Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 25-26 (26.3.1896)
- Date
- 1896-03-26
- Page
- – (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448608-2448634--41558-2490520- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
WWW WWMWWWWMW 588 scherzend. „Du hast in Banden gelegen? Bist am Ende gar mit Rosenketten gefesselt gewesen?" „Scherze nicht. Der heutige Tag hat mir gezeigt, daß der Allmächtige über mich gewacht hat." Der tiefe Ernst, mit dem er sprach, ließ die junge Frau aufblicken und sie erschrack über den Ausdruck seines Gesichtes. Sanft drückte sie seinen Arm und sagte mit weicher Stimme: „Gott schützt seine Lieblinge immer, und was jetzt dem Menschen als das größte Unglück erscheint, gereicht ihm später oft zürn höchsten Segen." Während sie das sagte, sprengte ein Reiterpaar an ihnen vorüber. Es war die Gräfin mit ihrem Begleiter, die, als sie Dr. Epstein sah, sich hoch aufrichtete und ihn laut und spöttisch über die Straße grüßte. Als er aufblickte, verfinsterten sich seine Mienen, so daß seine Frau erschrocken fragte: „Wer ist diese Dame, die so wenig Lebensart hat?" „Es ist die Gräfin Donnersberg", erwiederte Dr. Epstein finster. „Sie scheint heute mein böser Geist zu sein und mir die Festesfreude verderben zu wellen." „Ach", sagte seine Frau, „das ist die Proselytin, die sich einen Grafen für ihren Glauben eingetauscht hat." „Gottlob, daß sie nicht mehr zu uns gehört! Sie macht ihrem Geschlecht und ihrem Glauben Schande." „Sie ist sehr extravagant. —" „Mehr als dies, sie ist gemein. Sie ist ein Teufel, der Leib und Seele derjenigen vergiftet, die Gefallen in ihren Augen finden." „Sie ist schön." „Wie die Sünde, listig wie die Schlange und —" „Pupa, Mama," rief jetzt der Knabe, „ich bin müde." „Schon? Du kannst doch sonst weitergehen, mein Bub? fragte Dr. Epstein, indem er sich zu ihm niederbeugte. „Laß uns nach Hause fahren", schlug die besorgte Mutier vor, und sobald sie einer Droschke habhaft werden konnten, fuhren sie nach Hause. Es ist Abend. Die Schatten der Nacht decken die Erde, laue Frühlingslüste wehen und umfächeln linde die Stirne der Dame, die am offenen Fenster stehend, sinnend in die Dunkelheit hinanssieht. Am Firmamente leuchten und glitzern Millionen Sterne und blicken zur Erde wie in jener Nacht, da Gott sein Volk heraussührle aus der Knechtschaft zur Freiheit. „Unter uns die Gräber, über uns die Sterne, Hinter uns die Knechtschaft, und in weiter Ferne Liegt vor uns die Freiheit; auf! sie zu erreichen Wollen wir vor unserm Gotte uns in Demuth neigen. Wollen, was den Ahnen einst er that, vor vielen Jahren, Laut erzählen unfern Kindern jung und unerfahren." Unwillkürlich kommen diese Worte über die Lippen der Dame und finden ein Echo in dem Jauchzen des Knaben, der eben zum Ziminer hereintretend freudig auf den gedeckten Sedertisch zeigt. „Mama, darf Walter heut aufbleiben?" „Ja mein Kind", sagt die Mutter, glücklich lächelnd, „heut darfst Du mit Deinen Ellern das Abendmahl nehmen und Papa wird Dir eine schöne Geschichte erzählen." Und er lehnte sich an seine Mutter und sah glücklich lächelnd zu derselben auf. Dann fragte er: „Mama, darf Walter auch Osterkuchen haben?" „Ja, mein Sohn, acht Tage lang müssen wir Alle ungesäuertes Brod genießen. Das Fest, das wir feiern, heißt deßhalb das Fest des ungesäuerten Brodes. Und heute und moraen Abend darfst Du aufbleiben und mit uns essen. Doch horch, ich glaube, Papa ist da." Der Knabe sah nach der Thüre. Diese wurde soeben geöffnet und Dr. Epstein trat mit dem „gut Jom tof -Gruße ein. Er grüßte seine Frau und küßte seinen Knaben und, den Sedertisch erblickend, strahlte sein Auge hell auf, erglänzte sein ganzes Antlitz und und sich zu seiner Frau wendend, sagte er: „Heute hat sich das Wunder vollzogen, das die Welt nie begreifen wird. Am heutigen Abend ist der geringste Bettler in Israel, der die Chronik seiner Ahnen liest, ein König in seinem Hause." Man setzte sich an den Tisch und staunend sah der Knabe den Eltern zu. Mit glänzenden Augen und gerötheten Wangen hörte er die Erzählungen der Hagada und der Vater wurde nicht müde, sie so zu gestalten, daß sie für den kindlichen Geist faßlich waren. Auch die Mutter beiheiligte sich daran und sie erfüllten getreulich das Wort der Schrift: Wehigadto lttwincho bajom liahu, Du sollst es Deinem Sohne verkünden an biefem Tage." Bald wurde das Kind jedoch müde, und nachdem das Tischgebet gesprochen war, brachte es die Mutter zu Bett. Der zweite Theil des Seder war auch zu Ende und die Gäste, die daran theilgenommen, hatten sich bereits entfernt, als Dr. Epstein sagte: „Heute muß ich dem lieben Gott doppelt dankbar sein, denn heute habe ich wieder erfahren, daß er ein allweiser, allgerechter Gott ist, dessen Wege unerforschlich sind. Pünktlich zur bestimmten Stunde war am anderen Tage auf dem Donnersbergischen Schlöffe der 'Kriegsrath versammelt. Wenn es galt, Geld zu verdienen, zu ergaunern oder zu erpreffen, dann ließ Dr. Forftwart niemals lange auf sich warten. War doch seine gesammte Mobilareinrichtung wegen einer zu zahlen