Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 24 (23.3.1896)
- Date
- 1896-03-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Schule des Antisemitismus herangewachsenen Lehrer, Richter, Beamte, die Führenden im Staatsleben werden geworden sein? Der Ausblick in die Zukunft ist nicht gerade freundlich, aber Gott sorgt schon dafür, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen; daß der Fortschritt wohl gehemmt uno aufgehalten, aber nicht vollständig unmöglich gemacht werden kann, ist doch eine Lehre, die nur der zu leugnen vermag, welcher den Gang der Geschichte nicht beobachtet. Ueöerdies werden all die Heißsporne, wenn sie erst in eine amtliche Thätigkeit kommen, ganz anders als ste cs sich in ihrer heißen jugendlichen Phantasie haben träumen lassen. Und was die Gegenwart betrifft, so konnte gegen antisemitische Allüren irgend eines Lehrers noch immer Remedur geschafft werden. Keineswegs sind die Rathschläge, die der Verfasser gibt, gerechtfertigt. Was räth er nun seinen Glaubensbrüdern? Auswanderung nach Amerika! Voran die Reichen, die sich am ersten aus den heimischen Verhältnissen loslösen können, wenn auch das Opfer, den einmal liebgewonnenen Boden, die gewohnten Umgebungen zu verlosten, gebracht werden muß. Wenn man steht, daß man einer Gesellschaft nicht genehm ist, dann verläßt man sie; man will uns nicht, also entfernen wir uns. Es wäre dies zugleich auch eine Kraftprobe, ob man nicht wieder, sobald man ein sieht, wie Arbeitskraft und Kapital verloren geht, die Ausgewanderten zurückriefe, die dann umso mehr in Ansehen steigen würden. Kühne Pläne! von denen, wie aus dem weitern Verfolg der Abhandlung hervorgeht, der Vers, selbst nicht viel sich zu versprechen scheint. Aber betrachten wir einmal diesen Vorschlag mit kühlem Blute, und das Ungeheuerliche desselben wird uns recht klar werden. Wem ist es schon je eingefallen, sein Haus und seinen Besitz zu verlassen, weil ein paar Gassenjungen ihm eine Katzenmusik gebracht haben? Wir haben das Recht in Deutschlattd zu wohnen, wir haben mit Gut und Blut die Einheit Deutschlands erkämpfen helfen, wir geben dieses Recht nicht auf, wir bleiben den antisemitischen Buben zum Trotz da, wo wir sind und machen unsere Rechte geltend. Nicht in feiger Flucht exiliren wir uns selbst und drücken uns den Stempel der Vaterlandslosigkeit auf. Der Rath der Auswanderung ist kein guter; er ist aber noch mehr, er ist geradezu ein verwerflicher und zwar in nicht geringem Grade in Bezug auf unsere Mitbrüder, denen eine Auswanderung unmöglich ist. Wie, die Reichen und Wohlhabenden, die durch Besitz, Lebensstellung und Bildung immerhin trotz alles Antisemitismus Einfluß haben, die sollen auswandern und die Zurückbleibenden ihrem Geschick überlassen, das sich alsdann erst recht ungünstig für sie gestalten würde? Nein, solche Rathschläge hat kein guter Geist dem Vers, eingegeben; zum Davonlaufen sind übrigens die Verhältnisse noch nicht. Aber dem Vers, ist es auch gar nicht ernst damit, ganz gewiß nicht! Er weist ja selbst darauf hin, auf welche Schwierigkeiten eine allgemeine Auswanderung stoßen würde, daß erst viele Jahrzehnte darüber hinweggehen würden, ehe nur ein ernster Anfang gemacht werden könnte, und weil, wenn auch einzelne übers Meer gingen, die übrigen doch unter den gegebenen Verhältnissen leben müßten, so wendet er sich an diese mit seinen Rathschlügen. Daß die Juden etwas mehr stolz auf ihr Judentum sein sollen, daß sie ihre Kinder in der Anschauung erziehen sollten, nicht die äußere Auszeichnung werthe den Mensch, der Mensch habe sich selbst seinen Werth zu geben, und darum solle man sich die Thatsache, daß man dem Juden den Weg zu höheren Aemtern und in gewisse Kreise hinein verlegt, nicht so sehr zu Gemüthe führen: das sind recht gute und beachtenswerthe Lehren, aber sie bilden nicht das Ziel, das der Vers, mit seiner Broschüre im Auge hat; mit seinem Trumpf rückt er zuletzt heraus und um diesen einen Rath zu geben, hat die Broschüre das Tageslicht erblickt, und dieser lautet, die deutsche Judenheit gehe in's sozialdemokratische Lager über. Diesen Rath müssen wir aber bis auf's Aeußerste bekämpfen; kein schlechterer, kein mehr verderbenbringenderer hätte gegeben werden können. Hören wir die Gründe des Vers.: „Für die große Masse der Juden, den Klein- Handwerker, die unteren Angestellten, den Handelsmann, den untern und mittleren Kaufmannsstand wäre es das Zweckmäßigste, sich der Sozialdemokratie anzuschließen, von deren Anhängern sie doch eigentlich wegen der von ihnen ausgehenden Maffenconsumtion in hervorragendem Grade ihren Lebensunterhalt ziehen. Auch ist ja nicht daran zu zweifeln, daß thätliche Angriffe nur von Seiten der großen Masse des Volks uns drohen, aus welcher sich die Anhänger der Sozialdemokratie rekrutiren. Deshalb ist es unser Vortheil und unsere Pflicht, sie uns zu Freunden zu halten, die im Augenblick der Roth am wirksamsten uns Beistand zu leisten befähigt sind". Auch die besser situirten Juden sollten sich der Sozialdemokratie als der Vorkämpferin für Freiheit und Gleichberechtigung, um welche die Juden noch immer ringen, anschließen. Daß es mit dem bloßen Theilen der Güter nicht gethan sei, sähen die Sozialdemokraten ein, die „neue Gesellschaftsordnung" müsse sich, daß wüßten jene selbst am besten, auf der alten aufbauen, der „Zukunftsstaat" sei ein Ideal, an das man glauben könne oder auch nicht, so sei also die Sozialdemokratie die vortrefflichste Bundesgenossin des Judenthums im Kampfe für Freiheit und Gleich-