Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 30 (16.4.1896)
- Date
- 1896-04-16
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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599 bleiben, denn diese Bevölkerung trägt in sich eine glückliche Vereinigung von Arbeit, Beharrlichkeit und Capital, welche jetzt leider nothgedrungen eine falsche Richtung genommen haben." Trotz aller Anfeindungen seitens der Presse, hofft inan hier doch allgemein auf Linderung der rechtlichen Lage unserer Glaubensgenossen. Als günstiges Symptom in dieser Beziehung wollen Manche unter Anderem einen einzelnen Fall ansehen, der sich neulich hier zngetragen hat. Eine Wittme (Jüdin) aus Melitopol im taurischen Gouvernement, welche von da ihrer Confesston halber ausgewiesen worden ist und alle Mittel vergebens angewandt hatte, um in ihrem Wohnorte zu bleiben — soll sich mit der Bitte telegraphisch direkt an den Kaiser gewendet haben, der das betreffende AusweisungS^eeret, ebenfalls auf telegraphischem Wege, nicht nur ststirte, sondern völlig aufheben ließ. Unser Ministerium der Volksaufklärung ist zur Zeit mit der Einsammlung von Nachrichten über die im ganzen Reichs bestehenden jüdischen Elementarschulen, sowie die Zahl der Schüler derselben beschäftigt, was auch zu (dunsten unserer Glaubensgenossen gedeutet wird. England. London, 14. April. Eine auffällige Thatsache ergiebt sich aus einem Bericht des jüdischen Board of Guardians. Die Mortalitätsrate der jüdischen Bevölkerung ist bekanntlich im Allgemeinen, wie man annimmt, in Folge größerer Enthaltsamkeit von geistigen Getränken und geordneten Familienlebens, sehr günstig. Gleichwohl spricht der genannte Bericht von einer geradezu erschreckenden Sterblichkeit der jüvischen Kinder. Sie beträgt bei allen Kindern in England 25 pEt. und erreicht bei den jüdischen Kindern über 60 pEt. Dieser Satz erhöht sich aber bis auf volle achtzig Prozent, wenn man nur die Sterblichkeit der Kinder aus der ärmsten jüdischen Bevölkerung berücksichtigt. Diese Ziffern sind um so auffälliger, als die jüdischen Kinder bei ihrer Geburt keineswegs geringere Lebenssähigkeit zeigen, als diejenigen christlicher Eltern. Ebenso wenig dürfen Trunksucht der Eltern und die daraus entspringende Sorglosigkeit und Rohheit der Eltern, oder Entbehrungen oder auch Illegitimität — die allgemeinen Gründe hoher Kindersterblichkeit — verantwortlich gemacht werden für die erstaunliche Mortalität der jüdischen Kinder. Dieselbe hängt vielmehr mit der ungesunden Umgebung, in der diese Kinder vielfach auswachsen, sowie vor allem mit ungeeigneter Ernährung zusammen. Dies trifft besonders bei den in Whitechapel wohnenden fremden (zumeist wohl polnischen und russischen) Juden zu. Bei diesen unterliegen die Kinder vielfach dem Einfluß der ungesunden Umgebung. Die Leute betreiben Schneiderei und Schuhmacherei in engen überhitzten Räumen und wiffen noch nicht den günstigen Einfluß irischer Lust zu schätzen. Eine Erhöhung des gesellschaftlichen Niveaus dieser Bevölkerung wird auch die Kindersterblichkeit unter ihnen auf ein normales Maß bringen. Türkei. Konstantinopel, im April. Ein entsetzliches Unglück hat über Nacht einen großen Theil der jüdischen Bevölkerung von Konstantinopel getroffen. In Balata, in diesem fast ausnahmslos von Juden bewohnten Viertel, wo Armuth und Elend, Thür bei Thür, sonst schon in schrecklicher Weise Hausen, hat eine furchtbare Feuersbrunst nahe an die vierzig Wohnungen eingeäschert. Ungefähr zweihundert jüdische Familien haben Hab und Gut verloren und nichts als das nackte Leben gerettet. Zwei Todesfälle sind vorgekommen.- ein Mädchen von zwanzig Jahren, das sich durch Sprung aus dem Fenster retten wollte, und eine alte Frau, die erstickt ist, sind gestorben. Die Unglücksstätte macht einen schaudererregenden Eindruck. Die Aermsten wissen nicht, wo sie ihr gerettetes Leben unterbringen sollen. Viele haben vorläufig im großen Schulgebäude der Alliance, das wie durch ein Wunder den rundherum züngelnden Flammen entrissen wurde, ein Unterkommen gefunden. Jede Klasse ist zu einer Massenwohnung umgestaltet. Dabei stand die Feiertage vor der Thür, und die Meisten hatten schon angefangen, sich zu ihrem Empfange vorzubereiten. Aus Neugierde hatte ich wenige Tage zuvor hier und da ein paar Seitenblicke hincingeworfen, um etwas von den Vor bercititngen zum hohen Feste wahrzunehmen. Und es machte mir Freude, zu sehen, wie überall, trotz unsäglicher Armuth, die größte Reinlichkeit herrschte. Die Wände waren frisch getüncht, die Fensterscheiben glitzerten und funkelten im Sonnenscheine des anbrechenden Frühlings, um später vom grausigen Lichte himmelhoch aufschlagender Flammen beleuchtet und verbrannt zu werden! Nun ist alles ein ungeheurer Haufen Schutt und Asche! Es wird ihnen zuverversichtlich geholfen werden! Schon hat der Sultan — eilte andere Unterstützung wird nicht ausbleiben — Brod an diese Armen vertheilen lassen. Aber auch unsere Glaubensgenossen im Auslande werden ihre heimgesuchten Brüder in der Türkei nicht ohne Hilfe lassen. Im Namen der unglücklichen Abgebrannten, die wie versteinert vom Schlage, der sie getroffen, noch ihr Unglück nicht ganz ermessen haben, richte ich an alle Juden, die ein warmes und mitfühlendes Herz für das entsetzliche Mißgeschick ihrer Stanrmesgenossen haben, die innige Bitte, schnellen Beistand zu bringen! Wer Vertrauen hat, kann seine Spende direkt an mich senden. Ich werde über erhaltenes und vertheiltes Geld an dieser Stelle