Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 33 (27.4.1896)
- Date
- 1896-04-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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650 dies in. B. M., C. 26, V. 9; ibid V. 4; Mischle C. III, V. 1, 12, 23, 24 und sonst deutlich ausgesprochen ist. Diese Dinge erlangt, oder genauer, erwirbt der in reiner Absicht Thorabeflissene als Eigenthum. Was andere leistungslos genießen, ist nur ein Darlehen für das sie früher oder später aufkommen müssen, wie dies ein Ausspruch R. Akiba's im III. Abschnitt der Sprüche der Väter veranschaulicht, nxnn toi mV>i K'.a\ Die Errungenschaften dagegen, die das redliche Studium der Thora seinen Jüngern bedingt, sind Ersatz für ihr selbstloses Leben und Streben und bleiben daher unverlierbares Eigenthum. Daß die ganze Welt einem solchen Menschen zustehe, der Gottes in der mm niedergelegtes Gesetz ohne unlautere Nebenabsichten lernt und erfüllt, ist keine Hyperbel, sondern ist in des Wortes wörtlichster Bedeutung zu nehmen. Für die Anschauung, welcher in diese Welt das ganze Leben aufgeht, erscheint diese Behauptung übertrieben. Wir müffen daher die Bestimmung des Menschen nach der Lebensanschauung unserer Weisen uns vergegenwärtigen, um diesen Satz zu verstehen und richtig zu würdigen. Diese lehren als Endzweck des Menschen und als letztes, höchstes Ziel seiner Schöpfung, daß er sich ergötze an Gott und Genuß empfinde an seiner Herrlichkeit. Dieses lehren sie als die einzige, wahre Freude und als die größte aller denkbaren Wonnen. Der Ort dieser Wonne ist aber in Wahrheit die zukünftige Welt, denn diese schließt alle zu diesem Zwecke nöthigen Bedingungen in sich. Der Weg, den man, um zu diesem Ziele zu gelangen, zurücklegen muß, ist diese Welt. Dies ist ausgesprochen in den Worten der Weisen, daß diese Welt einer Vorhalle für die zukünftige Welt gleiche. Das Mittel» jenen Endzweck zu erreichen, ist die Kenntniß und Erfüllung der Pflichten, die uns Gott auferlegt hat. Der Ort hierfür ist aber ausschließlich diese Welt. Deshalb ist der Mensch in diese Welt gesetzt, damit er durch dieses Mittel, das ihm hier zugänglich ist, an den Ort gelangen kann, der ihn dauernd aufnehmen soll. Diese Wahrheit knüpfen die Weisen (Talmud Erubin, Fol. 22) an die Worte: ojn ispn Dn^yb rn'.-r oont* ysto (V. B. M., C. VII. V. 11): Heute sind sie (die Gebote) zu erfüllen und morgen ist der Lohn zu ernten. Um dieses zu erlangen darf der Mensch keine Mühe scheuen und muß stetig das Streben danach im Auge haben. Dieses Streben wird wesentlich durch Lernen der uns obliegenden Pflichten erreicht und durch gewisienhafte Erfüllung derselben. Freilich hat Gott die äußeren Einflüsse auf die Menschen so gestaltet, daß sie von Ihm entfernt zu werden, Gefahr laufen. Diesen Einfluß üben die sinnlichen Gelüste auf den Menschen aus, durch welche er, wenn er sich ihnen hingibt, immer weiter von dem wahrhaft Guten entfernt wird. Es ist somit ein fortwährender Kampf, in dem der Mensch lebt. Denn alle Verhältnisse des Lebens, die angenehmen wie die unangenehmen enthalten für den Menschen Prüfungen, der Reichthum einerseits und die Armuth andererseits, wie es in den Sprüchen Salomos (Cap. 30) heißt: „Armuth und Reichthum gib mir nicht, gib mir mein ausreichendes Brod, ich möchte sonst satt werden und leugnen und sprechen, wer ist Gott, oder verarmen und stehlen, und mich am Namen meines Gottes vergreifen." Mag nun sorglose Ruhe oder rastlos nagender Schmerz dem Menschen beschieden sein, er hat unter allen Verhältnissen einen Kampf zu bestehen. Derjenige aber, der in jeder Lebenslage muthig den ihm beschiedenen Kampf aufnimmt, so daß er Sieger bleibt, der ist der vollkommene Mensch, welcher die Annäherung an seinen Schöpfer erreichen und, wenn er dereinst die Vorhalle durchschritten, in den Palast einziehen wird, um dort im Lichte des ewigen Lebens zu strahlen. Dort wird er nach Maßgabe der Anstrengung, die er im Kampfe gegen die Leidenschaften für sinnliche Genüsse bethätigt und nach Maßgabe des Verhältnisses, in welchem er sich von den für die Ausübung des Guten schädlichen Einflüssen fern gehalten und sich bestrebt hat, das Gute zu erreichen, dieses auch genießen und sich an der Freude mit demselben ergötzen. Vertieft man sich noch mehr in den Gegenstand, so wird man sehen, daß die Welt erschaffen ist, damit sich der Mensch ihrer bedienen kann. Dieser Umstand gibt sich freilich sehr verschieden kund. Denn, wenn die Menschen sich von der Welt fortreißen lassen und sich von ihrem Schöpfer entfernen, so gehen sie zu Grunde und ziehen die Welt mit sich in den Abgrund. Wenn sie dagegen sich beherrschen, sich ihren: Schöpfer nähern und sich der Welt nur bedienen, un: dadurch Gott um so besser dienen zu können, so werden sie emporgehoben und die Welt mit ihnen. Behaupten doch unsere Weisen, daß alle Geschöpfe, selbst leblose veredelt werden, sobald sie in den Dienst eines vollkommenen, sich Gott weihenden Menschen treten. So weisen sie diese Wahrheit an den: Lichte nach, das Gott den Frommen ausbewahrt und im Hinblick auf die Steine, die sich darum stritten Vater Jakob als Ruhekissen zu dienen (Talmud Chullin fol. 91 und Midrasch Vereschith Rabba z. St.) Zu diesem Gedanken leitet auch der Ausspruch der Weise:: (Midrasch Kohelet Rabba VII) hin: „Als Gott Adam erschaffen hatte, führte er ihn an sämmtlichen Baumarten des Gartens Eden vorüber und sprach zu ihm: Siehe, wie schön und kostbar ineine Geschöpfe sind; alles, was ich erschaffen, habe ich deinetwegen erschaffen: gib acht, daß Du meine Welt nicht verdirbst."