Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 36 (7.5.1896)
- Date
- 1896-05-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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706 die aufopfernde Thätigkeit der genannten Aerzte großes Elend gemildert wurde, fo ist doch nicht zu verschweigen, daß für einen erheblichen Theil der armen Kranken, insbesondere für die Aermsten und Schwerkranken, durch diese ihnen gebotene unentgeltliche Behandlung der angestrebte Zweck nicht erreicht werden konnte. Was kann dem Kranken eine noch so zweckentsprechende Verordnung seitens des Arztes helfen, wenn er dabei die erforderliche Verpflegung und Wartung entbehrt? Was dies besagen will, vermag nur Derjenige zu beurtheilen, der einmal mit eigenen Augen gesehen hat, welch' entsetzliche Höhlen in Jerusalem, speciell in der Altstadt, als Wohnungen der Armen und damit zugleich als Aufenthaltsort für den Kranken dienen. Bei Eintritt glaubt man in Folge der in diesen Räumen herrschenden schlechten Lust zu ersticken, man sieht nicht die Hand vor den Augen und aus einem Lager von Lumpen wälzt sich im Fieber eine von Roth und Sorgen abgehärmte Gestalt. Können Medicamente etwas nutzen, wenn die ersten Bedingungen der Gesundheit, Licht und Luft, fehlen?! Daß es unter solchen Verhältnissen völlig unmöglich ist, auch trotz Unterstützung mit Lebensmitteln, einem Kranken die richtige Pflege und Wartung angedeihen zu lassen, bedarf keiner Ausführung. Der Aufenthalt in der verpesteten Luft seiner engen Behausung, die der Arme gewöhnlich noch mit einer Anzahl Angehöriger oder gar mit Fremden theilen muß, läßt alle Mühe, die man sich um den Patienten geben mag, zu Schanden werden. Daher ist für sehr viele arme Kranke die Aufnahme in ein Krankenhaus der einzige Weg zur Rettung. Leider reichen die bestehenden jüdischen Hospitäler diesem Andrang gegenüber bei Weitem nicht aus. Die Zahl der jüdischen Einwohner Jerusalems wird auf circa 30,000 geschätzt. Bekanntlich ist ein sehr großer Theil derselben, durch Entbehrungen aller Art oder durch das Sumpffieber geschwächt, fast andauernd krank. Dieser Menge stehen in den jüdischen Hospitälern insgesammt 90 Betten zur Verfügung, und zwar im Bikur Cholim-Hospitalc 44, im Misgab Ladach-Spital 22, im Hospitale Meyer Rothschild 24. Unzählige Uebelftände resultiren aus diesem Mißverhältnis, trotz der unaufhörlichen Bemühungen der betreffenden Spitalverwaltungen, dieselben thunlichft zu lindern. Es bleibt unvermeidlich, daß kaum Genesene früher, als es nach ihrem Befinden räthlich ist, aus dem Krankenhaus entlassen, in ihre unseligen Wohnungen zurückgesandt werden muffen, da andere Schwerkranke der Aufnahme harren. Weit schlimmer noch ist, daß, obwohl so die Betten nie leer stehen, doch viele Kranken, die der Spitalbehandlung dringend bedürfen, dieselbe nicht erlangen können; und so mag für Manchen leider die rechte Zeit, in der noch eine Hülfe möglich gewesen, versäumt werden. Ein gleich empfindlicher Mangel ist es, daß die bestehenden jüdischen Hospitäler keine Einrichtungen für solche Patienten ausweisen, deren Zustand die Jsolirung von den übrigen Spitalinsassen erfordert, insbesondere ist die Aufnahme aller Derjenigen vollkommen ausgeschlossen, die an einer übertragbaren Krankheit leiden, und muß dies sein, will man nicht bei der Enge des Raumes alle übrigen Kranken der sicheren Ansteckung preisgeben. Anderseits ist gerade für die von einer Jnfectionskrankheit Befallenen die Entfernung aus ihrer dumpfen Wohnung als eine strikte Nothwendigkeit zu betrachten, sowohl um dieser unglücklichen Leidenden selbst willen, bei denen sich bekanntlich der Mangel an entsprechender Pflege am verhängnißvollsten bemerkbar erweist, wie auch im Interesse der Gesammtbewohner der Stadt. Die baulichen Eigenthümlichkeiten Jerusalems, besonders seines alten Theiles, in dem sich auf einer relativ kleinen Fläche eine zahlreiche Bevölkerung zusammcngedrängt hat, begünstigen nämlich die Ausbreitung einer Epidemie auf das Höchste. Beinahe jedes Haus beherbergt so und so viele kinderreiche Familien, während der hohe M i e t h z i n s es nur sehr Wenigen erlaubt, mehr als e i n Zimmer zu benutzen. So ist es begreiflich, daß eine Absperrung im Hause des Kranken unmöglich ist, und daß, sobald in einem Stadtviertel eine ansteckende Krankheit auftritt, eine Uebertragung fast unvermeidlich wird. In traurigem Andenken steht noch bei der Bevölkerung jene mörderische Diphtheritisepidemie, die vor ungefähr vier Jahren unzählige Kinder dahinraffte. Welchen Segen müßte da ein Krankenhaus stiften, dessen Jsolirbaracken für die jederzeitige Aufnahme derartiger Kranken bereit ständen! Da eine wesentliche Vergrößerung der bestehenden jüdischen Hospitäler durch etwaigen Ausbau weiterer Stockwerke — jeder verfügbare Bodenraum ist mehr als ausgenutzt — theils aus baulichen Gründen unausführbar, theils aus sanitären Erwägungen unstatthaft ist, so wird ein Ausgleich all' der Lücken, welche die Pflege jüdischer armer Kranken in Jerusalem bisher aufzuweisen hat, nur erreichbar durch den Neubau eines Krankenhauses, das sowohl über eine größere Anzahl von B etten verfügt, wie in allen seinen Einrichtungen, insbesondere hin sichtlich derBchandlung infectiöser Kranken, den gegenwärtigen A n s o r - derungen der Hygiene genügt. Um dies humane Werk, dessen Nothwendigkeit nicht erst seit jetzt datirt, dessen Erforderniß jedoch von Jahr zu Jahr der Zunahme der Bevölkerung entsprechend dringlicher wird, zur Ausführung zu