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Der Israelit · 1896-03-23 · Heft 24 (23.3.1896) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 24 (23.3.1896)
Date
1896-03-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXVII. Jahrgang. Beilage ju M 24 des „Israelit“. Leitender Artikel. Uom Verein deutscher Stnntsdnrger jSd. Glaubeus. (Fortsetzung aus Nr. 22.) Es bleibt sodann die Frage zu erörtern, ob die Methode des V. d. St. j. Gl. einer Prüfung auf Moral und Erfolg Stand hält. Die Denunzirungssucht z. B., die u. a. auch von politischen Parteien, welche für die volle Gleichberechtigung der Juden eintreten, schärfsten Tadel mit Recht erfährt, ist ja so unrühmlich bekannt geworden, daß man bereits die „Firma" Denunziantenverein erfunden hat. Die Herbeiführung verfehlter Anklagen, d. h. solcher, bei welchen von vornherein ein Erfolg für die Sache der Abwehr ausgeschlossen erschien, ist wahrscheinlich ebensowenig ein Zeichen von Verftändniß für die Abwehr, wie die Devise „öffentlich um jeden Preis." Die Ersteren führen im günstigsten Falle dazu, den Antisemiten einen Sporn zur Forsetzung, ja sogar zur Verstärkung ihrer Angriffe zu geben, weil letztere durch die Nrtheile vielfach quasi sanktionirt worden sind. Wir hegen die Ueberzeugung, daß der Verein zur Abwehr des Antisemitismus mit ebensolcher aber gereifterer Gewissenhaftigkeit wie der V. d. St. jüd. Gl. direkten oder indirekten Angriffen nachgeht. Aber er scheint mit weiterenl Blick und mit größerem Takt zu ermessen, daß es nicht opportun ist, um jeden Preis öffentlich zu sein, und daß es geboten ist, einen Prozeß eher nicht anzustrengen, als damit den Antisemiten Vorschub zu leisten. Glaubt der V. d. St. j. Gl., daß er mit seinen Kampfmitteln: Prozessen und Literatur auch nur einen Antisemiten bekehrt, oder daß er wenigstens einen Antisemiten aufkiärend beeinftuffen wird? Er glaubt es selbst nicht, so groß trotzdem sein Glaube an sich selbst ist.' Das Selbstbewußtsein der Juden wird der V. d. St. j. Gl. weder mit seiner Taktik noch seinen Reden — gesprochen und gedruckt — heben; denn sie sind meist nur von rhetorischer Wirkung, und die Praxis geht leer aus. Das Wirken des gesammten Vereins ist also in taktischer Hinsicht ein vollkommen verfehltes und — gerade vom Standpunkte der Abwehr — auf's Tiefste zu beklagen. Was aber am wichtigsten erscheint, ist die politische Seite der Sache. Statt des großartigen nationalen Gesichtspunktes, die Gleichheit aller Staatsbürger zum Leifftern des öffentlichen Verhaltens zu erwählen, wird hier — in verblendeter Verkennung dieser Gesichtspunkte — das kleine Häuflein der Juden zum Mittel- und Angelpunkt öffentlichen EinfluffeS gemacht und damit eine Politik eingeschlagen, die sich in ihrer ganzen Lächerlichkeit offenbart, wenn man sie nur mit dem richtigen Namen: „jüdische Centrumsbeftrebungen" nennt. Anstatt mit allen Verfechtern der großen liberalen Gedankens, der Gleichheit Aller vor dem Gesetz, Schulter an Schulter zu kämpfen und damit die nationale Assimilation, auch in politischen Dingen, welche von antisemitischer Seite bestritten wird, zu bethäligen, wird durch die Aktion des V. d. St. jüd. Gl. nicht nur die Theilnahme der jüdischen Mitbürger an den politischen Vorgängen und die Beurtheilung derselben vom allgemeinen Gesichtspunkt gelähmt und gehindert, sondern geradezu jene Denkart gezüchtet die bei allen Fragen des öffentlichen Lebens jenen selbstischen Maßstab anlegt: Was nützt es unseren jüdischen Mitbürgern oder milde ausgedrückt: Was schadet es unseren Gegnern, den Antisemiten?, während doch der einzige richtige Gesichtspunkt jener ist, welcher die politischen Vorgänge mit dem Maße des salus publica und nicht mit dem des 8a1n5 judaic-a mißt. Daher — davon bin ich überzeugt — werden Männer, welche von modernem Geiste durchweht sind und einen klaren ungetrübten Blick behalten haben, sich jener Sonderbündelei nicht anschließen, die fast mehr dem Bedürfnisse Einzelner strebs—amer Männer, als dem Interesse unserer ernsthast, um ihre Gleichberechtigung besorgten Mitbürger entsprungen zu sein scheint. Wer sich also diesem „Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" anschließt, und etwa glaubt, damit gewissermaßen gegen den Antisemitistnus zu kämpfen oder vielmehr den Kampf gegen den Antisemitismus zu fördern, von dem gilt das Wort Ovid's: Incidit in Scyllam, qui vult vitare Charybdim. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. O e ft e r r. - U n g a r. Monarchie. Wien, 19. März. Heute waren die Einberufer der jüngsten Protestversammlung der jüdischen Studentenschaft, die Mediziner Leonhard Gerbel, Max Jerusalem und Wilhelm Sternbach, sowie der Student Jsioor Schallit, der in dieser Versammlung das Mort ergriffen hatte, in die Universitäts-Kanzlei beschieden, wo der Kanzleioirektor Dr. Brockhausen mit jedem einzeln ein Protocoll aufnahm. Zweck dieser Protocolls-Aufnahme war wie bei der Einvernahme

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