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Der Israelit · 1896-05-07 · Heft 36 (7.5.1896) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 36 (7.5.1896)
Date
1896-05-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
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708 Wohlthuen an Arme ist von jeher trotz des Wechsels der Zeiten und bei allen Schicksalsfügungen eine Cardinaltugend unseres Stammes gewesen und geblieben, sollte diese sich hier nicht bethätigen, wo zu ihrer Ausübung nicht nur die Pflichten allgemeiner Humanität, sondern auch solche des Liäused liaschem mahnen?! Wie verschieden auch immer die Ansichten sein mögen über die Mittel und Wege, die eine Besserung der socialen Nothlage unserer Glaubensbrüder in Jerusalem herbeiführen können, darüber sind Alle einig, daß die armen Kranken insgesammt der Unterstützung seitens ihrer mit einem besseren Loos bedachten Brüder würdig sind. Diese Hilfe in wirksamer Weise zu bringen, ist unter den gegebenen Verhältnissen nur möglich durch die Neuerrichtung eines Hospitals. Daß über die Nothwendigkeit desselben die berufensten Sachkenner nur einer Meinung sind, zeigen die Schreiben der Herren Ober-Rabbinen Eljaschar und Salant, der Vorstände der Spitäler Bikur Cholim und Misgab Ladach, der Aerzte Jerusalems, welche demnächst veröffenlicht werden. Möchten doch alle Wohlhabenden, die einnial eine Krankheit bei liebreicher Pflege, welche die Ausführung jeder einzelnen ärztlichen Vorschrift ermöglichte, überstanden haben, sich vergegenwärtigen, welche Qualen ihnen die Entbehrung so sorgfältiger Wartung verursacht hätte, möchten dieselben sich so der unglücklichen Leidenden in Jerusalem erinnern und in Dankbarkeit gegen Gott, der von ihnen ein so hartes Loos abgewendet, durch reichliche Gaben die Errichtung des neuen Krankenhauses ermöglichen, als eines Werkes, das berufen ist, gräßliches Elend zu lindern, unermeßlichen Segen zu stiften. Möge der Appell, den das Somit ö zur Errichtung eines jüdischen Krankenhauses in Jerusalem im Jnseratentheil dieses Blattes an unsere Glaubensgenossen richten wird, nicht erfolglos verhallen! Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 28. April. Heinrich v. Treitschke ist heute gestorben. Er war als Politiker, als Geschichtsschreiber und als Essayist eine so hervorragende Erscheinung, daß ihm ein Nachruf gebührt, wie gemischt auch die Empfindungen sein mögen, welche die Kunde von seinem Tode weckt. Einst, als er noch an der Schwelle der akademischen Laufbahn mit Gustav Freytag und Otto Jahn in Leipzig anregenden Verkehr pstog, war er nach dein Zeugnisse des Dichters der „Ahnen" von hinreißend liebenswürdiger Frische und starker liberaler Gesinnung, die später auch darin sich manifestirte, daß der sächsische Generalssohn die Heidelberger Professur aufgab und nach Berlin übersiedelte, um sich der nationalliberalen Partei anzuschließen und als Herausgeber der „Preußischen Jahrbücher" publicistische Arbeit für sie zu leisten. Kaum ein Jahrzehnt danach saß er, von einem körperlichen Gebrechen heimgesucht und des Gehörs verlustig geworden, im deutschen Reichstage neben feinem Freunde Wehrenpfennig, der ihm den Inhalt und Verlauf der Debatten aufschrieb, um ihm zu seinen leidenschaftlichen polemischen Reden das Material zu liefern. Da kamen dann jene ungestüme, schrill hervorgestoßenen Sätze von seinen Lippen, in denen er sich mehr und mehr als Fanatiker des nationalen Gedankens offenbarte und den Liberalismus der jungen Jahre verleugnete. In jenem nationalen Fanatismus tauchte fast spurlos seine ursprünglich liberale Gesinnung unter; er fand als Kulturkämpfer die hitzigsten Töne, befehdete in flammenden Philippiken die Sozial-Demokratie, um zuletzt in der trüben Verkennung des nationalen Gedankens sogar ein Heerrufer des Antisemitismus zu werden. Niemals ist die Verirrung, welche leidenschaftliche politische Einseitigkeit zur Folge haben kann, an einem bedeutenden Menschen auffälliger zu Tage gekommen. Als Kleindeutscher war Heinrich v. Treitschke in die Politik eingetreten, und glühender Haß gegen Oesterreich erfüllte seine Seele; zu diesem gesellte sich ein grenzenloser Chauvinismus, der sich abwechselnd gegen Franzosen, Polen und Nltramontane kehrte, um schließlich mit der Parole von den „Hosen verkaufenden Juden" in der Theorie von den Wirths- und den Gastvölkern zu versinken. Und immer war es das Uebermaß der falsch verstandenen nationalen Idee, das ihm Zunge und Feder lenkte, seiner Beredtsamkeit beinahe einen dämonischen Charakter lieh. Man kann, was er wirkte, nicht überblicken, ohne widerwillig seine großen Gaben anzuerkennen und unwillig zu bedauern, daß sie öfter als billig einer Leidenschaftlichkeit zu dienen haben, welche von Haß, Ungerechtigkeit und Hoffart sich wenig unterschied. Es würde sich ein sehr schiefes Bild ergeben, wenn man Heinrich v. Treitschke etwa als einen Typus der neudeutschen Generation anschauen wollte, deren Eigenschaften in der Zeit der nationalen Erhebung wurzeln. Er stand unvergleichlich höher als die liebe akademische Jugend, die aus seinem Hörsaale kam und die Studenten-Versammlungen mit chauvinistischen und antisemitischen Lärm erfüllte. In ihm loderte eine unheimliche Gluth, die nicht erst von Außen her entfacht zu werden brauchte. Von dieser Gluth wälzte sich ein Theil wie rinnendes Feuer nicht blos durch seine Reden und Schriften, sondern auch durch seine Anschauungen und Gesinnungen. Man kann sich der hinreißenden Wirkung

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