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Der Israelit · 1896-04-30 · Heft 34 (30.4.1896) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 34 (30.4.1896)
Date
1896-04-30
Page
– (sequence 18)
Language
German
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:'V- 686 Ruhme und Glanze sie Bedeutendes beigetragen — ohne Schonung, ohne Erbarmen expatriirt. Die verzweifelten Juden wandten sich nach der Türkei, Italien und Holland, wo sie nachmals blühende Gemeinden gründeten. Wir finden sie in der Türkei, wo sie als tüchtige Aerzte, Gelehrte und Handelsleute sich Ansehen, Einfluß und Vermögen schafften. Unter merkwürdigen Umständen, die einer dramatischen Bearbeitung nicht unwürdig wären, gelang es im Jahre 1571 einem spanischen Juden Namens Don Josef Nassie zum Fürsten von Naros und der Cykladen erhoben zu werden. Dieser Mann war es auch, dem die heutige spaniolische Colonie in Bosnien ihren Ursprung verdankt. Dies ereignete sich in folgender Weise: Der kluge, erfahrene und geistreiche Don Josef Nassi war nicht nur der Bankier, sondern auch Rathgeber und Freund des Sultans Selim, eines Sohnes des berühmten Eroberers Solimau. Der edle Mann, vielfach unterstützt von seiner humanen Tante Donna Gracia, wirkte nach Möglichkeit zu Gunsten seiner Glaubensgenossen. So errichtete er Schulen, gründete Colonieu in Tiberias und Umgebung und erbat sich vom Nachfolger Selim's, Murad III., die Gnade, im damaligen Raszien und Mösien, d. i. im heutigen Serbien und Bosnien eine jüdische Colonie ansiedcln. zu dürfen. In solcher Weise gelangten laut archivalischen Aufzeichnungen die Spaniolen im Jahre 1574 nach Bosnien, demnach gehören sie schon seit mehr als drei Jahrhunderten zu beit Autochthonen des Landes. Mit erstaunlicher Treue bewahrten sie bis heute ihre Traditionen, hielten zäh an alten Sitten und Gebräuchen und wehrten sich mit Ausdauer gegen jede Aenderung ihrer durch historisches Recht begründeten Verhältnisse. Die Hauptursache dieser Stagnation mochte der stark ausgeprägte Familiensinn sein, welcher sie veraulaßte, sich von anderen Nationalitäten abzusondern und sich gleichsam krampfhaft in sich selbst zurückzuziehen: andererseits aber begünstigte diesen Stillstand auch die geographische Geschlossenheit und Abgeschiedenheit des Landes. Nur so ist es uns begreiflich, wie dieses Völkchen unberührt vom Hauche der Neuzeit, unbeeinflußt vom Geiste des Fortschrittes an vielen Srten auch noch heutigen Tages in der Weise lebt, wie dies ihre Vorfahren vor Jahrhunderten gethau. Hieraus ergibt sich auch die merkwürdige Erscheinung,' daß sich die patriachalischeu Urzustände bezüglich des geistigen, sozialen und religiösen Lebens selbst im heiligen Lande nicht in solcher Reinheit erhalten konnten, wie in diesem bis vor kurzer Feit noch ganz weltvergessenen Erdenrvinkel. Doch im Jahre 188", nach der Ocenpation Bosniens, begann auch hier eine neue Aera. Die verschieden-artigsten und sprachigen Elemente überschwemmten einer Sturrnslut gleich das Land, die Verwaltung wurde eine bessere, tiefgreifende Aenderungen mußten auch infolge des entwickelten Communieatiouswesens und der stets lebhafter sich gestaltenden Handelsverbindungen im Leben des Volkes sich geltend machen und wohlthätigen Einfluß üben. Auch die von alterSher hier anfäsigen Spaniolen mußten sich dem neuen Zeitgeiste fügen, anfangs thaten sie dies etwas mißtrauisch, später doch mit bedingungsloser Hingebung und Bereitwilligkeit. Dessenungeachtet bleiben die Alten im wahren Sinne des Wortes eonservativ, unbekümmert um die rüstig vorwärts strebende und streitende Jugend verharren sie starrsinnig in ihrer altgewohnten Lebensweise und bei ihrem Kauderwälsch, welches sie mit Stolz ..linpun franca** nennen. Die Anzahl der Spaniolen in Bosnien schwankt heute zwischen 6000—looo Seelen. Am dichtesten wohnen sie in den Städten, Sarajevo allein zählt deren 30o0. Die steinige Herzegowina schien ihnen weniger zu behagen, wahrscheinlich weil sich dort für den Handel und den Geldwechsel, ein ininder günstiges Terrain anbot. Für Ausübung von Handwerken besitzen sie nur geringe Vorliebe. Hinsichtlich der Tracht gleichen sie den Türken, von welchen sie blos der Mangel des Turbans und der geivöhnlich mit Pelz verbrämte Talar unterscheidet. Die „Neotogen" kleiden sich jedoch ganz nach französischem Muster, als Kopfbedeckung behalten sie jedoch in den meisten Fällen den Fez bei. Derjenige Spaniole, der auch diesen ablegt und einen modernen Hut trägt, ivird bei den Spaniolen mit Mißtrauen und Geringschätzung behandelt. Die Frauentracht gleicht jener der ..tmIoseliG, d. h. der deutschen Frauen, mit dein Unterschiede, daß die verheirathete Spaniolin die Stirnbinde aus Seide oder buntem Tuch trägt, welche bei den Wohlhabenden noch mit einer Silber- oder Goldborte, oder auch mit einer Dukatenreihe besetzt ist. Dieser Schmuck läßt die au und für sich feincu und weichen Züge der Spaniolinnen noch vortHeil- Hafter zur Geltung kommen. Aeltere Frauen, besonders aber Wittwen, benützen auch große, weiße Umhängtücher, welcher sie schon den Türkinnen ähnlicher erscheinen lassen. Interessant ist es, daß Gold- und Silberinünzen bei ihnen als gute Palliative gegen gewisse Krankheiten gelten. So zeigt sich schon bei den nneivilisirtesten Volksstämmen die magische Gewalt, welche die Edelmetalle von jeher ans die Menschen geübt. In ihrem Volksglauben spielt aber auch der bei uns so oft geringschätzig behandelte .Knoblauch eine große Rolle. Diese nützliche Knollenpflanze wird als Uni-

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