Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 24 (23.3.1896)
- Date
- 1896-03-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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$ i * 491 berechtigung, und da wir von allen Seiten angefeindet werden, „wäre es ja ein Verbrechen gegen uns selbst, wenn wir in unserer gefährdeten Situation uns nicht nach Bundesgenossen umsähen, welche in ihren Interessen und Bestrebungen uns am nreisten verwandt sind, und welche nicht allein gewillt, sondern auch thatsächlich befähigt sind, gegen Angriffe von boshafter und feindlicher Seite uns zu schützen". Ich will hier weder für noch gegen die Sozialdemokratie Stellung nehmen und will auch gern bekennen, daß in dieser Partei ein großer Theil von Idealismus bei allen Bestrebungen unr materielle Besserstellung vorhanden ist, ob sie aber gerade als die Vorkämpserin für Freiheit und Gleichberechtigung zu preisen ist, das möchte bezweifelt werden dürfen, wenn man sich der Vorgänge auf einigen Vereinstagen erinnert, die doch manches an den Tag legten, was nicht gerade dafür zeugt, daß innerhalb des Vereinslebens dem Einzelnen die Freiheit der Bewegung gewahrt sei. „Wer sich nicht fügt, der fliegt!" Dieses Wort ist ja bekannt genug und beweist deutlich, wie es um die Freiheit des Einzelnen steht. Wie wird nun diese Freiheit erst aussehen, wenn die Sozialdemokratie das Heft in die Hände bekommt. Aber auch davon abgesehen, sind die Gründe die der Verf. anführt, höchst merkwürdig. Wenn man den Verf. hört, sollte man glauben, daß die ganze Welt von der Massenconsumtion der Sozialdemokratie lebe, als ob die ganze Masse der Consumirenden, Sozialdemokraten seien und ohne sie Geschäft, Handel und Verkehr nicht denkbar sei. Und wenn dies nun so wahr wäre, wie es in der That nicht ist, dann sollte man um des Gewinnstes willen socialdemokratische Gesinnung bekennen, mit andern Worten: politischen Schacher treiben! Wenn diese Ansicht zur Geltung käme, dann könnte nmn es ja auch den Arbeitgebern nicht übel nehmen, wenn sie von ihren Arbeitern verlangen, daß diese zur polilitischen Gesinnung ihres Herrn sich bekennten. Es ist, auf die Politik angewendet, jener Grundsatz, „Weß Brot ich esse, deß' Lied ich singe", die Quelle aller Heuchelei uud Verlogenheit. Der Verf. sagt so richtig von denen, welche aus äußern Gründen sich taufen lassen, daß sie, die ein Dogma bekennen, an welches sie nicht glauben, einen Act größter Eharakterlosigkeit begehen; steht es nun etwa um diejenigen, welche auf ein politisches Programm, das sie in Wirklichkeit nicht bekennen, um äußerer Vortheile willen sich einschreiben, in betreff ihrer Eharakterlosigkeit besser? Es kann Vorkommen und läßt sich rechtfertigen, daß man bei Wahlen sogar einem politischen Gegner seine Stimme giebt, weil hier oft zwischen zwei Nebeln das kleinere im Sinne des Wählers vorzuziehen ist; etwas anderes ist aber der Anschluß an eine Partei, dieser verpflichtet auf das Parteiprogramm, und man kommt darüber nicht mit der billigen Ausrede hinweg, die und die Punkte, oft die wesentlichsten, brauche ich ja nicht anzuerkennen. Eine ganz besondere Beweis- und Ueberzeugungskraft besitzt aber der zweite, vom Verf. angeführte Grund. Unzweifelhaft seien es die Volksmassen, aus denen sich die Sozialdemokratie rekrutirt, von denen uns thätliche Angriffe drohen, darum sei es räthlich, sich mit ihr zu verbinden, es sei „Vortheil und Pflicht" sie uns zu Freunden zu halten, da sie im Falle der Noth „am wirksamsten uns Beistand zu leisten befähigt sind." Der Verf. scheint es selbst nicht zu ahnen, ein wie großartiges Kompliment er seiner eigenen Partei hier gemacht und was er uns zugemuthet hat. In einfaches Deutsch übersetzt, sagen diese Worte nichts anderes als: Wenn einmal der große Kladderadatsch losgeht, dann geht es auch den Juden an den Kragen; wer sich darum vor den Fäusten der Sozialdemokraten schützen will, der baue bei Zeit vor, schließe Freundschaft mit ihnen, und schlage so zwei Fliegen mit einer Klappe: er hält die Faust des Radaubruders von sich fern und erwirbt für sich eine, die auf andere losschlägt. Die Gesinnungsgenossen des Verf. mögen sich bei ihm bedanken, für die Rolle, die er ihren Fäusten zutheilt, daß „thätliche Angriffe auf uns nur von Seiten der großen Masse zu erwarten seien, aus denen die Anhänger der Sozialdemokratie sich rekrutiren;" ich halte die Sozialdemokraten nicht für so rauflustig; dies Schreckgespenst wird wohl keinen in ihre Arme treiben. Im Gegentheil müßte bei einer solchen Perspective nicht jeder auf Ehre haltende Mann sich umsomehr veranlaßt sehen, sich von der Berührung mit der Sozialdemokratie fernzuhalten? Ist schon einmal ein anständiger Mensch mit einem Radaubruder Arm in Arm über die Straße gegangen, um vor dessen etwaigen Schlügen sich zu sichern? Sollte aber gar in den Worten eine versteckte Drohung liegen: wenn ihr Juden euch nicht zur Sozialdemokratie bekennt, so sollt ihr sehen, wie es euch gehen wird, fürchtet dann die Abrechnung! — nun, so fürchten wir uns nicht und werden thun, was uns recht erscheint. Aber, wie gesagt, wir mutzen der Sozialdemokratie weder diese Drohung auf, noch Hallen wir sie für die Partei, die, als solche, Lust zu thätigen Angriffen hätte; von diesem Gesichtspunkte aus hätten wir keine Veranlassung einen Juden vor dein Eintritt in die Sozialdemokratie zu warnen, aber noch weniger Grund haben wir, zu einem Eintritt in diese Partei zu veranlassen. Die Judenheit und die sogenannte Judenfrage, hat mit der politischen Parteistellung der Juden nichts zu thun; wir wollen als Juden keine politische Partei bilden, die Politik ist Sache jedes Einzelnen; dabei ist es ja natürlich, daß kein