Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 25-26 (26.3.1896)
- Date
- 1896-03-26
- Page
- – (sequence 33)
- Language
- German
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MDWWMMMMWMD WWW XXXYII Jahrgang. Vierte Beil, ru M 25 & 26 tzes ,Jsratlif‘. Leitender Artikel Rabbi Jizchak. Elchanan Spector Wilna, 15 März. Der Londolter .le^visIi-OItruniele widmet dem Kownoer Raw folgenden inhaltreichen Nachruf: Rabbi Jizchak Elchanan Spector hat am Freitag 6. März als achtzigjähriger Greis sein segensreiches fruchtbares Leben beschlossen. Die bloße Mittheilung dieser Thatsache genügt, um die ganze Größe des unersetzlichen Verlustes, den die gesummte Judenheit und in erster Linie die russische erfahren hat, vor Augen zu führen und die tiefe Trauer, welche das gesetzestreue Israel gegenwärtig umnachtet, begreiflich zu machen. Vielleicht Niemand unter den Streblichen hat so aufrichtig und so peinlich die Oeffentlichkeit und die Repräsentation gemieden, wie der verewigte Nestor der russischen Nabbinen, und doch hat kaum ein zweiter Rabbiner unseres Jahrhunderts einen so unbestrittenen Ruhm, eine so beispiellose Popularität, in des Wortes bester Bedeutung, erlangt, wie gerade Rabbi Jizchak Elchanan. Wer von unseren Glaubensgenossen hat diesen Namen nicht gekannt und mit Stolz auf ihn hingewiesen? Wer wußte nicht, daß der Träger dieses Namens die größte rabbinische Autorität unserer Zeit, oer hervorragendste Vertreter echt jüdischen Lebens und Wandels, die Verkörperung urjüdischer Tugenden und wahrhaft jüdischer Sittenhoheit ist? Wer wußte nicht, daß von allen Enden der Welt in ernsten, zweifeterregenden religiösen Fragen Rabbi Jizchak Elchanan angerufen und auf seine endgiltige Entscheidung wie auf die Aussprüche der Urim wetumim gelauscht wurde? Was könnte ich von seiner ideal reinen Frömmigkeit, welche an Heiligkeit grenzte, von seinem bewunderungswürdigen Seelenadel, von seiner grenzenlosen Herzensgüte und fast legendären Bescheidenheit und Demuth erzählen, was nicht schon längst in den Hütten und Palästen unserer Glaubensbrüder in allen Landen der Diaspora bekannt wäre? Minder bekannt dürfte außerhalb Rußlands die ganz eigenartige Stellung sein, welche der nun in Gott ruhende Fürst und Große in Israel unter seinen vaterländischen Glaubensgenossen eingenommen hat, und hierüber möchte ich Einiges erzählen. Entnervt und entkräftet durch Partheiungen und Richtungen, welche einander theils befehden, iheils ignoriren, auf's Neuster sie geschwächt und zerrüttet durch die Zersplitterung in Tausende kleiner Synagogengemeinden ohne Einheit und Einigkeit, ohne jegliche Organisation und offizielle Vertretung, schaarten sich die Millionen Juden um R. Jizchak Elchanan und richteten auf ihn ihre Blicke in allen Bedrohungen und Bedrückungen, welche über sie hereinbrachen. Sein Zauberwort war es, das den geängstigten und gepeinigten Brüdern lindernden Trost spendete und herzerhebenden Muth einflößte. Wenngleich fern vom Getriebe der Welt, Tag und dtacht in das Studium der Thora vertieft und dein Gottesdienste zugewendet, insofern als sein ganzes heiliges Leben ein ununterbrochener Gottesdienst war, hat sich der wunderbare Mann bis zu seiner letzten Lebensstunde einen offenen Sinn und ein zartempfindendes, leichtempfängliches Herz für alle Nöthe und Bedürfnisse der jüdischen Gesammtheit, wie der einzelnen Juden bewahrt. Er wußte nicht blos in jeder, das Wohl und Wehe seiner Brüder betreffenden Frage, wie ein vielerfahrener und gewiegter Staatsmann Bescheiv, er war auch stets bei der Hand, in Wort und Schrift zu helfen und thätig einzugreifen. Vermöge seines kolossalen Ansehens und seines, vielleicht bis auf ihn von keinem Rabbiner erreichten Ernflusses, den er aber nur zum Nutzen und Frommen seiner Nächsten verwerthete und vermöge der allgemeinen, ungetheilten Beliebtheit und Verehrung, deren er sich bei den verschiedensten Parteien erfreute, und ganz besonders durch seinen unvergleichlichen feinen Takt und seine große Kunst im Umgänge mit Menschen wußte der herrliche Mann hier auszusöhnen, dort zur gemeinsamen That anzuregen, bald für die Einen sich zu verwenden, bald die Interessen Anderer wahrzunehmen, und verstand er, wie wohl Niemand vor ihm, wenn es Noth that, zwischen den in- und ausländischen Juden zu vermitteln. So geschah es denn, daß der Kownoer Oberrabbiner gewissermaßen den geistigen Mittelpunkt der gesammten zeitgenössischen Judenheit bildete, daß er zur verkörperten jüdischen Volksseele wurde. Daher die tiefe Besorgniß, welche unsere Brüder allüberall ergriff, als die Nachricht von seiner Erkrankung in die Oeffentlichkeit drang, daher die athemlose Spannung, mit welcher in unserem weiten Vaterlande die telegraphischen Bulletins über den Zustand des allverehrten Kranken erwartet wurden, daher die inbrünstigen, thränenreichen Gebete, welche in zahllosen Tausenden von Synagogen aus den Herzen und Seelen unserer Glaubensbrüder zmn Allvater sich emporrangen. Jeder Jude fühlte und wußte nur allzu klar, was wir in R. Jizchak Elchanan besaßen und was uns mit seinem Ableben entrissen zu werden drohte. Kein Wunder daher, daß sich niederdrückende Trauer aller Gemüther bemächtigte, als die tief-