Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 27-28 (8.4.1896)
- Date
- 1896-04-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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547 einem Feld angelangt, sagte Rabbi Jochanan: dieses Feld gehörte einst mir und ich verkaufte es um Thora lernen zu können. Sie kamen an einem Weinberg und dann an einer Dlwenpslauzung vorüber. Diese Grundstücke gehörten mir, sprach Rabbi Jochanan und ich habe sie verkauft, um Thora lernen zu können. Da weinte R. Chija. War»!» weinst Du? fragte Rabbi Jochanan. Ich weine, weil Du Dir gar nichts für Dein Greisenalter zurückgelassen hast. Dünkt Dir das so geringe, was ich gethan habe? erwiederte Rabbi Jochanan. Habe ich doch für vergängliche irdische Güter ewige geistige eingetauscht! — Als Rabbi Jochanan starb, sagten seine Zeitgenossen: Wenn Jemand seinen ganzen Reichthum Hingabe, er wöge die Liebe nicht auf, mit welcher Rabbi Jochanan an der Thora hing. (Midrasch Schir Haschirim Rabba). Wer kann die Berichte über den Märtyrertod eines Rabbi Akiba, Rabbi Chananja ben Tradjon und vieler anderer lesen ohne die Lehre anzustaunen, die solche wunderbare Erscheinungen zu Tage fördern konnte! Als man Rabbi Akiba zur Richtstätte führte, war gerade die Zeit des Schemalesens. Mein ganzes Leben, sprach der Märtyrer, habe ich mich gegrämt bei den Worten: Liebe Gott mit deiner ganzen Seele, liebe ihn, selbst wenn er dir die Seele nimmt, und habe mich nach einer Gelegenheit gesehnt, dieser Anforderung gerecht werden zu können, jetzt wo sie sich mir bietet, sollte ich sie nicht freudig ergreifen? Er debnte das ins bis ihn die Seele verlassen hatte. (Talmud Berachoth sol. 61 1).) Als die römischen Großen, Rabbi Chanina ben Tradjon in großer Versammlung die Thora lehrend fanden, banden sie ihn mit der Thorarolle zusammen, warfen ihn ins Feuer und legten ihm ein angeseuchtetes wollenes Tuch auf's Herz, damit er nicht leicht sterbe. „So, Vater, muß ich dich sehen!" rief seine Tochter. Er erwiederte: Hätte man mich allein verbrannt, so wäre es wohl hart für mich gewesen, da aber die Thorarolle mit mir verbrennt, so wird Derjenige, welcher die kränkende Mißachtung seiner Thora rächt, auch meinen Tod rächen. — Was siehst Du? fragten seine Schüler. Ich sehe die Thorarolle verbrennen und ihre Buchstaben in den Lüften neue Blüthen treiben. — Oeffne deinen Mund, drängten die Schüler, damit das Feuer dich rascher tödtet. Ich werde keinen Selbstmord begehen, erwiederte der Märtyrer. Derjenige, der mir die Seele gegeben, mag sie wieder nehmen. (Talmud Aboda sara sol. 18 a). Welche Kraft, welche Marter und Tod spottende Macht, muß dem Gesetze innewohnen, das seinen treuen Trägern selbst umzüngelt von Todesflammen, nicht die klare, ruhige Besonnenheit abhanden kommen, sie selbst unter den härtesten Todesqualen es als höchstes Glück begreifen läßt, dafür sterben zu können, wofür sie bis zu ihrem letzten Athemzuge gelebt. Ihr Tod hätte die Weisen unsterblich gemacht, wenn es nicht schon ihr Leben und ihre Lehre gethan hätten, .prao -in.’ inn’D3 D'pns o^nj Es bedarf nicht erst des Nachweises, wie diese hervorragenden Geister die Leitsterne für das ganze Volk wurden, in welchem und für welches sie lebten und starben. Das ganze jüdische Volk und jedes Blatt in der Geschichte seiner Diaspora bezeugen es in allen Variationen. Seine Weisen waren seine Freunde, und die Aussprüche dieser Weisen galten so hoch, ja noch höher als die Aussprüche der geschriebenen Thora selbst. min ’-ont» dhdid ’-oi onn pnv »m idn pnv 'n dbq pyoff — 3idh p -pm 3’njn min nsm mm nn-ra mr D*a»3nt mm nm1? dhdid ’-on omn . (n"d noia -nD?n) I"v pn O'31V '3 nmm Sie wurden bewußt und unbewußt der Sporn zu allem Guten und Edlen, welches Juden und Judenthum auszeichnet. Denn „die Aussprüche der Weisen gleichen Treibstacheln und eingesenkten Pflöcken. Sie sind die Meister im Sammeln des von Einem Hirten Gegebene! (Kohelet.)" Ein Blick auf die Träger, die Lehrer dieses Gesetzes, auf die Art ihrer legislatorischen Thätigkeit zeigt sofort das Kriterium, welches sie von den Weisen anderer Kreise entschieden trennt und ihre Aussprüche zu Treibstacheln und eingepflanzten Pflöcken macht. Durchdrungen von dem Bewußtsein, daß es Gottes Gesetz ist, dessen Kenntniß und Erkenntniß sie ihr ganzes Leben geweiht hatten, wußten sie, daß ihre Thätigkeit keine originelle, schöpferische, sondern nur eine schützende und erhaltende sein könne. Ihre eigene menschliche Weisheit diente ausschließlich dem Ausbau der ihrer Pflege anvertrauten göttlichen. Sie verstanden die Anforderung: ’rnvvv rt> vmvvi „Hütet das von mir zur Hut übergebene" (III. B. M., 18, 30) dahin, daß die Gesetzeshut selber Gegenstand ihres Hütens sein solle. (Jebamoth 21 a.) Der Lösung dieser Aufgabe widmeten sie fast wörtlich genommen jedem Athemzug ihres Lebens. Sie bauten weiter auf dem granitnen Boden des am Sinai offenbarten Gottesgesetzes. Sie fügten Stein an Stein und waren glücklich ihr Scherflein zum Bau des Gottesreichs auf Erden beigesteuert zu haben. Ihren Ruhm suchten sie nicht im Niederreißen und Zerstören oder in der Einführung überraschender Neuerungen. Sie waren die Meister im Sammeln des von einem Hirten Gegebenen. Der Wille dieses