Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 31 (20.4.1896)
- Date
- 1896-04-20
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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618 ihm von Herrn Sigmund Brody zugekommene Schreiben: Sehr geehrter Herr Präsident! Die Gebäude des auf den Namen meiner unvergeßlichen guten Frau gestifteten Kinderspitals sind nunmehr bereits unter Dach und es wird mit Eifer daran gearbeitet, daß die Anstalt in kürzester Zeit ihrer Bestimmung übergeben werde. Auch das hauptstädtische Publikum verfolgt den Fortschritt der Angelegenheit des Spitals mit lebhafter Aufmerksamkeit und hat seinem warmen Interesse und seiner Sympathie für das im Entstehen begriffene Institut in großem Maße Ansdruck verliehen. Die Pläne indeß, welche die ärztlichen Sachverständigen betreffs der Gebäude angefertigt haben und in welchen sie allen Anforderungen der Wissenschaft und der Menschenliebe entsprechen wollten, waren von solcher Dimension, daß das leitende Comite des Spirals genöthigt war, den Ausbau eines Flügels des Hauptgebäudes vorläufig in Schwebe zu lassen. Die Anstalt hätte wohl auch im Falle des einstiveiligen Fortbleibens dieses Flügels den Schmerz für leidende Kinder mildern und die Thränen vieler Eltern trocknen können, da aber nach Ansicht der Sachverständigen mit dem Ausbau desselben der Zweck, der mir bei der Gründung des Spitals vor Augen schwebte, vollkommener erreicht werden kann, habe ich mich entschlossen, den in Schwebe belassenen Flügel des Hauptgebäudes auszubauen. Zu diesem Zwecke biete ich außer den 250,0O0 fl., die dieser Anstalt bereits gewidmet habe, hiemit weitere 70,000 fl. an, und werde diesen Betrag im Lause des Jahres in den: Maße, in welchem es sich als nothwendig erweisen wird, genannten Herrn Präsident zur Verfügung stellen. Selbstverständlich knüpfe ich auch an diese neue Spende die Bedingung, welche ich meinem Stiftungsbriefe ausgedrückt habe und welche auch die Gemeinde acceptirt hat, daß nämlich dieses Spital von allen anderen Anstalten unabhängig bleibe und sowohl seine Leitung als seine innere Organisation eine vollständig abgesonderte sei Mit dem Ausdruck meines innigen Wunsches, daß die Anstalt, ihrem edlen Beruf je vollkommener und je treuer entsprechen möge, bin ich Herr Präsident, B u d a p e st, 5. April 1800. Ihr aufrichtiger Verehrer: Sigmund Brody. Stürmische Cljenrufe folgten der Verlesung dieses Schreibens. Auf Antrag des Präsidenten nahm hierauf die Generalversammlung „diese neuere Offenbarung der Opferwilligkeit Sigmund Brody's mit Freuden zur Kenntniß, votirte dem Stifter tiefgefühlten Dank und beschloß, das Dankesvotum in's Protokoll der Generalversammlung aufzunehmen und hievon Herrn Sigmund Brody zu verständigen." Rußland. Petersburg, im April. Im Lager der hiesigen Judenfeinde herrscht Mißstimmung. Seit Jahr und Tag sind diese angeblichen Vaterlandsretter bestrebt, der Regierung weiszumachen, daß die Politik der Judenverfolgung ein nationales Bedürfniß sei, das vom Volke angeblich tief empfunden märe, und nun kommen die Ständeverwaltungen des Reiches, die berufenen Vertreter dieses Volkes, und erklären einhellig, das Volk stehe im vollsten Widerspruche zu der antijüdischen Politik, in welcher es eine große Gefahr für das Gedeihen und die Wohlfahrt des Landes erblicke. Diese Action der Ständeverwaltungen zu Gunsten der Juden in dem Momente, da in Petersburg der judenfeindliche Geist der Pobedonoszew und Jgnatjew sich neuerdings mit besonderer Schärfe zu regen beginnt, wirkt in den Kreisen der Judenfeinde Rußlands wie eine plötzlich geplatzte Bombe. Die Anregung zu dieser Kundgebung des Volkes ging von Beffarabien aus. Im vorigen Jahre haben einige Bauerngemeinden aus dem Gouvernement Kischnew dem Ministerium des Innern eine Denkschrift überreichen kaffen, in welcher sie um die Zulassung von Juden zum ständigen oder zeitweiligen Aufenthalte in den Dörfern baten. Ihre Bitte motivirten die Bauerngemeinden mit folgenden Worten: „Wir treue Unterthanen unseres vielgeliebten Czar-Väterchens müffen um Rückberufung der ausgewiesenen Juden bitten, weil mit deren Ausweisung auch unser Wohlstand dahin geschwunden ist. Wir haben gehört, daß die Ausweisung der Juden aus unfern Dörfern deshalb erfolgt ist, weil die Regierung uns von Blutsaugern befreien wollte. Ab^r die Juden sind es gar nicht, vor welchen wir geschützt werden müffen. Im Gegentheile, die Blutsauger sind bei uns geblieben, während man uns die Juden, von denen wir überall und immer nur Vortheil hatten, nahm. Unsere Geistlichen können die Wahrheit unserer Angaben bekräftigen." Diese eigenthümlich abgefaßte Bitte der bessarabischen Bauerngemeinden war von Erfolg gekrönt. Das Ministerium des Innern übermittelte die Denkschrift dem dirigirenden S.nate, und dieser verfügte, daß den Juden der Aufenthalt in den Dörfern und Marktflecken Bessarabiens wieder gestattet werde. Vor einigen Wochen erhielt nun das Ministerium eine Adresse aus Beffarabien, in welcher die Bauerngemeinden für die Wiederzulassung von Juden zum Aufenthalt in den Dörfern ihren tiefgefühlten Dank zum Ausdrucke bringen." Die Rückkehr der Juden nach den Dörfern," heißt es in der Adresse, ,hat auf den Wohlstand der bäuerlichen Bevölkerung den wohlthuendsten Einfluß geübt. Die Bauern haben ihre Produkte um hohe Preise abgesetzt, die Steuern und die Schulden bezahlt und Dank der Ehrlichkeit der Juden die Möglichkeit erhalten, auch künftighin von Blutsaugern unseres Glaubens nicht ausgebeutet zu werden." Diese Dankadreffe fand bei den Bauern des Reiches ein lebhaftes Echo. Denn nicht nur in Beffarabien, sondern auch in allen anderen russischen Provinzen sind die ökonomischen Interessen der bäuerlichen Bevölkerung durch die Vertreibung der Juden aus den Dörfern arg geschädigt worden. In Beresna z. B. versammelten sich, wie der „Woschod" neulich meldete, die Bauern, um den auf seiner Jnspections-