Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 29 (13.4.1896)
- Date
- 1896-04-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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578 Auch habe Kuffner ihn aufgefordert, er möge, wenn er durch dieses veränderte Vorgehen Abonnenten verlieren sollte, die Schadenssumme nennen — er solle sie ersetzt erhalten. Dies sei von ihm abgelehnt worden. Schließlich habe Herr Kusfner auf eine Nummer seines Blattes abonnirt. Doch habe die Haltung des „Volksboten" gegen Herrn Kuffner sich deßhalb nicht verändert. Hierauf wird Herr Moriz Kuffner über dieselbe L-ache vernommen. Ter Zeuge gibt zunächst an, daß er Herrn König durchaus nicht zu einem Besuch eirgeladen habe, sondern dieser aus eigenem Antriebe zu ihm gekommen sei. Er habe nun allerdings bei diesem Anlasse König bewegen wollen, die Angriffe gegen ihn einzustellen: wenn dieser aber angebe, daß er ihm Geld angcboten habe, so müsse dws auf einem Mißverständnisse beruhen. Herr König sei offenbar zu ihm in der Erwartung gekommen, daß er, Kuffner, dergleichen sagen werde, und glaubte darum auch, es zu hören. Den „Wiener Volksboten" habe er allerdings bei diesem Anlasse abonnirt — aus Courtoisie und weil er die Zeitung, die so oft über ihn schrieb, auch regelmäßig zu lesen wünschte. Der Einkassirer Karl Kantor berichtet als Zeuge, daß er es gewesen sei. der aus eigenem Antriebe und ohne irgendwie mit Herrn Kuffner gesprochen zu haben, König gerathen habe, er möge zu diesem gehen, um sich mit ihm darüber zu besprechen, ob nicht die gerügten Uebelstände auf anderem Wege als durch Zeitungsangriffe beseitigt werden könnten. Der Besitzer einer Pfandleihanstalt, Alexander Goldblatt, wird nun vernommen. Derselbe theilt mit, daß der „Wiener Bolksbote" sich über seine Pfandleihanftalt wiederholt abfällig geäußert habe. Darauf habe er in Folge eines ihm gegebenen Nathes dem Mitarbeiter des „Volksboten", Karl Schneider, fünfzig Gulden und noch andere Beträge zugesendet, worauf diese Angriffe aufhörten. Der Zeuge Adolph Schlesinger, dessen Gattin gleichfalls eine Pfandleihanftalt besitzt, begab sich, nachdem der „Wiener Volksbote" auch diese Anstalt in heftiger Weise besprochen hatte, zu Schneider und sagte ihm, da er über die Ursache der Angriffe nicht im Zweifel war: „Was wollen Sie denn von mir? Ich habe ja selbst nichts." Schneider antwortete darauf: „Ich bekomme für jeden Artikel 5 fl., ich muß ja leben; wenn ich zwei 'Artikel nicht schriebe,' sind das zehn Gulden." Der Zeuge verstand und erklärte sich bereit, ihm 10 fl. zu geben, worauf Schneider dies acceptirte, jedoch zugleich bemerkte: „Sie müssen mir aber nachher noch weitere zehn Gulden bringen." Schneider nahm nun die 10 fl., wiederholte jedoch seine Ausfälle wider ihn, weil er den gewünschten zweiten Betrag nicht erhielt. Später bot sich Schneider an, ihm gegen eine Summe von 100 fl. die Eoncession für ein Trödlergeschäft zu verschaffen. Karl Schneider, der sodann Gelegenheit erhält, sich als Zeuge hierüber zu äußern, nennt sich Schriftsteller und fügt bei, er schreibe jetzt nicht für Zeitungen, sondern nur Romane u. dgl. Er gesteht zu, von Goldblatt und Schlesinger „Entschädigungen" erkalten zu haben, damit er seine „Artikel" gegen sie nicht fortsctze. Er habe jedoch, bevor er dies annahm, Herrn König, für den er nur externe Aufsätze „aus Partei-Patriotismus" schrieb, um Rath darüber gefragt, und dieser sagte ihm: „In Gottes Namen, wenn Sie es bekommen, nehmen Sie es, Sie stehen ja in keinem Verhältnisse zu mir, außer daß Sie Artikel für mich schreiben. Ich werde also jetzt die Artikel gegen ihn selbst schreiben." Auf weitere Fragen, die von dem Vertheidiger Dr. Karl Kästner hierüber gestellt werden, antwortet der Zeuge stolz abwehrend: „Aber das ist ja meine persönliche 'Angelegenheit!" Ter Cafetier Franz Seidl berichtete, daß König ihn aufgefordert habe, auf sein Blatt zu abonniren; als dies von ihm abgelehut wurde, habe König ihm gesagt, er werde cs bereuen. Der klägerische Vertreter Dr. Michael Gruber fragt den Zeugen, ob er Herrn König freundlich oder feindlich gesinnt sei? — Seidl: „Ich bin ihm gut gesinnt, weil er ein Mensch ist, und schlecht gesinnt, weil er mich angegriffen hat." Schließlich stellt noch der Vertheidiger Dr. Karl Kästner den Antrag auf Vernehmung mehrerer Zeugen, darunter des Abg. Prinzen Alois Liechtenstein, damit derselbe bestätige, daß der Privatkläger sein Blatt verschiedenen Parteien und auch ihm angeboten habe. Dl ser Antrag wird jedoch abgelehnt, weil derselbe mit dem Prozeßgegenstande in keinem Zusammenhang stehe. Nach den Plaidoners werden die Schuldfragen, wie dies nach dem Ergebnisse der Verhandlung mit Sicherheit oorausgesehen wurde, von den Geschwornen (Obmann C. W- Rowland) verneinend beantwortet, und zwar theils einstimmig, rheils mit elf Stimmen gegen eine. Der Vorsitzende, Landesgerichtsrath Dr. Kranichstädten, verkündet hierauf das Urthcil, mit welchem beide Angeklagte sreigesprochen wurden. > Vermischtes. < Darrnftadt. Trotz der angestrengten Bemühungen auswärtiger Hetzer, das Unkraut des Antisemitismus auch in die Kreise der hiesigen Bürgerschaft zu verpflanzen, hat dasselbe hier keinen Boden gefunden. Als erfreulicher Beweis dafür mag es angesehen werden, daß, als es sich jüngst darum handelte, für eine von den hiesigen Bezüksvereinen einberufene große Bürgerversammlung unter den Vorständen dieser Vereine den Redner zu bestinrmen, der die Versammlung mit einem größeren Referate einleiten tollte, die Wahl einstimmig auf den einzigen in den Vorständen befindlichen Israeliten, Herrn Kaufmann F e r d. Kahn, fiel, der in der am 16. v. M. stattgefundenen Versammlung den lebhaften Dank aller Anwesenden für seinen Vortrag erntete- Wreschen. In der gegenwärtigen Zeit, wo das Zusammenleben der verschiedenen Glaubens-Angehörigen leider ein weniger harmonisches ist, macht es einen wohlthuendcn Eindruck auch einmal von dem Gegentheil, von wahrer Menschenliebe berichten zu können. Nicht weit von hier, in Witkowo, praktizirte längere Zeit der Arzt Herr Dr. Battenberg. Derselbe achtete die Juden, trotz der Verschiedenheit des Glaubensbekenntnisses zwischen ihm und ihnen. Als derselbe gefährlich erkrankte, ersuchten die Angehörigen des Arztes die Juden, sie mochten in der Synagoge für die Genesung des Schwerkranken die üblichen Gebete verrichten. Paris. Aus Algier kommen endlich bessere Nachrichten. Während wir bisher nur von den Erfolgen der Antisemiten in ihrem Kampfe gegen das Bürgerrecht der Juden in dieser französischen Kolonie zu berichten hatten, ist jetzt endlich durch das Eingreifen der Gerichte ein Stillstand eingetreten. Eine Menge von jüdischen Bürgern, denen das Bürgerrecht durch einen Willkürakt der algerischen Präfekten entzogen werden sollte, weil diese Herren sich vor dem Terrorismus der antisemitischen Schreier und Vereine beugten, ist es gelungen vor den Friedensrichtern ihre gesetzliche Ansprüche nachzuweisen und sich ibr Wahlrecht zu erhalten. So sind von 1800 Streichungen nur 436 definitiv geblieben, in der Provinz Oran von 320 Streichungen sogar nur 43 bestätigt worden. Uebrigens plant man in Paris die Errichtung eines jüdischen Schutzkomites, das sich der Rechte der algerischen Israeliten annehmen soll. — Das Groß-Rabbinat von Vesoul wird jetzt mit dem Tode seines Inhabers aufgelöst und dafür in Epinal ein neues Groß-Rabbinat und ein Consistorium errichtet.