Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1896-03-26 · Heft 25-26 (26.3.1896) · page 27

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 25-26 (26.3.1896)
Date
1896-03-26
Page
– (sequence 27)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448608-2448634--41556-2490518
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

551 „Es geschieht dem Grafen ganz recht", sagte ein anderer; „warum mußte er eine Jüdin heirathen." „Warum? Das ist doch stadtbekannt. Um den rostig gewordenen Wappenschild des gräflichen Hauses neu zu vergolden. Kennst Du die Geschichte der Heirath des Grafen nicht? Unser Herr Doktor spielt auch eine Rolle dabei". „Bitte erzählen!" Und sofort drängten sich die Schreiber um ihren Kollegen und verlangten, daß derselbe erzähle. „Aber der Herr Doktor kann jeden Augenblick zurückkommen", wehrte dieser. „Ach Unsinn, wenn der mit Frau und Kind spazieren geht, kommt er nicht so bald wieder". Wohl oder übel, der Schreiber mußte erzählen und er hatte Geschick dazu. Er erzählte, daß der Doktor und die Gräfin Nachbarskinder gewesen seien, die, weil beide Elternpaare über ein großes Vermögen verfügten und gleichen Glaubens waren, schon als Kinder für einander bestimmt waren. Die Eltern des Doktors seien sehr fromm gewesen, wie auch die der Gräfin. Als aber der Vater der Gräfin zum Kommerzienrat h ernannt und in Folge dessen der Verkehr des Hauses erweitert worden war, da gestattete man sich auch in religiöser Hinsicht größere Freiheiten. Das veranlaßte die Eltern des Doktors sich von den Nachbarn zurückzu,ziehen und den Verkehr mit denselben zu beschränken. Die jungen Leute jedoch, die sich anscheinend gegenseitig liebten, ließen nicht von einander und versprachen sich ewige Liebe und Treue. Vielleicht wäre dies Versprechen gehalten worden, wenn nicht plötzlich die prächtige Uniform eines Husarenlieutenanis erschienen wäre. Daß dieser Husar ein Graf, wenn auch nur ein verarmter. war, konnte seinen Werth nur erhöhen und kurz — bald hatte der Husar Herz und Sinn des schönen Judenmädchens gefangen. Sie wagte es nicht, unserem Doktor den Abschied zu geben und trieb ihr Spiel mit beiden. Des Mittags und in Gegenwart der Eltern brachte ihr Hans Epsteiil seine Huldigungett dar, des Abends in trauter Schäferstunde koste der Herr Graf mit seinem Liebchen. Das ging bis zum Osterfeste der Juden. Da überraschte unser Doktor seine Braut in einem zärtlichen tote-ü-toto mit dem Herrn Lieutenant und da war er fertig mit ihr. Seine Eltern mieden jeden Verkehr mit der Familie des Kommerzienraths und Hans Epstein betrat das Nachbarhaus nicht wieder. Kurze Zeit darauf verlobte sich Amalie Lipstadt mit dem Grafen und unser Doktor ging auf Reisen. Die Braut soll sehr unglücklich darüber gewesen sein, denn sie hatte unfern Doktor wirklich geliebt und nur der Leichtsinn und die glänzende Uniform mag sie dem Offizier in die Arme getrieben haben. Schon bald nach der Hochzeit hörte man von der unglücklichen Liebe des jungen Paares und jetzt — spricht man davon, daß sie sich scheiden — * * * Während sich die Schreiber auf diese Weise mit einander unterhielten, hatte sich die Gräfin, Frau Bruno von Donnersberg auf ihren, vor dem Thore in wildem Gestampfe harrenden, arabischen Vollbluthengst geschwungen und sprengte in so heftigem Galopp durch die Straßen der Stadt, daß rechts und links Alles entsetzt auswich. Nach wenigen Minuten gelangte sie aus dem vou der Epstein'schen Wohnung beinahe V2 Stunde entfernten Donnersbergischen Schlosse an. Sie traf ihren Herrn Gemahl, wie gewöhnlich, mit einigen verlumpten Kameraden zechend und spielend in dem großen Rauchzimmer des östlichen Flügels an. Graf Bruno schnellte unwillkürlich empor, als er die feit Monaten aus dem Schlöffe entschwundene Gräfin mit hochgerötheten Wangen im Reitkostüm hereinstürmen sah. „Darf ich bitten, Bruno, einige Minuten unter vier Augen". Der Graf erhob sich und geleitete schweigend seine Gemahlin in ein anderes Zimmer. „Bruno", begann diese, als sie sich unbelauscht glaubte, „Du weißt, wie schwer Du Dich an mir vergangen hast. Meine Mitgift von einer halben Million Mark benutztest Du, um Spielschulden zu tilgen und leichtfertige Dirnen, mit welchen Du im sträflichen Verhältnisse lebtest, abzufinden. Als mein Vermögen zu Ende war, pumptest Du auf meinen 'Namen Hunderttausende, um Dein zügelloses Leben so lange fortzusetzen, bis ich durch eine öffentliche Erklärung, daß ich für Deine Schulden nicht aufkonime, diesem Ausbeutungssystem ein Ende setzte. Seit Monaten mußte ich Dich verlassen und in mein Elternhaus zurückkehren, weil Du die Mittel zum Haushalte nicht mehr aufzubringen im Stande warst, aber noch ist nicht alles zwischen uns verloren, wenn Du Dich mir heute willfährig zeigst. Mein väterliches Erbe, das, wie Du weißt, noch einige Millionen beträgt, will ich redlich mit Dir theilen, wenn Du Dich nwinem Kampfe wider den gemeinsamen Feind anschließest". „Und der wäre?" „Es ist mein früherer Verehrer, der Rechtsanwalt Dr. Hans Epstein". „Ah!", schnarrte der Graf, hocherfreut durch die günstige Wendung, welche sein Geschick plötzlich zu nehmen schien, „der freche Judendoktor, der mir mein schönes Bräutchen beinahe vor der Nase weggeschnappt hätte und dem ich niemals sehr grün war"? „Derselbe". „Und weiter verlangst Du nichts, als das, mein süßes Herz? Mit der größten Wonne bin ich berM,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.