Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 34 (30.4.1896)
- Date
- 1896-04-30
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448608-2448641--41706-2490675- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
674 Geist und das Andenken lebt fort und fort in seinen guten und edlen Werken. Vor der Abfahrt der n»6 von Karlsruhe hielt Herr Rabbiner Dr. Appel eine Rede, worin er die ganze Thätigkeit des seligen Herrn I. Rosenbusch in wahrheitsgetreuer Weise schilderte. Am Grabe in Obergrombach hielt Herr Bezirksrabbiner Dr. Eschelbach e r von Bruchsal eine von Herzen kommende Grabrede, schilderte die rastlose Thätigkeit, Gewifsenhaftigkeit und überhaupt alle edlen Eigenschaften des Verstorbenen. Bekannt ist auch der wohlthätige Sinn des Verstorbenen und mancher Arme wird seinen raschen Tod bedauern. Oe st er r.-Ungar. Monarchie. Wien, 27. April. Die Wiener Bürgermeister- Frage hat eine plötzliche und überraschende Wendung genommen. Die von der antisemitischen Presse schon am Samstag colportirten Gerüchte von einer Audienz Dr. Lueger's beim Kaiser, welche an allen zuständigen Stellen auf das bestimmteste dementirt worden waren, haben sich dennoch bestätigt. Dr. Lueger wurde heute Vormittags um 1/2H Uhr in den allgemeinen Audienzen vom Kaiser empfangen, und das Resultat dieser Audienz ist, daß Dr. Lueger freiwillig auf die Bürgermeisterwürde verzichtet. Es wird zwar versichert, daß Dr. Lueger um diese Audienz angesucht hat und der Monarch ihm im Verlaufe derselben es als unmöglich erklärt habe, ihn dermalen zu bestätigen; es wird aber hinzugefügt, daß die Audienz durch die Vermittlung des Grafen Badeni zu Stande gekommen ist und daß der Verzicht auf die Bürgermeisterwürde als ein Opfer von dem Patriotismus des Herrn Lueger verlangt worden ist. Die Regierung ist allerdings auf diese Art der Schwierigkeit einer abermaligen und vielleicht noch zu wiederholenden Auflösung des Gemeinderathes überhoben, allein der Eindruck, den es macht, daß unmittelbar nach der hochmüthigen, nicht blos den Kampf gegen die diesseitige, sondern auch gegen die ungarische Negierung proclamirende Rede, welche Dr. Lueger nach seiner letzten Wahl gehalten hat, die Regierung es ist, die sich in Unterhandlungen von Macht zu Macht mit ihm eingelassen hat, muß in hohem Grade peinlich genannt werden. In allen Kreisen, welche nicht zu der unmittelbaren Anhängerschaft Dr. Lueger's gehören, kann es nur mit Betrübniß wahrgenommen werden, daß die Autorität nicht blos der Regierung selbst, sondern auch der Krone engagirt worden ist, um Dr. Lueger zum freiwilligen Verzichte auf ein Amt zu bewegen, welches er ohne den Willen der Regierung nicht antreten konnte, und daß dies unmittelbar nach der alle Autoritäten im Staate heraussordernden Rede geschah, in welcher Dr. Lueger eben dieses Amt anzunehmen erklärte. Dieser Eindruck ist ein allgemeiner nnb besonders stark in bcu Kreisen der liberalen Abgeordneten, welche diese Lösuug der Bürgermeister-Frage als eine Enttäuschung und als einen Widerspruch mit den bisherigen Erklärungen des Grafen Badeni empfinden. Im Abgeordnetenhause rief die Nachricht von der Audienz des Dr. Lueger beim Kaiser in allen Kreisen große Erregung hervor. Anfangs bezweifelte man die Meldung, da dieselbe noch am Samstag ge- (enguet wurde. Heute wurde im Abgeordnetenhause die Nachricht colportirt, daß Ministerpräsident Graf Badeni von dem Ansuchen Lueger's um Gewährung einer Audienz schon seit der letzten Sitzung des antiliberalen Bürgerclubs des Gemeinderathes Kenntnis; hatte, und daß er die Audienz selbst vermittelt habe. Es wurde hiebei erzählt, Graf Badeui habe nach den Sitzungen des Bürgerelubs Dr. Lueger kommen lassen und ihm erklärt, er könne ihn nicht zur Bestätigtlng Vorschlägen, und er (Dr. Lueger) werde auch nicht bestätigt werden. Dr. Lueger habe darauf erwiedert, das sei wohl nur die Meinung des Ministerpräsidenten, er möchte das aus dem Munde des Kaisers hören. Graf Badeni habe nun dem Dr. Lueger gesagt: „Daun lverde ich Ihnen eine Audienz erwirken/" Die heutige Audienz sei die Folge dieser Unterredung. Alle antisemitischen Organe stimmen — wie auf eine gegebene Ordre — darin überein, die Audienz an sich schon als einen Sieg imb Erfolg, als eine Anerkennung der antisemitischen Partei und ihres Führers ztt feiern. Das „Deutsche Volksblatt" spricht dies offen aus, indem es schreibt: „Die Berufung Dr. Lueger's zum Kaiser bedeutet die vollständige Anerkennung der antisemitsischen Partei, sowie der Bedeutung Dr. Lueger's als Führer der Partei und Reorganisator der Verwaltung Wiens." Rußland. Petersburg, im April. Die hiesige jüdische Gemeindeverwaltung, osfieiell „wirthschaftliche Verwaltung der St. Petersburger Synagoge" genannt, hat dieser Tage einen Rechenschaftsbericht für das Jahr 1894 veröffentlicht, worin unter Anderem ein Ausweis über die Einnahmen und Ausgaben zttm Bau der großen Synagoge enthaltet! ist. Dieser Ausweis bringt manche so interessante und geradeztl charakteristische Zahlen, daß ich nicht um hin kann, auf dieselben aufmerksam zu machen. Der Bau kostete im Ganzen 576,733 Rubel 87 Kop., zu deren Deckung, außer dem aus freiwilligen Spenden gesammelten Capitale, noch eine im Betrage von circa 200,000 Rubel gemachte Anleihe verwendet wurde. Da bei der überhaupt sehr geringen zahlungsfähigen Mitgliederanzahl der Gemeinde und in Angesicht dessen, daß