Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 30 (16.4.1896)
- Date
- 1896-04-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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p wmm- WWWSMW;-?y-s%-- - . ."7 - -'T>.f—r- Leipzig, 14. April. (Die Juden und die L e i z i g e r Messen.) An einem Vortragsabend, welchen der „Verein sür die Geschichte Leipzigs" neulich veranstaltet hatte, sprach Lehrer Dr. Richard Markgraf über den „Einfluß der Juden auf die Leipziger Messen", betrachtet vom volkswirthschaftlichstatistischen Standpunkte. Die „Leipziger Neuesten Nachrichten" geben darüber folgendes Referat: Es ist bekannt, daß schon in frühesten Zeiten die Handelsstädte besondere Anziehungskraft auf die Juden ausübten, und Leipzig, das jetzt seit länger als sechs Jahrhunderten seinen Meßrnhm behauptet, von ihnen ebenfalls schon zeitig zu Handelszwccken besucht wurde. Zuerst wird der Juden zur Negierungszeit des Markgrafen Dietrich von Landsberg —1263 bis 1284 — gedacht, wo sich die Juden in Leipzig seßhaft gemacht zu haben scheinen. Sichere Kunde von ihnen gibt erst eine urkundliche Nachricht aus dem Jahre 1359, in welcher einer besonderen Gasse gedacht ist, die „Judenburg" hieß und den Juden als Wohnung angewiesen war. Sie befand sich am Fleischerplatze, zwischen der Barfußmühle und dem Naundörfchen. Von Judenverfolgungen, wie anderwärts, wußte man damals in Leizig noch nichts, ja man erkannte sogar die Bestrebungen der Juden sür die Hebung des Handels an. Als im XIV. Jahrhundert die Verfolgungen der Juden wegen angeblicher Brunnenvergiftungen und anderer Beschuldigungen eintraten, genossen allein die sogenannten Hofjuden Schutz, indem sie von den Fürsten als ihre Diener bezeichnet und mit Priviligien und Freiheiten begabt wurden. Einer von ihnen war der in Leipzig angesessene Jude Abraham, welcher bedeutenden Grundbesitz inne hatte. Er wird 1428 zuerst genannt und dann wieder 1439, wo er, wahrscheinlich wegen finanzieller Sünden, im Gesängniß saß und nur mit schweren Opfern sich von demselben losmachen konnte. Später wird der Juden nur noch auf den Messen gedacht, wo man sie jedoch nicht unglimpflich behandelt zu haben scheint. Ungerechte Beschränkungen der Inden wurden in Leipzig erst im XVII. Jahrhundert eingeführt, wie dies auch Iheilweise die bis 1675 zurückreichenden Nathsakten erweisen. Von diesem Jahre an bis 1839, wo der erste Jude in Leipzig das Bürgerrecht erlangte, entwarf Dr. Markgraf in seinem Vorträge ein ausführliches Bild der Handelsthätigkeit der jüdischen Meßsiranten aus allen Ländern, ihre Einkäufe und Verkäufe, Förderungen und Beschränkungen, sowie der Gestaltungen der Messen, bis dahin, wo die alten Vorurtheile wichen und eine Gleichstellung der jüdischen Kaufleute mit den christlichen auch hier die letzten Spuren von unserer Zeit nicht mehr entsprechenden Einrichtungen verwischte. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Pest, 14. April. Der den Juden so oft gemachte Vorwurf, daß sie sich die Landessprache schwer aneignen, wurde in den jüngsten Tagen wieder einmal schlagend widerlegt durch die Antwort, welche der ungarische Kultus- und Unterrichts - Minister Wlassics auf Grund amtlich eingeholter Berichte auf eine Interpellation ertheilt hat. Vor zwei Jahren wurden nämlich in einer Interpellation an den damaligen Kultusminister Grafen Csaky die Fragen gerichtet: „Bei welcher Konfession giebt es Seelsorger, die nicht gut ungarisch wißen, und wie viele giebt es solche- Bei welcher Konfession werden die Predigten nicht in ungarischer Sprache gehalten?" Aus der Antwort des Ministers ergiebt sich, daß sich Ende des Jahres 1894 in Ungarn unter 7114 christlichen Seelsorgern 444 und in 411 jüdischen Matrikelbezirken 90 Rabbiner, und in Siebenbürgern in 3275 christlichen Gemeinden 1020 Seelsorger, und in 50 jüdischen Matrikelbezirken 7 Rabbiner, in ganz Ungarn also 1464 christliche Seelsorger und 97 Rabbiner fanden, welche nicht gut ungarisch wußten, beziehungsweise nicht ungarisch sprachen. Bedenkt man, daß die ungarische Sprache erst seit fünfzig Jahren als Amtssprache in Gebrauch ist, daß sie nach der ungarischen Revolution von der österreichischen Negierung unterdrückt und in den Schuten gar nicht oder nur spärlich unterrichtet wurde, daß sich unter den Juden in Ungarn viele aus Böhmen, Mähren und Galizien eingewanderte befinden, so ist das Resultat ein geradezu überraschendes und der beste Beweis, wie leicht und schnell die Juden sich die Landessprache aneignen. Was die Sprache betrifft, in welcher die Predigten gehalten werden, so wird, während in -410 Kirchen nur deutsch, in 549 Kirchen nur slovakisch, in vielen Kirchen in beiden Sprachen, slovakisch und deutsch und gar nicht ungarisch, bei den Juden, nach der Antwort des Ministers, ausschließlich ungarisch gepredigt in den Komitaten Esongrad und Udvarlehelv, in den Städten Stuhlweißenburg, Hodmezö-Vasarhelv, Kecskemet, Fünfkirchen, Schemnitz, Szegedin, Temesvar und Zombor, an allen übrigen Orten abwechselnd ungarisch und deutsch, an manchen Orten noch in einem jüdisch-deutschen Jargon. Uebrigens werden in mehreren der genannten Städte, wie Fünfkirchen, Temesvar, selbst in den echt ungarischen Szegedin, Stuhlweißenburg und Kecskemet, aus Rücksicht gegen die älteren Gemeinde - Mitglieder, welche ungarische Predigten noch nicht verstehen, von Zeit zu Zeit auch deutsche Predigten und die sogenannten Deraschot am 7. Adar, an den Sabbaten vor dem Pesachfeste und vor dem Versöhnungstage, in den meisten Gemeinden in deutscher Sprache gehalten.