Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 27-28 (8.4.1896)
- Date
- 1896-04-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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546 Sprache, auf seinen bedeutsamen Inhalt hingewiesen haben. Die Worte onjpMi ona -,'->2: Gesegnet sei, der sie wählt und ihre Lehre, wird von den meisten Erklärer» auf Gott bezogen: Segen und Preis Ihm, der die Weisen als Träger seines Wortes erkoren. Vielleicht aber wollen diese einleitenden Worte auch sagen: Die Weisen haben nicht nur durch ihre Lehre, sondern auch durch die Sprache gelehrt, in welche sie ihre Wahrheit kleideten. Die Reinheit und Klarheit der Sprache, das Präcise der Diktion, die ganze Prägnanz des Ausdruckes, die systematische Gruppirung des ungeheueren Lehrstoffes, alle diese äußeren Momente verleihen der Sprache der Mischnah eine Eigenart, wenn man auch von dem Inhalt selbst einmal ganz absieht. Sie reiht sich durch diese Eigenthümlichkeit dem Gotteswort der schriftlichen Thora so ebenbürtig an, daß, wenn diesem auch der erste Preis gebührt, sie doch den zweiten Rang nach ihm einnimmt und deßhalb den Namen wvv führt. ruarcn trorn w. — Der volle Segen ihres Studiums erschließt sich aber erst demjenigen, der nicht bei diesem äußeren Moment stehen bleibt, sondern die Weisen selbst erwählt und ihre Lehre! Wer auch nur je einmal vorurtheilsfrei an diese Aussprüche herangetreten, und ihnen mit der Pietät ins Auge geschaut hat, die sie als das mächtige, geistige Band eines in alle Himmelsfernen zerstreuten Volkes beanspruchen dürfen, wer je auf den Einfluß geachtet hat, den diese Aussprüche auf das Volk üben, in dessen Mitte sie gesprochen und beherzigt wurden, dem tritt als erste in die Augen springende Eigenthümlichkeit die Thatsache entgegen: D^a Sie und ihre Lehre; ihr Leben und ihre Lehre waren eins! Man kann sich nicht in die Lehre und das Leben unserer Weisen vertiefen, ohne den mächtigen Trieb zu empfinden, ihren leuchtenden Idealen nachstreben zu wollen. Sie kannten aber die Kluft nicht, die sonst zwischen Lehre und Leben klafft. Ihr Leben war eine Verkörperung ihrer Lehre, ihre Lehre ein treues Abbild ihres Lebens. Ihre Weisheit verstand sich nicht auf die uns so geläufige Scheidung zwischen den Rabbinen und Schriftstellern. Diese letztere findet es vollständig in Ordnung, daß die Hand, welche vor aller Welt die Feder zur Leugnung unserer Thora führt, daß dieselbe Hand vor aller Welt dieselbe Thora mit den Worten emporhebt: Dies ist Thora, die Moscheh den Kindern Israel brachte. Wer seine Lehre im praktischen Leben nicht tatsächlich zum Ausdruck bringt, für den wäre es besser, er existirte nicht, lautet ihr Verdikt. . n-dj n?w b rw ntPiy noftn Wissenschaft und Studium der Wissenschaft stehen ihnen nur deßhalb groß dar, weil sie und wenn sie zur That führen. (Talmud Kidduschin Fol. 40 b.) Ohne diesen Entschluß zur That, sprechen sie dem Theoretiker die bloße Möglichkeit ab, daß sich ihm auch nur die richtige theoretische Kenntniß unb Einsicht erschließe. (Midrasch zu Psalm 111): 10NJ N* on*TOP? OiTtEHJ/ t>ab wo biw nro NpCJ 'ndV ist die stehende Form für die Frage nach der praktischen Verwerthung der theoretischen Forschung. Es ist keine Kathederweisheit, die Weisheit unserer Weisen, die den Hörer wohl die Tiefe des Gedankens und die treffende Form des Ausdrucks bewundern lassen kann, ihn aber im übrigen kalt und theilnahmslos läßt. Ihre Weisheit trägt in jedem Zuge das Gepräge des redlichsten Ernstes, der Lauterkeit des Herzens, der sie entströmt, und der unerschütterlichen Ueberzeugungstreue, die ohne Bedenken jeden Augenblick bereit ist, Gut und Blut für dasjenige einznsetzen, was sie einmal als wahr anerkannt hat. Die Moral, welche sie lehren, die Weisheit, welche sie predigen, die Tugenden, welche sie fordern, demonstriren sie nicht an abstrakten Philosophemen und utopischen Idealen. Auf sich selber oder auf ihre Umgebung weisen sie hin. tox vja handelt so, wie ich handle, konnten Rabbi Jochanan und Rab sagen, wenn sie lehren wollen, was Kiddusch-Haschem und Chillul-Haschem bedeutet. (Talmud Joma sol. 86 a.) „Was heißt redlich handeln?" fragt der Talmud. (Makkoth sol. 24 a.) Wer hier eine gelehrte Abhandlung über Redlichkeit und eine Beleuchtung von Collisionsfällen mit dem praktischen Leben als Antwort erwartet, wird sehr enttäuscht. — „Redlich handeln, heißt, wie Abba Chilkijah handeln." — Sonst nichts. — Redlich denken, heißt wie Rab Safra denken, die Heiligkeit des Eides achten, heißt, ihr gerecht werden, wie es Rabbi Jochanan gethan, Bestechung scheuen, heißt, sich Rabbi Jschmael ben Elischa zum Muster nehmen. — Bei ganz anderer Veranlassung werden gelegentlich die emzelnen Züge erzählt, auf die hier Bezug genommen wird. Die Stelle selbst aber belehrt uns nur über Namen von Persönlichkeiten als das verkörperte Ideal hoher Tugenden. Wer kann die Lehre von Männern gleichgilng hinnehmen, die so mit ihrem ganzen Leben dafür eingestanden, die für's Leben lehrten, für die Lehre lebten und für die Lehre starben, wenn sie nicht länger für sie leben konnten? „Rabbi Jochanan ging einmal in Begleitung Rabbi Chija'S von Tiberias nach Sephoris. Bei