handwerks; eineä £fyeil§ unseres Wirkens, bezogen und den Austritt von etwa 70 Mitgliedern verursachten. Es ist dies um so schmerzlicher für uns, als wie für 13 Lehrlinge insgesammt nur ca. 1100 Mk. verausgabten, während wir Darlehen in Höhe von ca. 11000 Mk. gewährten und damit 63 Personen Hülfe in der Roth brachten. Es wird uns die Anerkennung nicht versagt werden können, daß wir hierdurch sehr segensreich gewirkt haben und daß unser Verein ein nützliches Glied der Gemeinde geworden ist. —