Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 34 (30.4.1896)
- Date
- 1896-04-30
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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682 „desto lobenswerther ist er", desto mehr steigt er in der Gotteserkenntniß. Die Pflege der jüd. (beschichte und die Beschäftigung mit ihr ist ein Akt der Dankbarkeit gegen Gott und der Pietät gegen die hervorragenden Personen der Vergangenheit. Durch die Kenntnis; unserer Geschichte werden wir uns des göttlichen Schutzen durch alle Jahrhunderte bewußt und wie der Allgütige seine Verheißung erfüllt: „Auch wenn sie sind im Lande ihrer Feinde, werde ich sie nicht verschmähen uub nicht verwerfen, meinen Bund mit ihnen zu brechen; ich werde immer ihr Gott sein." Aber auch den dahingegangenen Größen unseres Volkes sind wir es schuldig, sie, ihre 'Werke nnb ihre Verdienste dem Gedächtnisse zu erballen, uns stets ,;u vergegenwärtigen, was sie für uns geleistet, wie sie für uns gelitten und gestritten. Wie sollte man sie, die Uebermenschliches geleistet, der Vergessenheit anheimgeben? Ein Volk, das seine Großen nicht ehrt, ist derselben nicht werth. -Wie sehr muß auch die Kenntniß der eigenen Geschichte zum Selbstbewußtsein, zur Selbstachtung beitragen. Nicht umsonst legt man staatlicherseits auf die Pflege der vaterländischen Geschichte so hohes Gewicht, weil damit die Vaterlandsliebe, das Volksbewußtsein gehoben und gestärkt werden sollen. Wenn auch nicht bürgerlich und staatlich, so in religiöser Hinsicht ist die Belebung dieser Selbstachtung notwendig. Und unsere Geschichte belehrt uns, daß mir uns unserer Vergangenheit, unseres Stammes nicht zu schämen haben. Ist ja doch unsere Geschichte gerade die älteste, die von den höchsten Wahrheiten, von der Wellschöpfung, von den ersten Menschen und Völkern Kunde gibt, von Wundern, von göttlicher Mittheilung berichtet, wie sie nirgends zu finden und nirgends bestritten werden können. Und auf welch' hoher Culturstufe finden wir da schon unser Volk, und von welchen Nuhmesthaten wird uns da erzählt? Welchen Heroismus zeigten unsere Vorfahren, sowohl in der Vertheidigung ihres nationalen, wie des geistigen Gutes, insbesondere ihrer heiligen Religion. Unerhörte Akte der Todesverachtung und der Selbstverleugnung erregen selbst die Bewunderung der schlimmsten unserer Feinde, während andererseits ihre unerschütterliche Treue gegen Fürst und Vaterland, ihre geistige Ueberlegenheit geschätzt und durch fürstliches Vertrauen gewürdigt werden und ihnen selbst bei tyrannischen, judenfeindlichen Herrschern hohe Stellungen verschaffen. Muß die Kenntniß solcher Thatsachen nicht unsere Selbstachtung heben und die Liebe unserer heiligen Religion, durch welche wir zu solchen Tugenden und Vorzügen gelangen, vermehren? Nicht schämen wollen wir uns unseres Namens, unseres Stammes, mit Stolz wollen wir bekennen 'djn ,'ay, ein Jude bin ich mit solcher bedeutungsvoller Vergangenheit! Und endlich, wie viel können wir aus unserer Geschichte für die Gegenwart und Zukunft lernen. Wie sehr müssen wir uns durch dieselbe überzeugen, daß nicht das Preisgebcn unserer Religion, unseres gesetzmäßigen Lebens uns die Achtung unserer Mitbürger und den Schutz des Staates sichert, sondern das Gegentheit, das Festhalten an unserm Religionsgesetze, das uns zu guten Menschen und treuen Bürgern macht; die strenge, entsagende Lebensweise, die gewissenhafte Beobachtung aller Pflichten gegen Gott und 'Nebenmenschen, das Streben nach idealen Gütern, nach Sittenreinheit und Tugend, sie sind es, die uns die Achtung unserer Milbürger bringen und erzwingen und unsere soziale Stellung bessern. Das hat uns die Geschichte jeder -jeit gezeigt und das wird auch die Zukunft lehren. Von diesem vierfachen Gesichtspunkte aus dürfe es auch berechtigt erscheinen, das Leben und Wirken eines Mannes, wie Ehasdai Kreskas zum Gegenstand näherer Betrachtung und öffentlicher Behandlung zu machen. Zu diesem seinem Thema übergehend, glaubte der Redner zum besseren Verständniß und richtigeren Beurtheilung dieses eines der größten Männer des Judenthums Zeit- und Ortsverhältnisse in Betracht ziehen zu müssen. Die Zeit war wohl die Vorläuferin großer, weltnmgestaltender Ereignisse, wie die Entdeckung Amerikas, die Reformation und die Erfindung der Buchdruckerkunst, aber auch die Periode der schwärzesten Verfolgung gegen Andersgläubige, des wüthendsten Fanatismus und der grausamsten Tyrannei gegen unsere GFubensbrüder. Und der Schauplatz der zu behandelnden Lebensgeschichte war die pnrenäische Halbinsel, das Land, das die GeschichL schreiber seiner Natur wegen so gern das europäische Paradies nennen, das aber Menschen in ihrer geistigen Verirrung, in ihrer Glaubenswuth zur Hölle verwandelten, aus der die schwarzen Wolken der zahllosen Autos da Fe emporstiegen. Unter diesen Zeit- und Ortsverhältuissen war Ehasdai Kreskas zu einem Geistesheros herangereist und er setzte all seine Geisteskraft, alle Willensstärke zum Vesten seiner leidenden Brüder ein; er galt nicht nur als einer der größten Gelehrten, einer der tiefsten und schärfsten Denker seiner Zeit, sondern auch als hoher, edler Eharakter, als kluger, eifriger Kämpfer für feine Religion und seine Brüder, als Retter in schwerer Zeit, als Säule, an die sich die Schwachen und Sinkenden anlehnten. Dabei zeichnete ihn die Bescheidenheit aus; denn obwohl von hoher Abstammung, wie er selbst seine Ahnen bis in den vierten Grad angibt, und obwohl allseitig geehrt und fein Rath sogar von Fürsten und Notablen begehrt, nahm er nie eine hohe Stellung weder am Hofe, wo er in hohem Ansehen stand, noch als Rabbiner in einer Gemeinde an. Damit erklärt sich, daß uns doch nur Weniges aus seinem Privat-