Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 25-26 (26.3.1896)
- Date
- 1896-03-26
- Page
- – (sequence 34)
- Language
- German
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»WMWWWW 538 erschütternde, wenn auch längst befürchtete Kunde von dem Hinscheiden unseres unvergleichlichen Lehrers und Leiters sich verbreitete. Ja, wir fühlen uns verwaist und verlassen, wir halten geängstigt, beklommenen Herzens in der Nähe und Ferne Umschau, aber wir finden Keinen, Keinen, der auch nur entfernt befähigt und berufen märe, die tiefe Lücke auszufüllen, welche der Tod des Vielbeklagten gerissen. Wohl giebt es in unserer Mitte hervsrragende Talmudgelehrte, wohl begegnen wir hier und da Vertretern aufrichtiger Frömmigkeit und makelloser Sittenreinheit; aber nirgends einem Manne, der auch nur halbwegs alle Tugenden und Vorzüge in dem Maße in sich vereinigte, wie der Unvergleichliche, welcher fast zwei Menschenalter hindurch der Stolz und die Zier der russischen Judenheil gewesen .... Es ist charakteristisch für die große Bescheidenheit und Demuth des verewigten Lehrers und Meisters, daß, trotzdem er, wie kein Zweiter seiner Berufsgenossen, von aller Welt gekannt war, bis heute nirgends eine Biographie oder auch nur eine biographische Notiz über ihn erschienen ist, daß nicht einmal seine Nächsten, auch nicht seine Söhne, den Tag und das Jahr seiner Geburt kennen. Nur mit schwerer Mühe ist es mir gelungen, folgende kärglichen Daten über seine äußeren Lebensverhältnisse zu ermitteln: In Rosch, einem kleinen Orte in der Nähe Grodnos, als Sohn des dortigen Rabbiners R. Israel Jsser geboren, genoß der frühgereifte Knabe eine strengreligiöse Erziehung und wurde von seinem Vater in den ersten Anfangsgründe» bis zur erlangten Qualification als Rabbiner in allen diesbezüglichen Disziplinen unterrichtet. Schon früh lenkte der reichbegabte Jüngling die Aufmersamkeit der gewiegtesten Talmudkenner auf sich, und bereits im 19. Lebensjahre erhielt er Hatliorath Haurooli von den berühmtesten damaligen Autoritäten, von R. Benjamin Diskm, Rabbiner zu Grodno (Vater des zu Jerusalem lebenden Gaons R. Jehoschua Leb D.) und R. Aisik Tiktin, Rabbiner zu Suwalk, bekannt unter dein Namen: R. Aisele Suwalker. Verfasser des Werkes ran po. Im zwanzigsten Lebensjahre finden wir N. Jizchak Elchanan bereits als Rabbiner in dem Städtchen Sabelin von wo er bald nach Borese und dann nach Reswisch berufen wurde, um hierauf dreizehn Jahre hindurch den Rabbinatssitz in Nowogrudok, wo von jeher hervorragende Capacitäten amtirten, einzunehmen. Von hier aus drang sein Ruf nach allen Weltgegenden, zunächst durch seine von allen Fachmännern vielbewunderten und hochgepriesenen Schaaloth und Teschuwotli. An dieses fünf Foliobände umfassende, alle vier Theile des Schulchan Aruch behandelnde Werk, welches unter dem Namen pns’1 182 i. I. 1858 erschien" reihten sich pnsr ^ru (I. Theil 1872, II. Theil 1884) und pnir yy (I. Th. 1889, II. Th. 1895). Diese Schriften, welche sich überall dort, wo das Thorastudium gepflegt wird, als unentbehrliche Handbücher unbestreitbares Bürgerrecht erworben haben, spiegeln nicht blos immense Gelehrsamkeit und staunenerregenden Scharfsinn wieder, sondern vor allem ein zahrtfühlendes Herz voll unerschöpflicher Güte und warmer Menschenliebe; sie zeigen ihren gelehrten Urheber emsig, unverdrossen bemüht, das Schicksal der von der Strenge des Gesetzes Bedrohten nach Kräften zu mildern, besonders dort, wo cs sich darum handelt, die von ihrem Galten verlassene oder verwittwete Frau von den Fesseln der einschränkenden Gesetzesvorschriften zn befreien. Jedoch war es nicht blos der Ruhm seines erstgenannten Werkes, was die jüdische Gemeinde zu Kowno l nächst Brest das größte Rabbinat Rußland's) im I. 1864 veranlaßte, R. Jizchak Elchanan mit allen in einem solchen Falle nur erdenklichen Ehrenbezeugungen ihren Rabbinerstuhl anzubieten; es war nicht minder sein großartiger Charakter, der sie dazu bestimmte. In jener Zeit drohten die ungestümen „Bildungsbestrebungen" mit ihren religionsfeindlichen Ausschreitungen und neuerungssüchtigen Gelüsten die russische Judenheit, zumal in den Großgemeinden, in zwei feindliche Lager zu spalten. Damals that ein Mann dringend Roth, welcher Sinn ilnd Verstättdniß für die billigen Forderungen der Zeit, aber zugleich Ansehen uiib Autorität und vor Allem den erforderlichen Takt befaß, um das Gewicht seiner Persönlichkeit in die Wagschaale zu werfen, die Gegensätze, welche in jedem Augenblicke auf und gegeneinander losprallen konnten, zu versöhnen und so den Ansbruch offener Feindseligkeiten zu verhüten. Zu dieser Zeit richteten die Spitzen der Kownoer Gemeinde ihre Blicke auf den Rabbiner zu Rowogrudok, welcher schon damals nicht minder wegen seiner großen Gelehrsamkeit und Frömmigkeit, als wegen seiner seltenen Toleranz und seines richtigen Verständnisses für die Bedürfnisse der Zeit und des Landes gekannt und gerühmt wurde. Die Folgezeit hat herrlich bewiesen, wie einsichtig und glücklich die Gemeindeleiter mit ihrer Wahl gewesen, durch welche Kowno im Verlaufe weniger Decennien das geistige Centrum nicht blys aller Parteien innerhalb der russischen, sondern in gewissem Sinne auch der gesammten Judenheit wurde, eine Ehre, welche meines Wissens bis jetzt noch keiner Gemeinde Rußland's zu Theil geworden. Hatte man bis dahin geglaubt, daß der streng religiöse Jude, zumal der Rabbiner eo ipso zu der modern gebildeten Jugend und den wissenschaftlichen Fachmännern sich mißtrauisch zurückhaltend und scheu ausweichend, wenn nicht gar feindlich zu verhalten habe, und daß Letztere die Frommen althergebrachter Richtung als „Fanatiker" perhorresciren oder wenigstens geringschätzig ignoriren müssen,