Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 24 (23.3.1896)
- Date
- 1896-03-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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meines Seelenheils. Jetzt, wo ich aber mit Freuden vernehme, daß dieses nicht bedroht ist, sollt Ihr Euch über mich nicht zu beklagen haben. Wollet Ihr mir verzeihen?" „Recht gerne," sagte die Eomtesse mit glückstrahlendem Lächeln, verstohlen die Hand Martha's drückend. „Doch nicht eher, bis Du mich Tante nennst. Ach wie gerne würde ich mich von Dir Tante Eomtesse mal wieder nennen hören!" „Wenn Sie es absolut wünschen, Rechte habe ich keine dazu!" „Wie engherzig!" rief Martha mit erkünstelter Empörung aus. „Ist es denn so schwer, diese edle Frau, die sie als Kind über Gebühr verzärtelt und auf den Armen trug, Tante zu nennen? Zur Strafe dafür, müssen Sie mich auch mit Cousine anrcdcn. Wollen Sie? Schlagen Sie ein?" Sie hielt ihm die Hand mit schelmischem Lächeln entgegen, mechanisch legte er seine Finger hinein. „Topp, es gilt! Jetzt aber rasch fertig gemacht, lieber Cousin! Sie werden schon erfahren, welchen grausamen Tyrann Sie an Ihrer Cousine gewonnen haben. Sie begleiten uns doch?" „Das geht nicht," sagte Elchonon. „Ich bin heute zu Tisch bei einem Freunde geladen und habe mein Erscheinen versprochen." „Wasthut's?" versetzte Martha bestimmt. „Sie schreiben, daß Sie durch unvorhergesehene Abhaltungen verhindert sind, der freundlichen Einladung Folge zu leisten und Jean wird dieses Schreiben sofort an seine Adresse besorgen. Sie werden doch uns den Beweis geben wollen, daß Sie unsere Verzeihung verdienen?" „Ra meinetwegen," sagte Elchonon ärgerlich und schrieb das uns bereits bekannte Billet all Dr. Marpua. „Wir wollen ein Stündchen," plauderte Martha weiter, „durch den Park fahren, uns vom lieben Cousin unterhalten lassen und dann zu Mittag speisen. Sie werden doch heute unser Gast sein?" „Rein, liebes Fräulein! Sie vergessen, daß ich Jude bin, unb daß ich nur Speisen, die nach meinem Ritus zubereitet werden, genieße." „Ach lvie unangenehm!" bedauerte Martha. „Dann lvollen wir mit Ihnen iu einer jüdischen Restauration speisen." „Aber Martha!" rief die Gräsül entsetzt ans. „Rur ruhig, liebes Tantchen, wir wollen doch mal kosten, ob die jüdische Küche schmackhaft ist. Jetzt aber vorwärts in die Luft, drailßen ist es zu herrlich, um in der Stickluft dieser elenden Bude seine Zeit zu vertändeln. „Lieber Cousin, reichen Sie doch der Tante den Arm. So, nun vorwärts!" 28 «apttel. Der ewige Frühling des Judenthum's. „Der Junge bleibt lange aus," sagte Dr. Blum kopfschüttelnd. „Welche Nachricht wird er uns bringen? Aber bitte, lieber Freund, fahren Sie fort. Also auch der Frühling offenbart uns Wahrheiten des Judenthums?" „Ach ja," sagte Dr. Marpua; „er redet zu uns in einer deutlichen Sprache. Mit dem 15. Schwat beginnt das Neujahr der Bäume, verzeichnet das jüdische Kalendarium. Während starre, grimmige Kälte ihre eisigen Bande um die Natur geschlungen hält, sind es neue Lebenssäfte, die sich von den Wurzeln in die entlaubten Geäste der Bäume ergießen. Mit der verjüngenden Kraft im Pflanzenreiche der Natur beginnt auch frisches, junges Leben durch den vieltausendjährigen Stamm des Judenthums zu rollen, und jederPulsschlag der ehrwürdigsten Erscheinung in der GeschichtederMenschheit offenbart neuesLeben, neues Interesse, mit dem Erstarken des Sonnenstrahles am Firmament nimmt der ewige Glanz des jüdischen Geistes zu, dem Bekenner dieser Religion die elementarsten Begriffe des Lebens unseres Volkes einprägend, durch die auf die historischen Vorgänge bezüglichen Pflichten. Frühlingsodem, milde Frühlingsluft hebt das Herz, schwellt die Brust von Millionen Menschen, sie an die Allmacht Gottes und seine Weisheit mahnend, seine Schöpferkraft verkündend. Frühlingsfeier des im Menschen erwachten Geistes, Festesfreuden der geistigen Freiheit, ist ein historischer Vorgang, den nur die Geschichte des Judenthums kennt. Der Mensch, der nie ermüdet nach langer, trüber Winterzeit aus den frühen Schlag der Lerche zu lauschen, der jedes milde Luftwehen mit Freuden begrüßt, jeder aufkeimenden Blume und Blüthe seine besondere Aufmerksamkeit, besondere Bewunderung widmet und je mehr Frühlinge sein Erdenwallen zählt, desto größer seine Frühlingslust, seine Frühlingsfreude, ist der treffendste Rahmen, um das Bild zu umspannen, welches das Gemüth des gesetzestreuen Israeliten empfindet bei dem Herannahen der Frühlingszeit, mit jenem Peßachfeste, der den Frühling im menschlichen Geiste darstellt. Ja, in den Wechsel der Zeiten, in das Naturgesetz selbst, hat Gott seine heilsamen Lehren eingegraben und ihnen dadurch eine unverwüstliche Dauer verliehen. Denkmäler von Stein und Erz zerbersten, werden von dem Zahn der Zeit zerstört, nicht aber die in das Herz Israels eingegrabenen geschichtlichen Wahrheiten; sie sind an den Strom der Zeit geknüpft und jeder Wellenschlag desselben erinnert die Inden auf dem ganzen Erdenrunde an ihre Mission in der Geschichte der Menschheit und an ihre Pflichten. Das Peßachfeft, welches wie der Frühling im Reiche der Natur,