Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 25-26 (26.3.1896)
- Date
- 1896-03-26
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
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530 „Ich habe als Anwalt meine Taxe, Frau Gräfin, die ich niemals überschreite." „Nun ja, mein Gott, wer spricht denn von Ihrem zu beanspruchenden Honorar," sagte sie leise mit ihrem verführerischsten Lächeln, „das ist Ihnen selbstverständlich in jeder Höhe im Voraus bewilligt. Aber giebt es denn keinen anderen, süßeren Lohn? Bin ich denn gar so häßlich, daß — „Kein Wort weiter, Frau Gräfin, oder Sie zwingen mich, mein Hausrecht einer Dame gegenüber zu gebrauchen. Es thut mir leid, daß Sie mich für so gewissenlos und unehrenhaft halten, daß Sie mich mit Ihren Worten so beleidigen. Aber auch Sie thun mir leid, daß Sie so tief gesunken sind, solche Worte zu einem ehrbaren Manne zu sprechen. Gehen Sie, Frau Gräfin, wir haben nichts mehr mit einander zu reden." Dr. Epstein töar aufgesprungen und stand, das Gesicht in edlem Zorne geröthet, vor ihr. Seine Augen blitzten und bei den letzten Worten näherte er sich der Thüre, öffnete dieselbe und sagte laut, daß seine Schreiber draußen es hören konnten: „Ich empfehle mich Ihnen bestens, Frau Gräfin. Adieu." Wohl oder übel mußte sich die junge Frau jetzt entfernen. Einen Blick tödtlichen Hasses traf den Anwalt und sich entfernend, sagte sie: „Besten Dank, Herr Doktor, für Ihre Liebenswürdigkeit. Ihren Lohn werden Sie selbst bei mir holen. Zu meinen Füßen werden Sie noch niederknieen, um die mir angethane Beleidigung zu sühnen." Hocherhobenen Hauptes verließ die Gräfin das Gemach. Betroffen ließ sich der Anwalt aus seinem Sessel vor dem Schreibtische nieder. „Es war am Ende doch Unrecht von mir," murmelte er vor sich hin, „diesem Weibe so schroff gegenüber getreten zu sein. Sie ist ja eine furchtbare Sünderin; aber nicht umsonst rathen uns unsere Weisen, jeden und wobl auch den schlechtesten Metlschen mit freundlichem Antlitze zu empfangen." „Wer weiß, welche Unannehmlichkeiten mir noch aus der Rache dieser in ihrer Eitelkeit tiefverletzten Frau entstehen können. Doch ich mußte so handeln, wenn auch die Form, in welcher ich mir die Sünde vom Leibe zu halten suchte, eine mildere hätte sein können. Jndeß aus deine Hilfe, o Herr, vertraue ich. Du wirst in deiner Gnade alles Ungemach von mir abwenden." Er ging darauf in sein Arbeitszimmer, um die unterbrochene Arbeit wieder anfzunehmen. Er hatte noch nicht lange gelesen, als es ganz j leise anklopfte. Sein scharfes Ohr hatte das Klopfen jedoch vernommen und er rief: „Herein." Da ging die Thüre auf und sein Kind, ein hübscher Knabe von vier Jahren überschritt die Schwelle und lief mit offenen Aermchen auf ihn zu, indem er laut rief: „Tag, Pappa! komnl, Manra und Walti ada gehen." Epstein hob den Knaben in seinen Armen auf, und herzte und küßte ihn. Hinter ihm trat seine Mutter ein, eine hohe imponirende Gestalt mit hübschem Gesichte und interessanten Zügen. Das schönste in ihrem Gesichte, waren unstreitig die Augen. Es waren die reinsten Märchenaugen, in denen, wie man zu sagen pflegt, die ganze Welt liegt. Als sie ihren Mann und seinen Knaben so vor sich stehen sah, flog ein glückliches Lächeln über ihr Antlitz und sie sagte: „Ja, Hans, wir sind gekommen, Dich zum Spaziergang abzuholen. Bist Du fertig?" „Nein, noch bin ich nicht fertig, denn ich bin gestört worden, aber trotzdem werde ich eine Stunde mit Dir und dem Jungen gehen und was ich versäume später nachholen." „Das ist schade," sagte seine Frau, „daß Dil die Stunde, die Du uns jetzt widmest, Dir am Abend von Deiner Ruhe nehmen mußt." „Das ist überall so im Leben, mein Lieb," sagte der Anwalt, „denn es ist ein ewiges Naturgesetz: Was man hier nimntt, muß man dort geben." Er hatte bei diesen Worten den Knaben wieder ans die Erde gestellt, war an ein Waschbecken getreten und hatte, nachdem er sich bei seiner Frau entschuldigt, sich die Hände gewaschen. Jetzt zog er seinen Ueberzieher an, nahm seinen Stock aus der Ecke und sagte: „So, meine Lieben, jetzt gehöre ich Euch." Nachdem er noch einem Schreiber gesagt hatte, wann er voraussichtlich wieder da sein würde, nahm er die Hand seines Knaben und ging mit diesem und dessen Mutter fort. Als Dr. Epstein sich entfernt hatte, legten die Schreiber wie auf Kommando die Federn nieder und sahen sich fragend einander an. Dann sagte der Expedient, ein kleiner verwachsener Kerl, der Dr. Epstein treu und ergeben war: „Brav, mein Dokterchen, recht brav! Die hast Du gut abgefertigt". „Kennst Du denn die Dame?" fragte einer von den Schreibern. „Wer kennt nicht die schöne Gräfin Donnersberg, die geborene Lipstadt und ihre galanten Abenteuer. Sie soll in höchst unglücklicher Ehe leben". „Reiche Leute müssen auch ihre Sorgen haben". „Meinst Du, sie blieben davon verschont? Sei überzeugt, sie haben oft mehr Sorgen als ein armer Teufel. Die Gräfin macht s i ch keine Sorgen, dafür jedoch ihrem Manne um so größere".