Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 32 (23.4.1896)
- Date
- 1896-04-23
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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643 Der Verein der BWn Kehrer in Rheinland «nd Weflsairn. Die allgemeinen und die jüdischen Zeitungen, die Tagesblätter und die Fachschriften weisen in letz- 1er Zeit immer nachdrücklicher und dringender darauf hin, daß die soziale Lage des Volksschullehrerstandes eine solch' jämmerliche ist, daß der Volksfreund feine Augen nicht mehr verschließen kann, um das Elend nicht schauen zu wollen. Die Presse weist jetzt auch darauf hin, daß das Loos des nicht an öffentlichen Volksschulen wirkenden jüd. Lehrers noch viel, viel trauriger ist. — Alle bekennen es, alle missen es, aber niemand sagt \riy *,\mü woher uns die Hilfe kommerr soll. „Hammeliz" vom Jahre 1894 ruft in einein größeren Artikel über Die jüd. Lehrerfrage aus: „Eine böse, traurige Krankheit mußte im jüd. Lehrerstande dadurch entstehen, daß die Lehrer ihr Gewerbe hassen müssen; sie betrachten den Lehrerstand nur als ein Durchgangsstaoium, und wie jeder Israelit auf das Kommen der messianischen Zeit wartet, so ersehnt jeder jüdische Lehrer den Tag, der ihn von dem „bitteren" Berufe erlöst." Dies paßt nicht nur für den russischen Melammeo, sondern auch für den seminaristisch ausgebiloeten und staatlich geprüften jüo. Lehrer in Deutschland. Natürlich muß die gedrückte soziale Lage, das bittere (Gefühl der Nahrungssorgen nicht nur auf den Lehrer, sondern auf die Schule, die Kinder nachrheilig wirken und keine herrlichen Früchte gedeihen lassen. Es hätte also niemand mehr Interesse und Verpflichtung, diesem für die Dauer unhaltbaren Zustande abzuhelfen, als die Eltern, die Familienväter, und zwar die Reichen in Israel. Unsere Weisen sagen: „Kein Gefangener kann sich selbst befreien" und auch der Lehrer kann sich nicht selbst aus dem Schlamme vergangener Zeiten emporarbeiten, wenn ihm nicht von oben die rettende Hand dargereicht wird, die mitarbeitet an der Hebung des jüdischen Lehrerstandes und damit an der Zukunft des jüdischen Volkes. Ein Verdienst auf diesem Gebiete hat sich Herr r. Vieberfeld-Berlin erworben, indem er in einem Artikel im „Lehrer und Eantor" Nr. 3, I. 1896 über die „soziale Lage des jüdischen Lehrerstandes" u. A. Folgendes aussührt: „Zu dem Mangel einer irgendwie ausreichenden Besoldung treten beim jüdischen Lehrer noch die vielen Schattenseiten, welche die Anstellungsverhältnisse aufweisen, das Fehlen jeder Fürsorge für die Invalidität, für die Sicherstellung der Hinterbliebenen hinzu, um den unter den schwierigsten Verhältnissen an der Erziehung und Heranbildung der jüdischen Jugend wirkenden Männern oft nichi nur die Lust am Schaffen, sondern sogar den Willen zum Leben zu trüben und zu beeinträchtigen. Es wäre auf diesem Gebiete vieles vielleicht anders und besser, wenn die Erkenntniß dieser traurigen Uebelstände, die jetzt — Dank der Bescheidenheit der Lehrer — das unerfreuliche Gut einiger Eingeweihten ist, eine allgemeinere wäre. Es ist der erste und um so anerkennenswerthere Versuch in dieser Richtung, welchen der „Verein von jüd. Lehrern in Rheinland und Westfalen" jetzt gemacht, indem er in einer Denkschrift über die soziale Lage des jüd. Lehrerstandes die einschlägigen Verhältnisse auf Grund zuverlässiger Materialien behandelt und feststellt." Diese Denkschrift wurde an sämmtliche Behörden gesandt und ist von jedem Interessenten kostenfrei beim Vorsitzenden des Vereins Herrn Rabbiner Dr. Lazarus in Köln, Königsplatz 33, zu erhalten. Das „Berliner Tageblatt" schrieb am 10. Febr. 1896 über diese Denkschrift: „Das ganze Elend, dem jüd. Lehrer dadurch ausgesetzt sind, daß ihnen alle Beamteneigenschasten und -Rechte, deren sich ihre christlichen Kollegen erfreuen, wie geregelte Anstellungsbedingungen, Versorgung in Krankheitsfällen, Sicherstellung der Hinterbliebenen völlig vorenthalten bleiben, wird in dieser „Denkschrift" an der Hand einer sorgsamen Statistik in einer geradezu entsetzenerregenden Klarheit geschildert. Ist die Lage des Volksschullehrers im Allgemeinen schon schlimm genug, so ist die des jüdischen eine in jeder Beziehung qualvolle und entwürdigende — schließlich sind di' jüdischen Volksschullehrer — auch Menschen, so zu sagen." Wir erkennen aus dem Vorhergehenden, daß der junge „Verein oer jügischen Lehrer in Rheinland und Westfalen" weder Mittel noch Zeit gescheut hat, um bessere Zustände herbeisühren zu helfen und richten an alle Schweftervereine die dringenoste Mahnung, aus dem beschrittenen Wege weiterzuarbeiten, für jede Provinz in einer auf gewissenhaftester Statistik beruhenden Denkschrift die (schlimme, traurige) Lage des jüd. Lehrerstandes in ihrer traurigen Wahrheit Darzustellen (für Behörden und Menschenfreunde) und dieses Material soviel als möglich zu verbreiten. Hier folge nun der Bericht über die in Düsseldorf am 6. April d. I. stattgehabte außerordentliche Generalversammlung des genannten Vereins, die recht gut von ordentlichen Mitgliedern und Gästen besucht war. Nachdem das Protokoll oer Neujahrsoersammlung vorgelesen und genehmigt war, erstattete Herr Lehrer Sulmann-Köln in Vertretung des Kassierers Herrn Bankier Wulff-Köln den Kassenbericht, nach