Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1896-04-20 · Heft 31 (20.4.1896) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 31 (20.4.1896)
Date
1896-04-20
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448608-2448638--41648-2490614
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

619 reife begriffenen Bezirksvorstand zu begrüßen, und riefen, als sie seiner ansichtig wurden, wie Ein Mann: „Herr, erlaube den Juden, zu uns fahren zu dürfen: sie kaufen uns unser Getreide um gute Preise ab, während wir, seitdem sie ausgewieseu wurden, unser Getreide an die orthodoxen Ausbeuter fast umsonst verkaufen müssen." Dabei zeigten die Bauern auf die in ihrer Mitte stehenden christlichen Getreidespeculanten. Daß sich die Bauern von Beresna an den Bezirksvorstand mit der Bitte um Nückberufung der Juden wendeten, legt allerdings Zeugniß von ihrer Naivität ab. Die Forderung der Bauerngemeinden überhaupt nach Rückberufung der ausgewiesenen Juden bewog indeffen die Vertreter der Stände, einen Congreß einzuberufen, auf welchem die wirthschaftliche Lage des Landvolkes besprochen und die Mittel zur Hebung des ökonomischen Wohlstandes in den Dörfern ausfindig gemacht werden sollten. Dieser Congreß fand nun in der im Gouvernement Pollawa liegenden Stadt Lochwitz statt, und die von demselben gefaßte Resolution wirft ein helles Licht auf die Verlogenheit und Fälschungskunst unserer Judenfeinde. Der Vorsitzende des Congreffes, ein reicher Gutsbesitzer und Experte des Ackerbauministeriums, Alexander Nikolajewitsch Chadolej, sagte in seiner Begrüßungsrede: „Die Vertreter der Interessen des Volkes, die es mit dem Volke wahr und ehrlich meinen, haben nicht das Recht, die Rolle zu verheimlichen, welche die Juden trotz ihrer Rechtlosigkeit im ökonomischen Leben des Reiches spielen und welche sie erst spielen könnten, wenn man sie zu rechtmäßiger Theilnahme an diesem Leben heranziehen wollte." Nachdem die Mitglieder des Congreffes constatirt hatten, daß die bäuerliche Bevölkerung durch die Judenausweisungen in ihren vitalsten Interessen geschädigt wurde und daß das ganze Volk die Politik der Judenverfolgung durchaus mißbillige, faßte der Congreß einstimmig folgende Resolution : „Die Lage der Juden ist eine anormale. Alle redlichen Wege zur Erlangung eines Erwerbes werden ihnen verschlossen. Unter anderen Verhältnissen aber könnte die orthodoxe Bevölkerung die den Juden von der Natur verliehenen Fähigkeiten vortheilhaft ausnützen. Die Heranziehung der jüdischen Bevölkerung zur gleichberechtigten Theilnahme an dem ökonomischen Leben des Reiches würde auf den Wohlstand der Gesammtbevölkerung einen günstigen Einfluß üben, denn die Juden weisen die glückliche Vereinigung von Arbeitsamkeit, Ehrlichkeit und Unternehmungslust auf, welche Eigenschaften gegenwärtig zum Bedauern Aller dem ökonomischen Leben des Reichs entzogen werden. Der Congreß erachtet es deshalb für seine patriotische Pflicht, die gleichberechtigte Theilnahme der Juden am ökonomischen Leben des Reiches wärmstens zu befürworten." Die Manifestation des Congreffes gewinnt noch an Bedeutung, wenn man in Erwägung zieht, daß es sich hier um jüdische Händler handelt, gegen welche die Judenfeinde ihre giftigsten Pfeile richten. Man kann daraus wohl ersehen, wie das Volk erst über die jüdischen Handwerker denkt, die im Schweiße ihres Angesichtes ihr kärgliches Brot verdienen und deren Zahl vierzig Procent der gesammten jüdischen Bevölkerung Rußlands ausmacht. Der Congreß hat seine Resolution dem Ackerbauminister zugeschickt. Die Absicht, len Czar selbst auf die anormale Lage der Juden aufmerksam zu machen, ließ man fallen. Die Resolution dürfte jetzt kaum die gewünschte Wirkung Hervorrufen; jedenfalls aber hat sie moralischen Werth als Volksvotum für die Juden und gegen deren Feinde. „Fr. Bl." Moskau, im April. Der Minister des öffentlichen Unterrichts hatte in den letzten Jahren die Freistellen nur für die Schüler der orthodoxen Confession gestattet, welche staatliche Mittelschulen und höhere Schulen besuchen. Vor kurzem jedoch ertheilte der Minister der Wittwe des Generals Zentebenko die Erlaubniß zwei Freistellen für die öffentliche Mittelschule in Ekatorinodar zu gründen, und zwar zu Gunsten der bedürftigsten und würdigsten Schüler ohne Unterschied der Geburt, der Confession und Nationalität. Nach dem Gesetz vom 3. Mai 1882 haben die Juden nicht das Aufenthalsrecht in den Dörfern. Mehrere jüdische Kaufleute waren dadurch verhindert, sich nach den benachbarten Ortschaften Beffarabiens zu begeben, wo sie Wein kaufen wollten. Der Gouverneur der Provinz, an den sie sich wandten, bestätigte nur die Entscheidung der Ortsbehörden. Die jüdischen Kaufleute reichten bei dem Senate des Reiches eine Beschwerde ein, und dieser traf die folgende Entscheidung, welche der Woskhod vom 11./24. Februar abdruckt: In Anbetracht deffen, daß das Gesetz vom 3. Mai 1882 den Juden den Aufenthalt in den Dörfern und Ländereien untersagt, ohne ihnen jedoch zu verbieten, sich Geschäfte halber in Dörfer oder auf's Land zu begeben; ferner in Anbetracht deffen, daß das Gesetz vom 12. Juni 1892 zum alleinigen Zweck hat, den Juden bei den Bauern den Ankauf von ungeschnittenem Getreide zu untersagen; in Anbetracht dessen, daß der Ankauf von Wein dem Ankauf von ungeschnittenem Getreide keineswegs gleichgestellt werden kann, bestimmt der Senat die Annullirung des Befehles, welchen der Gouverneur von Bessarabien erlaffen hat, der übrigens eine völlige Unkenntniß des Gesetzes zeigt, und bestimmt ferner, daß dies dem Minister des Innern zur weiteren Entscheidung mitgetheilt werde. Laschkend (Central - Asien.) Die Zeitung Okraina bringt folgende Nachricht: Die Katholiken unserer Stadt besitzen weder Kirche noch Kapelle. In

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.