Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 31 (20.4.1896)
- Date
- 1896-04-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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610 vergesse aber nicht deines Befehles. Die, welche mit Thränen säen, sie ernten mit Freuden. Aus der Tiefe, o Herr, rufe ich zu dir, erhöre mein Flehen, du gedenkst mein in der Erniedrigung. Herr! Was ist der Mensch, daß du sich seiner so annimmst? Und des Menschen Kind, daß du ihn so achtest? Ist doch der Mensch ein Nichts, seine Zeit geht dahin, wie ein Schatten. Gedenke, daß wir nur Staub sind, ich bin ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute und die Verachtung des Volkes. Alle die mich sehen spotten meiner, sperren den Mund auf und schütteln das Haupt." In dieser demuthsvollen Sprache erklingen die herrlichen Psalmen des ruhmgekrönten David. Seine Auffassung von Gott ist von demselben Geiste erfüllt. Der Herr ist ein Gott der Armen und Verlassenen, der Schwachen und Hilflosen. Er verachtet nicht und verschmäht nicht das Elend des Elenden und Er verbirgt nicht sein Antlitz vor ihm, da er zu ihm rufet, so erhört er ihn. (Ps. 22). Er leitet die Armen im Recht und lehrt die Demüthigen Seine Wege (25). Der Herr ist ihnen nahe, die gebrochenen Herzens und hilft denen, die gedrückten Gemüthes sind (das. 34). Er verlangt keine anderen Opfer, als ein bescheidenes Wesen, ein demüthiges Herz (das. 51). Von solchen Anschauungen beseelt, soll auch jeder menschliche König sein und seine Regierungsmarime soll lauten.- Schutz und Recht den Armen, wenn er als gerechter Herrscher gelten will. Denn der Reiche, der Starke bedarf nicht seiner Hilfe, er hilft sich selbst, vermöge seiner Macht. Die Hauptaufgabe der irdischen Königs ist, das Recht des Schwachen zu schützen, so heißt es (das. 72), er (der gerechte König) erhält dem armen Volke das Recht und unterdrückt die Gewalt. Er hilft dem Schwachen, der ihn um Rettung anfleht; er schützet die Geringen und Dürftigen und steht bei den Unterdrückten, schirmt sie vor List und Gewallthat und ihr Blut ist hoch geachtet bei ihm. Also nicht Waffenglanz, nicht Kriegsruhm, nicht der stolze Hofstaat, nicht die Pracht und der Pomp, nicht das Bevorzugen und Privilegiren des sog. Adels machen das irdische Königthum zu einer von der Majestät Gottes umstrahlten Würde, sondern die Gerechtigkeit, der Schutz und die Hilfe desselben den Schwachen und Gedemüthigten gegenüber. Das ist ein Königthum von Gottes Gnaden, weil es die göttliche Regierungsweise sich zum Vorbilde macht. Stehet doch auch die Gottheit hoch und hat ihr Augenmerk auf den Niedrigen gerichtet (das. 138). Denn wer thronet so hoch wie Du, o Herr und schauet wie Du, auf die Demüthigen und Gebeugten? (das. 113). Du weisest den Geringen nicht beschämt zurück, denn die Armen und Elenden lobpreisen deinen Namen (dos. 74); erhörest sein Gebet, wenn er betrübt seine Klage vor Dir ausschüttet, wendest Dich zu dem Flehen des Verlassenen und verschmähest seine Bitten nicht. (Das. 102). Du richtest auf die Gebeugten, unterstützest die Fallenden, behütest den Fremdling und erhälft die Waise und die Wittwe. (Das. 145 und 146). Du hilfst und rettest das arme Volk und beugest den Hochmuth der Stolzen (Samuel 2, K. 22.) Als der redegewaltige I e s a i a s von Gott die Weihe zum Propheten erhielt, rief er in seiner Bescheidenheit aus: Wehe mir, ich vergehe, denn ich bei ein Mann von unreinen Lippen linb wohne unter einem Volke von unreinen Lippen, denn den König, den Herrn der Heerschaaren sahen meine Augen (Jes. 6. Geduldig und ergeben erträgt er in Ausübung seiner erhabenen Sendung Schimpf und Schande, Erniedrigung uttb Demüthigung. Meinen Rücken, spricht er, gab ich hin den Schlägern, meine Wangen den Raufern, ich verbarg mein Angesicht nicht vor Schmach und speichet (das. 50). Wußte er doch, daß Gott ihm da nahe ist und ihm seinen Beistand nicht versagen wird, denn so spricht der Hohe und Erhabene, der ewig thronet, deß Name heilig ist, der in den Höhen und im Heiligthum wohnet, der bei denen weilt, die gedrückt und gebeugten Gemüthes sind, auf daß Er erquicke den Geist der Gedemüthigten und belebe das Herz der Gedrückten (das. 57). Darum sei auch Du ohne Furcht, Würnrchen Jakobs, armes Volk Israels, denn ich helfe Dir, spricht der Herr, und Dein Erlöser ist der Heilige Israels. (Das. 41). Deine Aufgabe aber hinieden ist, gottgefällig zu sein, und weist Du, worin dies besteht? Es ist Dir bereits gesagt worden, Mensch, was gut beißt und was der Herr von Dir fordert, nämlich Recht üben, Liebe und Barmherzigkeit fördern und demüthig wandeln vor deinem Gotte. (Micha 6). Nicht nur vom religiösen Standpunkte, sondern auch von dem der Einsicht und Klugheit aus, ist es geboten, bescheiden zu sein, und selbst ein Narr, wenn er bescheiden schweigt und den Mund zu halten versteht, wird für verständig und klug gehalten (Spr. K. 17.) Lebensweisheit ist es, sich nicht vorzudrängen in die Kreise der Großen und Angesehenen, nicht zu wetteifern unter oen Reichen mit Prunk und Aufwand, eder bestrebt zu sein, sein Geisteslicht leuchten zu lasten und zu glänzen vor großen Männern der Wissenschaft, viel besser und vernünftiger ist es, sich bescheiden zurückzuziehen und in solchen gesellschaftlichen Sphären sich zu bewegen, die den Fähigkeiten entsprechen und den Verhältnissen des Menschen angemessen sind.