Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 34 (30.4.1896)
- Date
- 1896-04-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XJLJLTTOL Jahrgang. Erste Krilaae M M 34 des „Israelit". Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin. In den höheren Knabenschulen in Preußen waren am 1. November 1895 jüdische Lehrer angestellt: Westpreußen 1 Jude. Posen: 3 Juden. Schlesien: 5 Juden. Brandenburg: 20 Juden. Sachsen: 1 Jude. Hessen: Nassau: 21 Juden. Bemerkenswerth ist dabei, daß von den 20 Juden der Provinz Brandenburg 18 an Berliner Schulen angestellt sind, von den 21 der Provinz Hessen-Nassau 18 in Frankfurt a. M. an den beiden höheren Schulen der jüdischen Gemeinden unterrichten. Es sind also von im ganzen 51 jüdischen Lehrern an Knabenschulen in Preußen nicht weniger als 36 in Berlin und Frankfurt, in dem ganzen übrigen Staate also nur 15 thätig. Und das nennt sich verfassungsmäßige Gleichberecht-gung. Erfurt, 25. April. (Au t i s e m i t i s m u s i n der Schule.) .Hierselbst ist es bei der Einführung eines neu ernannten Oberlehrers zu einer peinlichen Scene gekommen, deren Urheber der Director des Kgl. Realgymnasiums, Dr. Zange, ein ausgesprochener conservativer Parteimann mit antisemitischer Gesinnung, ist. Ein in allen Kreisen der Stadt hochangesehener jüdischer Lehrer Dr. Pick, bekannt als .Historiker und Alterthumsforscher, der bisher an einer höheren Handelsschule thätig gewesen, ist von der Kgl. Regierilng zum Oberlehrer am Realgymnasium ernannt worden. Beim Wiederbeginn des Schulunterrichts nach den Osterferien benutzte nun der oben genannte Director den Einführungsact, um vor versammelter Schule seinen Unwillen über die Ernennung des neuen Lehrers Ausdruck zu geben. Der Herr Director erklärt nach der Vorstellung des Dr. Pick offen, daß er alle ihm zu Gebote stehenden Mittel zur Hintertreibung der Wahl desselben versucht habe; selbst weite Reisen habe er nicht gescheut. Sein Streben sei jedoch erfolglos gewesen und Herr Dr. Pick zuur Lehrer an der Schule ernatml worden. Er betrachte dieses als einen Mißgriff; die Zahl der jüdischen Schüler am Realgymnasium sei so klein, daß sich die Ernennung eines jüdischen Lehrers nicht rechtfertigen lasse. Trotzdem sei dieselbe erfolgt und könne er, der Director, heute nur noch den Wunsch aussprechen, daß Herr Dr. Pick stets unparteiisch handeln möge. Diese sonderbare, den Oberlehrer Dr. Pick unzweifelhaft verletzende und seine Autorität als Lehrer untergrabende Ansprache hat bei der großen Mehrzahl der Zuhörer, bei Lehrern und bei Schülern, peinliches Aufsehen erregt. Der Herr Director übersah bei derselben offenbar ganz, daß er in feinem antisemitischen Eifer seine Vorgesetzte Behörde einer Kritik unterzog und daß seine Ausführuttgen gegen den Geist und Wortlaut der preußischen Verfassung verstießen. Interessant ist es übrigens auch, daß die oben geschilderte Scene sich an einer Schule abspielte, deren Begründer und erster Leiter ein Jude, der noch heute verehrte Dr. Unger war, dessen Bild die Aula des Gymnasiums ziert, und dessen Grab bei der kürzlich stattgefundenen Jubelfeier des Bestehens der Schule officiell geschmückt wurde. Dr. Unger's Verdienste um die Schule und sein lauterer Charakter wurden bei der Jubelfeier vor kaum einem Jahre gepriesen und gefeiert, und das geschah, trotzdem der Verstorbene der jüdischen Religion augehörte. Sein Nachfolger aber hält es für angebracht, einen verdienten Schulmann anzugreifen, weil er Jude ist. Wo bleibt da die Logik?! Weingarten (A. Durlach), 23. April. Heute konnten wir wieder beobachten, daß der Werth eines Menschen meistens erst nach seinem Tode voll erkannt wird. Nachdem bekannt war, daß unser seit 6 Monaten von hier nach Karlsruhe verzogener, langjähriger Mitbürger Herr I. Rosenbusch, Lehrer a. D., nach kurzer Krankheit entschlafen und daß dessen irdische Hülle durch den hiesigen Platz nach dem Obergrombacher Friedhof verbracht wird, rüstete sich Alt und Jung zu einer würdigen Ehrung des Verblichenen. Am Eingang des Ortes von Durlach her hatte sich eine große Leichenbegleitung aus allen Konfessionen, unter welcher besonders das Lehrerkollegium vollzählig vertreten war, versammelt; außerdem halten sich die Schüler der israelitischen Schule unter Führung ihres Lehrers Herrn Ehrlich aufgestellt, um den sterblichen Ueberresten ihres langjährigen Lehrers das Geleit zu geben. Kurz nach elf traf der Leichenzug ein. Vor dem Dorfe verließen die Leidtragenden den Wagen, und nun ging es in langem Zuge, an den sich immer mehr anschlossen, bis an den Ausgang des Ortes. D'.e Stimmung war eine äußerst feierliche und gedrückte. Hier hielt Herr Lehrer Ehrlich eine ergreifende, schön durchdachte Rede, er hob hervor, wie sehr der Mann, der 35 Jahre lang am hiesigen Platze segensreich gewirkt und geschafft, durch sein freundliches Wesen die Herzen aller eingenommen, bedauerte, daß er die wohlverdiente Ruhe, die er sich nach einem Leben voller Arbeit und Aufopferung im Kreise seiner Kinder gönnen wollte, nur so kurz genoß und daß er so bald seiner lieben Gattin im Tode folgte. Er tröstete die Leidtragenden durch den schönen Gedanken: Der Körper geht dahin, doch der