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Der Israelit · 1896-03-26 · Heft 25-26 (26.3.1896) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 25-26 (26.3.1896)
Date
1896-03-26
Page
– (sequence 18)
Language
German
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522 zueignen, wie sie zu größeren Stellungen oder zur Selbstständigmachung unerläßlich sind. Sie werden bei ihrer guten Schulung sicher überall gern ausgenommen werden und Stellungen finden, soweit die Zeitverhältnisse nicht auch ihnen, wie allen unsern Glaubensgenossen, hemmend entgegentreten. Man soll jedoch den unleugbar traurigen und betrübenden Zeitgeist nicht sür alles verantwortlich machen, denn manchesmal sind die Klagen, daß jüdische Gärtner keine Beschäftigung finden, nur aus ungenügender Vorbildung, aus dem Mangel an Fleiß und Tüchtigkeit, in denen sie gegen ihre anderen Berufsgenossen zurückstehen, herzuleiten. Selbst die Möglichkeit, in ihrem Berufe als strenge Juden weiter zu leben, ist ihnen mehr geboten, als Handlungsbeflifsenen. Ihnen steht die ganze weite Welt offen und bei einer Auswanderung nach außerdeutschen Ländern eröffnet sich ihnen eine ganz andere Aussicht als jenen, an die größere Ansprüche betreffs der Sprache, der Gesetze und Gebräuche des Landes gestellt werden. Zum Beweise führen wir einzelne Stellen aus dem Briefe des in Cassel gebürtigen Herrn Otto Katzenstein an, der kurze Zeit in der Erziehungsanstalt in Ahlem angestellt war, alsdann nach Amerika auswanderte, wo er augenblicklich in Nord-Carolina, Vereinigte Staaten, thätig ist, und dem eine Anstellung in Montreal, Kanada, angeboten ward. Er schreibt: „Bei der Bostoner Landschafts-Architecten-Firma Olmstedt, Olmstedt und Eliot habe ich Anstellung gefunden; unser Senior, Mr. Fred. Law Olmstedt, ist Ihnen als Schöpfer des Centralpark in New- Pork sicher, dem Namen nach wenigstens, bekannt. Ich bin dem Plantingdcpüt zugetheilt, und nachdem ich das erste (Training) Jahr fast ausschließlich in der Office mit Arbeiten botanisch-dendrologischer Art wissenschaftlich beschäftigt war, habe ich jetzt zum ersten Male die Leitung einer bedeutenden Neuanlage erhalten. Es ist nichts weniger als die gärtnerischlandschaftliche Ausschmückung einer im Bau begriffenen Stadt, Pinehurst, die ein reicher Bostoner vollständig aus eigenen Mitteln aufführen läßt. Die Luft ist hier ganz besonders heilsam sür Lungenkranke, und als Kurort für solche wird die Stadt gebaut. Meine Aufgabe ist nun, hier ein immergrünes Paradies zu schaffen, wozu ich, knapp gerechnet, 250,000 Bäume und Sträucher zu verwenden habe. Einstweilen habe ich eine Baumschule angelegt, um meine Vorräthe zusammen zu haben — und habe eine Anzahl Schwarzer, mit denen ich die Gegend abstreife und Gehölze sammele, wie Magnolien, Hollies, Jucca u. s. w. Etwa 50,000 Gehölze sind in Frankreich bestellt, und erwarte ich deren Ankunft täglich. Die Ausführung und erste Instandhaltung der Anlagen wird etwa 1 bis VU Jahre in Anspruch nehmen, und nachher stehe ich wieder zur Verfügung der Firma. Ich arbeite hier natürlich nach den mir gesandten Plänen, indes habe ich die volle Verantwortung, durch Ausführung derselben etwas zu straffen, womit sowohl die Firma, als auch ich selbst Ehre ein lege. Die Bezahlung ist zwar noch nicht glänzend, aber in stetem Steigen begriffen. Ich habe gute Hoffnung weiter voranzukominen, zumal mein Departementschef persönlich .mir zugethan ist und sich für meine Zukunft interessirt. Meine jetzige Thätigkeit ist mir so lieb und so interessant, daß ich mich nicht entschließen kann, sie gegen etwas anderes - obendrein Unsicheres - zu vertauschen." Es soll damit durchaus der Auswanderung nicht das Wort geredet werden, wir wünschen vielmehr nichts sehnlicher, als daß es jüdischen Gärtnern und Ackerbauern möglich ist, ihre Kräfte in ihrem deutschen Vaterlande zu verwerthen und hier den Beweis zu liefern, daß es ihnen nicht an Lust zur Arbeit und sei es auch die schwerste, gebricht. Wir sind sogar der Ansicht, daß es tolerante Gärtner gibt bei denen junge Gehilfen unter Beobachtung der Sabbatruhe, wenn auch gegen geringere Vergütung, Beschäftigung finden werden, bis sie zur Ableistung ihrer Militäcpsticht eintreten. Wenn sie dann nachher Lust und Neigung zur Auswanderung haben, so werden sie durch eine Anfrage an die auswärtigen Vereine und Comitvs, welche die Kolonisation der Juden eifrig betreiben (Alliance Isra61it,e in Paris, Anglo-Jewisli-Association in London, Baron Hirsch-Stiftung oder Nothschild'fches Kolonisationsbureau) sicher Aufschluß erlangen, wo sich für sie ein Aibeitsfeld eröffnet. Tüchtige Arbeitskräfte werden diesen Vereinen und Gesellschaften stets willkommen sein, und es wird sich für sie bald eine Gelegenheit bieten, entweder als Lehrmeister zu wirken oder sich als einfache Kolonisten niererzulassen. Selbst in England wird es ihnen nicht allzuschwer fallen, eine Stellung zu finden, in der sie die Sabbat- und Festtage streng beobachten können, wenn sie am Sonntag dafür arbeiten. Wir wiederholen nochmals, daß wir am liebsten sehen, wenn tüchtige, strebsame Gärtner und Ackerbauer, die sich als solche, mährend ihrer Lehr- und Gehilferzeit erwiesen haben, sich hier im Vaterland ansässig machen. Die Schwierigkeiten, die sich der Selbstständigmachung entgegenstellen, sind nicht gering, aber dennoch nicht unüberwindlich. Die Pachtung einer Gärtnerei oder eines Blumenladens erfordert nicht größere Mittel als die Einrichtung einer Handwerkerwerkstatt mit den erforderlichen Werkzeugen und dem Material und sicher weniger als die Eröffnung eines kleinen Geschäftes. Da wo das eigene Vermögen nicht ausreicht, wird zweifelsohne ihnen willig Unterstützung durch Darlehen zu einem niedrigen Zinsfuß oder gar zinsfrei zu Theil werden. Man

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