Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 25-26 (26.3.1896)
- Date
- 1896-03-26
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XXX VH Jahrgang. Zweite Seil, zu M R & 2B des ^Israelit". Leitender Artikel. Deutsche Juden als Bodenbearbeiter. Frankfurt a. M., 24. März. Es ist die Frage der Berufserziehung niemals so schwierig zu lösen gewesen, wie heutzutage; die Zeit fordert gebieterisch das Verlassen der alten Bahnen und dieser Forderung folgend wenden sich jüdische Jünglinge mehr als früher von dem Handel und den ihm ähnlichen Berufsarten ab. Es müssen deniiiach neue Wege ausgesucht werden, auf denen es ihnen ermöglicht wird als fromme Juden zu leben und sich in ehrlicher Arbeit ihr Brot zu verdienen. Daß hierbei auch die Gärtnerei und der Ackerbau ins Auge gefaßt wurde, ist selbstverständlich, nachdem schon seit Jahrzehnten von vielen Seiten der Wunsch laut wurde, daß jüdische Jünglinge sich auch dielen Erwerbszwcigen zuwenden möchten. Die Ausführung war nur schwierig, wenn nicht unmöglich, denn wo sollten sie als Lehrlinge mit dem Zugeständnis der Beobachtung aller religiösen Vorschriften untergebracht werden? Die Schwierigkeit ist jetzt beseitigt, indem die Gelegenheit, sich zu tüchtigen Ackerbauern und Gärtnern auszubilden, in der Erziehungsanstalt zu Ahlem geboten wird. Sie ist aus der richtigen Erkenntnis der Zeit und ihrer Anforderungen liervvrgegangen und findet bei ihren Bestrebungen bei allen um die Zukunft unserer Jugend sorgenden Männern volles Verständniß und unbedingte Zustimmung. Jeder wählt für seine Söhne nun selbstverständlich nur einen solchen Beruf, der ihm die Aussicht eröffnet, sich dereinst selbst zu erhalten und mit nicht allzugroßen Schwierigkeiten sich auch selbstständig zu machen. Gärtnerei und Ackerbau sind für uns heute neue Berufsarten, und wenn von vielen Seiten Anfragen an die Anstalt gestellt wurden, ob die Ergreifung dieser Berussarten auch eine gewisse Gewähr für die Zukunft bietet, so ist das leicht erklärlich, und es ist eine Pflicht, dieselben nach bester Ueberzeugung zu beantworten und die einschlägigen Verhältnisse klar zu legen. Die erste Frage, welche Anforderungen an Jünglinge gestellt werden, die diesen Beruf ergreifen wollen, ist dahin zu beantworten, daß selbstverständlich Lust und Liebe zur Arbeit vorhanden sein muß und mit ihnen eine gesunde Körperkonstitution, um bei andauernder Arbeit nicht zu ermüden und zu erschlaffen. Das braucht aber niemanden zurückzuschrecken, denn durch die Bewegung, durch den Aufenthalt in der freien Natur wird der Körper gestählt und gekräftigt, und es währt nicht allzulange, so werden die anfangs so schwer scheinenden Arbeiten mit Leichtigkeit ausgeführt werden. Es ist dringend zu empfehlen, daß bei den Kindern während der Schulzeit schon Bedacht darauf genommen wird, sie in Handfertigkeit und Gartenbau zu üben, wie es mit den Schülern, welche die mit der Erziehungsanstalt verbundene Schule besuchen, der Fall ist; ein Urtheil, welche Knaben sich zur Gärtnerei und zum Ackerbau eignen, läßt sich dann leichter fällen, und unangenehme Mißgriffe bei der Wahl dieses Berufes werden möglichst vermieden. Die Anstalt hat auch die fromme Eltern schwer drückende Sorge beseitigt, wo der Lehrling ein Unterkommen finden soll, ohne daß er die im Elternhause geübte und gelernte streng religiöse Lebensweise aufzugeben braucht, da dieselbe ihre Zöglinge auch nach dieser Rücksicht streng überwacht und — was in andern Stellungen nicht so leicht zu finden ist — die Sabbat- und Festruhe von allen Zöglingen unterschiedslos streng und gewissenhaft beobachtet wird. Um heute im Leben fortzukommen, wird vorzüglich eine tüchtige Fachausbildung verlangt, die nur in einer guten Lehranstalt geboten werden kann. In der Erziehungsanstalt in Ahlem lernen die Lehrlinge die verschiedenen Zweige der Gärtnerei und die Hauptarbeiten eines kleinen landwirthschaftlichen Betriebes kennen. Da sie zu solchen Nebenarbeiten nicht verwanot werden, wie es wohl in den kleinen Handelsgärtnereien geschieht, so können sie sich ununterbrochen nur mit dem beschäftigen, was in ihr Fach schlägt, und die Anstalt bietet ihnen mehr des für ihren Beruf Wisfenswürdigen, als es in den meisten Privatgärtnereien möglich ist. Es werden mit der Zeit sämmtliche Hauptkulturen in musterhafter Weise unter besonderen Lehrkräften betrieben werden und das Bestreben des Curatoriums, die Anstalt zu einer Musteranstalt herauszubilden, wird zweifelsohne von Erfolg gekrönt werden, wenn derselben die erhoffte erforderliche finanzielle Unterstützung seitens unserer wohlhabenden Glaubensgenoffen zugewandt wird. Mit der praktischen Ausbildung geht die theoretische in der mit der Anstalt errichteten Fortbildungsschule Hand in Hand. So werden nach dreijähriger Lehrzeit die jungen Leute, vorausgesetzt, daß sie ihre Pflicht thun und die sich ihnen bietende Gelegenheit zum Lernen der theoretischen und praktischen Grundlagen der Gärtnerei benutzen, alle Anforderungen, welche man an einen jungen Gehülfen stellen kann, erfüllen und bei der Liebe zur Weiterbildung, die in ihnen erweckt wird, fleißig weiterstreben, um sich immer tiefere und ausgebreitetere Kenntniffe an-