Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1896-03-23 · Heft 24 (23.3.1896) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 24 (23.3.1896)
Date
1896-03-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448608-2448633--41513-2490474
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

XXXVII. Jahrgang. M S4 Der Israelit. Ein Eenlrat-Hrgan für das ortyodore ZudenLHum. Begründet »«« Dr. Lehman« in Mainz. Montag, den 23. März 5656 (1896). Da mit dem 1. April 1896 ein neues Quartal beginnt, so erlauben wir uns, die geehrten Abonnenten darauf aufmerksam zu machen, daß namentlich bet der Post das Abonnement frühzeitig erneuert werden muß, damit die Versendung keine Unterbrechung erleide. In der Postzeitungsliste pro 1896 eingetragen unter Nr. SSSS. Leitender Artikel verderbliche Rathschläge. Frankfurt a. M., 16. März. 8. Extreme Zustände verlangen extreme Mittel, wer demnach solche anwenden will, der muß die Krankheit, die er mit ihnen zu heilen gedenkt, für eine solche halten, bei der es sich um Leben oder Tod handelt. Es gibt aber auch Heilkünstler, die sich in gewagten Experimenten gefallen und diesen zu Liebe eine Todesgefahr konstruiren, und zu diesen scheint auch der Verfasser einer jüngst erschienenen Broschüre *), welche die sogenannte Judenfrage behandelt, zu gehören, die mit recht gewagten Vorschlägen zur Abhilfe sich an die deutsche Judenheil wendet. Man braucht die Gefahr des Antisemitismus nicht zu unterschätzen, aber man darf sie auch nicht überschätzen. Es ist ja wahr, daß die antisemitische Gesinnung viel weiter verbreitet ist, als es dem oberflächlichen Zuschauer erscheint, daß aber die Zustände geradezu so unerträglich sind, wie der Vers, sie darstellt, daß nur beziehungsweise viel schlechter daran seien, als unsere Väter in der Vergangenheit, denen man die Häuser über dem Kopf anzündete, denen man ihre Kinder entriß, um sie gewaltsam zur Taufe zu schleppen, oder sie vor ihren Augen niederzustoßen, als unsere Väter und Mütter, die man massenhaft in den Tod trieb: das ist doch, gelinde gesagt, eine starke Uebertreibung. Wir seien empfindlicher geworden gegen jedes unfreundliche Wort, gegen jede gehässige Miene — mag sein, vielleicht *) V o r d e m S t u r m. Ernste Mahnworte an die deutschen Juden von Dr. Bernhard Cohn, Berlin. Wesemann. ist es auch nur Täuschung; wer sagt, daß unsere Väter minder zartfühlend waren? wer sagt, daß neben dem physischen Schmerzen, die die Welt ihnen verursachte, nicht auch die tiefsten seelischen Schmerzen empfanden? Unsere Väter fanden Ersatz für alle Schmähungen in dem Glück ihres Familienlebens, in der Achtung, in welcher sie bei ihren Glaubensgenoffen standen. Können wir nicht auch das Glück in unferm Hause und Familienleben finden? Müssen wir es draußen suchen? Finden wir es im Haufe nicht, — ei, dann wollen wir uns selbst anklagen und wollen uns bessern; und daß wir durch die Beleidigungen irgend eines antisemitischen Gassen- oder Salonjungen in der Achtung unserer nächsten Umgebung sinken — das wird der Vers, selbst wohl bei näherer Ueberlegung verneinen. Es ist ferner wahr, daß die Gleichstellung der Juden zum großen Theil nur auf dem Papiere steht. Gesetzlich können sie in alle Verwaltungskreise eintreten, thatsächlich legt man diesem Eintritt die größten Schwierigkeiten in den Weg, in manche Carrieren läßt man sie nicht hinein; das ist nicht schön, aber dieses negative Verhalten ist immer noch kein Grund zu dem rabiaten Mittel zu greifen, das der Vers, vorschlägt. Gegen tatsächliche Beleidigungen gibt es in Deutschland doch noch immer Rechte und Gerichte, und wenn auch manche Richtersprüche ein Kopfschüttetn bei dem unbefangenen Beobachter hervorgerufen haben, so waren dies doch nur Ausnahmen; im großen und ganzen ist Recht doch immer Recht geblieben. So ganz wehrlos und schutzlos stehen wir doch nicht da. Aber die Zukunft unserer Kinder! Schon jetzt haben sie unter antisemitischen Lehrern nicht wenig in der Schule von diesen und ihren Kameraden zu leiden; was soll noch werden, wenn erst diese in der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.