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Der Israelit · 1896-03-26 · Heft 25-26 (26.3.1896) · page 35

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 25-26 (26.3.1896)
Date
1896-03-26
Page
– (sequence 35)
Language
German
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589 so hat Rabbi Jizchak Elchanan es verstanden, alle Welt von der Hinfälligkeit dieser irrigen Anschauung zu überzeugen. lieber alle Einseitigkeit der Parteien erhaben, wußte er die Vertreter der entgegengesetzten Richtungen heranzuziehen und in Liebe an sich zu fesseln und bald sahen wir unter seinen nächsten freunden auch Mediciner und Juristen, welche er zu begeistern verstand, mit den Verfechtern der strengsten Orthodoxie in allen dem Gemeinwohl dienenden Angelegenheiten einträchtig Zusammenwirken. Sein Beispiel weckte Nacheiferung, sein weises tolerantes Verhalten hat wesentlich dazu beigetragen, die drohende Spaltung zwischen „Vätern und Söhnen" zu hemmen, dieselben einander näher zu bringen und ihr gegenseitiges Verhältniß zu einem friedlichen zu gestalten. Dadurch hat er ganz unbemerkt jeder ernsten Reformbewegnng den Boden entzogen. Gewisse zerstörungseifrige „Maskilim“ welche hauptsächlich auf einen Bruch zwischen den „Alten" und „Neuen" speculirten, waren in schlauer Geschäftigkeit bestrebt, durch religionswidrige Ausschreitungen den ihren Zwecken höchst dienlichen Widerspruch der übereifrigen Orthodoxen zu provociren. Diese machiavellistische Politik scheiterte an der friedliebenden, versöhnenden, ansgleichenden Toleranz des R. Jizchak Elchanan. Die allbezwingende Autorität seines Beispieles ließ keinen Verfolgungseifer aufkommen und dadurch ivurden die „Maskilim“ von selbst entwaffnet. (Schluß folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 16. März. In der gestrigen Sitzung der Repräsentanten-Versammlung der jüdischen Gemeinde referirte in eingehender Darlegung Herr Siegfr. Lerchtentritt über den Antrag, welcher den Gemeindevorstanv auffordert, wegen Einführung des obligatorischen jüdischen Religionsunterrichts in sämmllichen Schulen des deutschen Reiches Schritte u thun. Bereits 1869, 1872 und 1892 seien dahingehende Anregungen an den Deutsch-Israelitischen Gemeindebnnd gerichtet worden, aber stets vergeblich, was um so bedauerlicher sei, da, wie statistisch festgestellt wurde, mehr als 8000 jüdische Kinder in Deutschland ohne jeden Religionsunterricht aufwachsen. „Wir verlangen mit der Bewilligung dieses Verlangens nur unser gutes Recht, das wir als Staatsbürger besitzen." Niemals sei die Fahnenflucht im Judenthum so groß gewesen wie heute, und der Antisemitismus hätte kann: je ein so große Ausdehnung nehmen können, wenn wir gestützt auf genauere Kenntniß unserer heiligen Urkunden und Religionsschätze uns selbst hätten vertheidigen können. Dann wäre auch nie von einer „jüdischen Geheimlehre" die Rede gewesen. Es fei sehr wohl möglich, einen einheitlichen Lehrplan festzustellen, rer den Ansprüchen aller religiösen Richtungen genüge. Herr Justizrath Meyer tritt dem Antrag entgegen. Es sei die Pflicht eines jeden Familienvaters, seinen Kindern den Religionsunterricht nach der ihm zusagenden Weise erlheilen zu lasten. Der obligatorische Unterricht schließe große Gefahren in sich. Es sei ein großer Vorzug, daß bei uns Juden kein Gewissenszwang existirt, welcher aber geübt werden würde, wenn z. B. die sämmtlichen Schülerinnen der Charlottenschule, in der gerade ein Prediger der Reformgemeinde Religionsunterricht gibt, gezwungen würden, an demselben theilzunehmen. Es sei stets das Bestreben des Gemeindevorstandes gewesen, dergleichen zu verhindern. Man möge sich vorläufig mit dem Erreichten begnügen, daß vom 1. April ab der Religionsunterricht facultativ auch in allen staatlichen Schulen Berlin's eingeführt werde. Herr Prof. Lewin meint, daß ein gewisser Zwang notbwendig sei, auch für die Freiheit; der Gemeindevorstand habe ja auch ein Gebetbuch nach seinen Ansichten für die neue Synagoge eingeführt und sich gewissermaßen als Papst creirt. Man könne sehr wohl gewisse Lehrsätze aufstellen, welche für alle Richtungen maßgebend seien, sowohl moralische als religiöse; auf die ersten Eindrücke im Kindesalter komme es sehr wesentlich an, und es sei allererste Pflicht der Gemeinde für die religiöse Unterweisung der Jugend zu sorgen. Anders handeln, heiße die Dummheit und den Abfall groß ziehen. Die augenblickliche Lage sei allerdings für die Einbringung des Antrags unglücklich gewählt, eine spätere Zeit würde dafür geeigneter sein. Herr Sanitätsrath Jastrowitz erklärt sich gleichfalls als Feind jeglichen Gewissenszwanges; aber die Basis des jüdischen Wiffens sei die Bibel, bei welcher von einer Verschiedenheit der Richtungen keine Rede sein könne. Eine religiöse Beeinflussung Unmündiger, denen jedes eigene Urtheil fehlt und welche der Lenkung bedürfen, sei kein Gewissenszwang. Herr Prof. Baginsky wünschte, daß die Schule sich überhaupt nicht mit dem Religionsunterricht beschäftigen möge, welcher vielmehr Sache des Elternhauses sei; da aber der christliche Religionsunterricht eingeführt ist und das alte Testament von unfern Hassern als ein elendes Bruchstück einer vergangenen Zeit behandelt wird, so sei auch der jüdische dennoch nothwendig. Biblische Geschichte, Geschichte des Judenthums, Bibelexegese und die Darstellung des hohen sittlichen Gehalts unseres BekenntnisteS seien der einzig wirksame Schutz gegen die Taufe. Herr Gustav Löwenberg meinte, daß mit dem theologischen Unterricht nicht genug geschehen sei, gegen die Fahnenflucht müste energisch vorgegangen werden; was zumal in den Kreisen der Vornehmen nicht der

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