Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 32 (23.4.1896)
- Date
- 1896-04-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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631 Feuilleton. per Letzte seines Stammes Erzählung von Alphon fr de la Haye.;50) (Alle Rechte Vorbehalten.) „Und doch muß ich Sie bitten, mein lieber Elchonon, noch einige Augenblicke sich zu gedulden; denn zuerst müssen Sie es sich gefallen lassen. Einiges über mich zu vernehmen. Sie müssen doch erst die Ueberzeugung gewinnen, daß ich niemals die Hand zu den Bestrebungen der Gräfin bieten werde. Ihre Aufmerksamkeit bitte ich mir also aus. Mein Vater Baron l'Endome war ein herzensguter Mensch, aber — ich muß zu meiner eignen Schande eingestehen — ein sehr leichtsinniger Mensch und großer Lebemann. Sein väterliches Vermögen war verwirthschaftet und auf dem Familiengut lasteten mehr Hypotheken, als es werth war. Eine reiche Heirath war das einzige Mittel, um dem bevorstehenden Ruin Halt zu gebieten. Dazu war die Tochter des reichen Banquier Ehrmann gut genug. Er wußte sich in das Herz der harmlosen, in der Welt unerfahrenen Jungfrau einzuschleichen, daß sie sogar seinetwegen die Religion ihrer Väter aufgab." „So war Ihre Mutter keine Katholikin?" frug Elchonon gespannt. „Nein! Sie war eine Jüdin." „Eine Jüdin?" — frug Elchonon mit Staunen. „Was ist denn Sonderbares dabei?" „Was Sonderbares dabei ist?" lachte Elchonon laut, „der ganze edle Name de la Pelouse scheint ja unaufhaltsam der Verjudung entgegenzugehen! Arme Eomtesse! Ein unheimlicher Stern scheint über Deinem Namen zu walten! — Doch bitte, fahren Sie fort, liebe Martha." „Nachdem sich meine Mutter zum Uebertritt bereit erklärt hatte, fand die Vermählung statt. Leider war sie zu schwach um den leichtsinnigen Neigungen meines Vaters entgegenzutreten, statt diese einzuhalten, sie leistete diesem in ihrer Verblendung sogar Vorschub. Kurz, schon in wenigen Jahren war das reiche Heirathsgut meiner Mutter bis auf den letzten Pfennig durchgebracht; auch das Familiengut kam unter den Hammer. Meine Mutter fing zu kränkeln an und Mangel und Noth war ein täglicher Gast in uuserm Hause. Zu stolz, um feine Verwandte die Gräfin de la Pelouse, um eine Unterstützung zu bitten, raffte sich mein Vater endlich auf, um sich nach redlicher Arbeit umzufehen. Er fand auch eine bescheidene Anstellung in einem Geschäfte, die aber in einem Jahre kaum soviel eintrug, als er in früher» Zeiten an einem Tage verjubelte. Kurz, meine Mutter starb im Elend, auch mein Vater wurde kränklich und konnte seinem Erwerb nicht mehr nachgehen. Rastlos, Tag und Nacht arbeitete ich an Stickereien, um das Aeußerste zu verdienen, die drückende Noth zu lindern. Doch was vermag ein schwaches Mädchen viel zu erwerben? Mein Vater wurde nunmehr bettlägerig und seine Besorgung hinderte mich sogar, fleißig bei meiner Stickerei, dem einzigen Verdienst unseres Hauses, zu bleiben. Eines Tages, als ich so mit beklommenem Herzen an meinem Stickrahmen saß und Thränen des tiefsten Schmerzes vergoß, ob meiner Verlassenheit, betrat unser Hausarzt, d. h. der Armenarzt Dr Longini, das Zimmer. Verwundert blieb er stehen und betrachtete mich mit mitleidigen Blicken. Er frug mich, weßhalb ich weine und bat mich, ihm Alles anzuvertrauen. Ich brach in ein konvulsivisches Schluchzen aus und schüttete ihm ohne Ueberlegung mein ganzes Herz aus. Von jener Stunde rührt meine Bekanntschaft mit Dr. Longini her!" „Ach, das ist mir neu", rief Elchonon aus. „Sie kennen Dr. Longini von früher her. Eigenthümlich! Er erwähnte es mir gegenüber mit keinem Worte." „Das läßt mich noch tiefer in sein edles Herz blicken", versetzte Math«. „Er versprach mir, sich an die Gräfin um Hilfe für uns zu wenden und bat mich, bis dahin ruhig zu sein und meine Gesundheit zu schonen; denn die Sorgen und die Arbeit hatten meine Wangen gebleicht. Schon Tags darauf lief eine erhebliche Summe mit der Post von R . . . mon ein, die, wie ich glaubte, von der Gräfin uns gesandt wurde. Ich schrieb ihr einen Brief voll dankbarer Rührung; allein nach Wochen kam der Brief zurück mit der Bemerkung, daß der gegenwärtige Aufenthaltsort der Gräfin nicht bekannt sei. Ich wußte mir dieses Räthsel nicht zu lösen. Unterdeß kam Dr. Longini, welcher jeden Dankausbruch mit Ernst und Entschiedenheit ablehnte, jeden Tag zwei Mal, um nach meinem Vater zu sehen; ich gewann ihn lieb und es fehlte mir etwas, wenn er einmal ausblieb. Leider dauerte dieser Verkehr nur wenige Monate; denn mein Vater starb bald an einer Herzlähmung und an dem nämlichen Tage traf auch die Gräfin bei uns ein. Sie erzählte, daß sie in Nizza einen Brief von meinem hiesigen Arzt erhalten habe, der sie aufgefordert, eilends hierher zu kommen, wenn sie noch Baron l'Endome beim Leben antreffen wollte. Sie habe gar nichr gewußt, daß mein Vater krank sei und machte mir Vorwürfe, daß ich nicht schon früher Hilfe bei ihr gesucht habe. Jetzt war es mir klar, wer der Absender jener Summe war. Ihm war damals der Aufenthalt der Gräfin ebenso unbekannt, wie mir und weil schleunige Hilfe Noth that, zögerte der edle Mensch keinen Augenblick, diese aus eignen Mitteln herbeizuschaffen. Er fand auch den Zustand meines Vaters hoffnungslos und wußte mit schreck-