Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 23 (19.3.1896)
- Date
- 1896-03-19
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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474 Art. Das ist richtig; aber Ein Mann gegen Tausende, wenn es gilt, an seiner Ueberzeugung festzuhalten und derselben Opfer zu bringen, das ist die Art unserer Vorfahren, das ist jüdische Art. Die Deutsch-Nationalen sagen, der jüdische Student habe viele Beweise von Ehrlosigkeit und Charakterlosigkeit gegeben. Nun, wir haben viele Beweise von arischer Charakterlosigkeit, Ehrlosigkeit und Feigheit gesehen, wir könnten ihnen eine ganze Lifte vorlesen. Diese Herren haben die Ehre und die Charakterfestigkeit gewiß nicht gepachtet. Und dieser Herr Florian Albrecht, der die ganze Frage aufgerollt hat, indem er einen Artikel in einem Schönerer- Blatte schrieb — ich habe die Ehre, Pardon keine Ehre, ich habe das Vergnügen, ihn persönlich zu kennen. Dieser Herr ist von drei Studenten, von denen er in dem erwähnten Artikel in ehrenrühriger Weise sprach, gefordert worden, aber ausgekniffen, noch bevor die Entscheidung gefallen war. Von den deutsch nationalen Verbindungen hat die „Campia" zuerst mit der Sache begonnen. Was ist die „Campia"? Eine Verbindung, die einfach Null ist. Es ist sehr bezeichnend, daß die starken deutsch-nationalen Verbindungen, die sich vor uns nicht zu fürchten brauchen sich am längsten dagegen wehrten, den Standpunkt der „Wehrhaften" einzunehmen. Nur jene, die ihre guten Gründe hatten, waren gleich von Anfang an für den Beschluß. Feigheit ist das einzige Motiv dieser Leute gewesen. (Stürmische Zustimmung.) Was sollen aber die jüdischen Studenten dazu sagen? Wenn wir den Herren nicht satisfactionsfähig sind, so sind sie es uns um so weniger. Wir verzichten auf die Ehre, mit ihnen §u thun zu haben. Aber einen Eingriff in unsere akademischen Rechte, eine Beschimpfung des Judenthums lassen wir uns nicht bieten. (Stürmischer Beifall.) Wir müssen Alle zusammenstehen, wir müssen uns einigen, uns organisiren, dann brauchen wir uns vor Tod und Teufel nicht zu fürchten." (Allgemeine Zustimmung.) Der Altbursche der „Kadimah", Herr Sch alit, führt aus, die letzten Ereignisse an der Wiener Universität hätten bewiesen, wie dehnbar der Begriff „Ehre" ist, welch angenehmes Werkzeug es in geschickten Händen werden könne. „Was nützt mir der Säbel", sagen die deutsch-nationalen Studenten, „wenn er zweischneidig ist, was nützt mir die Mensur, wenn auch der Jude sich schlägt!" Ja, früher, als der Jude einem sich pöbelhaft geberdenden Akademiker nicht entgegentrat, war es leicht, den Juden zu beschimpfen und zu besudeln; heute, wo es viele säbelkundige Juden gibt, wo die jüdische Studentenschaft weiß, daß sie auch physisch groß dastehen müffe, kneift die heldenmüthige deutsch-nationale Schaar — schau' herab, Vater Teut! — vor Juden aus. (Stürmischer Beifall.) Wir wollen nicht in denselben Fehler wie unsere Gegner verfallen. Wir wollen nicht behaupten, daß alle deutsch-nationalen Studenten vor uns auskneifen, wir wissen, daß, wenn auch drei Viertel dieser Heilo- Burschen durch blasse Furcht zu dem Beschlüsse gedrängt wurden, es unter ihnen auch Nicht-Auskneifer gibt, aber um so schlimmer für diese Leute, wenn sie für ihr ehrabschneiderisches Vorgehen nicht einmal den Milderungsgrund der persönlichen Rücksichtnahme ins Treffen führen können. Wir wissen ganz gut, daß dieser Beschluß keinem deutschen Studentengehirn entsprungen ist, sondern die Anregung in außerstudentischen, in politischen Kreisen gefunden hat. Wenn es deutsche Ehre verlangt, daß der Stärkere den Schwachen, den Unterdrückten ohne Risico beleidigen darf, dann mögen diese teutonischen Helden diese Ehre für sich behalten, dann mögen sie Recht haben, wenn sie behaupten, der Jude verstehe nichts von deutscher Ehre. Seit vielen Jahrhunderten haben die Juden gezeigt, wie sie die Ehre zu wahren wissen, auf unzähligen Scheiterhaufen haben sie bewiesen, daß sie für Ehre, Recht und Freiheit zu streiten und sterben verstehen. (Stürmischer Beifall.) Der Säbel ist keine deutscke Waffe, auch andere Völker bedienen sich seiner, und schon vor Jahrtausenden sind die Juden mit dem Schwert in der Hand dem Feind entgegengetreten. Feig und ehrlos ist der Jude? In den Freiheilskämpfen aller Völker haben die Juden mttgekämpft — nur aus Feigheit. Jüdische Studenten waren die Ersten, welche in Oesterreich ihr Blut für die Freiheit verspritzten — nur aus Feigheit. Jüd. Soldaten haben in unzähligen Schlachten für Oesterreichs Ehre geblutet — nur aus Feigheit. So lächerlich auch die Behauptung von jüdischer Feigheit klingen mag, man wird sie glauben, denn diese deutschnationalen Studenten werden ja einst die Jugend erziehen, sie werden Recht sprechen, sie werden in der Verwaltung sitzen, sie repräsentiren die künftige Gesellschaft. Was muß nun geschehen? Ruhig und maßvoll, aber fest und energisch müssen wir dem Gegner die Stirne bieten. Kann es nicht auch für den Muthigen manchmal nöthig sein, mit der bloßen Faust dreinzuschlagen? Was haben wir denn zu fürchten, was haben wir zu verlieren? Eine Beule thut nicht so weh', wie enttäuschte Hoffnung, ein Schmiß schmerzt nicht so, wie verletzte Ehre. Seit einig, gebet nichts von euren Rechten preis, lasset nicht ab vom Kampfe, möge auch kommen, was da kommen mag. (Stürmischer Beifall.) Einige Ausführungen des Redners, die dahin zielten, einen allgemeinen Build jüdischer Studenten zu gründen, sowie einige Bemerkungen deffelben Redners jüdisch-nationalen Charakters stießen auf den Widerspruch eines großen Theiles der Versammlung.