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Der Israelit · 1896-03-16 · Heft 22 (16.3.1896) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 22 (16.3.1896)
Date
1896-03-16
Page
– (sequence 10)
Language
German
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458 Bekämpfung der Antisemitismus auf die Mitarbeit christlicher Männer nicht nur verzichten zu können, sondern auch verzichten zu sollen. Ja, er geht sogar soweit, im Vergleich zum jüdischen Glauben das christl. Glaubensbekenntniß herabzufetzen, indem er Folgendes ausführt: „Unser Gott lebt nicht in dem Nebel des Mysticismus, sondern in den Höhen reiner Erkenntniß. Wir brauchen kein neues Evangelium der Liebe, nicht diese ewigen Hinweisungen auf das himmlische Reich; die Erde ist das Reich, das uns der Himmel gegeben, mit ihr haben wir es zu thun." Demgegenüber ist die Frage wohl berechtigt, ob nicht durch solche Ausführungen — conform der antisemitischen Taktik — geradezu ein Gegensatz zwischen den beiden Confessionen geschaffen und Glaubenszwietracht gesäet wird. Jede Provokation bedeutet das direkte Geg ent heil einer Abwehr des Antisemitismus und der Zurückdrängung aller relig. Elemente im Kampfe für die staatsbürgerliche Gleichberechtigung. Er bezweckt also gewiffermassen wieder einen Abschluß der Juden, der wahrlich nicht dazu dienen kann, das Borurtheil gegen die Juden zu verringern und in seiner letzten Conseguenz dazu führen müßte, daß ein ironisch veranlagter Staatsmann auch die örtliche Zusainmenschließung der Juden als fördernswerthe Bestrebung des Ver. d. St. jüd. Gl. betrachtete, d. h. die Ghettos zu neuem Leben erweckte. Allgemein menschliche Gründe sprechet! sonach gegen die Tendenz des Vereins, weil er in offenkundiger Weise der Naturalisirung der Juden entgegen-, und damit geradezu den Antisemiten in die Hände arbeitet, welche daraus mit dem Schein eines guten Rechtes die von ihnen stets betonte Erclusivität der jüdischen R affe Nachweisen könnten, ganz abgesehen davon, daß man damit den Bestrebungen hemmend gegenübertritt, welche auf eine enge Verbrüderung der Völker und Religionen hinarbeiten. Das wären allgemeine Gesichtspunkte. Aber weit verfehlter und gefährlicher erscheint uns noch die Bethätigung dieser Vereinsbestrebungen aus taktischen Gründen. Nicht nur gibt man damit den Antisemiten die taktisch so erfolgreiche Waffe in die Hand, welche die supponirte Solidarität unserer jüdischen Mitbürger schlechten und guten Charakters bildet, sondern die Vereinigung bewirkt durch ihre bloße Existenz eine Erschwerung jenes Kampf. S, dem sich vorurtheilsloje christliche Mitbürger in aufopferungsvoller Weise für die Gleichheit aller Staatsbürger unterziehen. Ja, man kann sogar behaupten, daß die rücksichtslose Agitation dieses Vereins d. St. jüd. Glaubens der einzig richtigen und wirkungS fähi g e n Vereinigung, welche sich in dem Verein zur Abwehr der Antisemiten zusammengefunden hat, nachgerade in den Rücken fällt. (Fortsetz, f.) ZeitungSttachrichterr und Correspondenzen. Rußland. Kowno, 6. März. Das war ein Leichenbegängniß, wie es nicht nur unsere Gouvernementsstadt, sondern wie es ganz Litthauen wohl kaum je gesehen hat. Galt es doch unserem theueren Rabbi Jizchak Elchanan d"prrn die letzte Ehre zu erweisen. Am Donnestag Abend konnten nach die Herren Hofrath Dr. Dernbo und Professor Dr. N i tj sk a n s ky Telegramme on die Zeitungen schicken, daß sich das Befinden des geliebten Patienten inerklich gebessert habe, ach, es war nur ein letztes Aufflackern der großen Leuchte Israels. Um 11 Uhr Abends begann die Agonie und um 4 Uhr des Morgens hauchte er seine reine Seele aus. Zum Begräbniß hatte sich eine nicht zu zählende Menge Leidtragender eingefunden, darunter auch zahlreiche nichtjüdische Notabilitäten, von denen nur genannt seien, der Stadthauptmann Dr. Grundmann uttd der Polizeipräsident Herr Hofrath Dr. Gerst an der Spitze aller seiner Beamten, 'welche in musterhafter Weise die Ordnung aufrecht erhielten. Die Bahre wurde von Jüngern der Jeschibah nach dem fünf Werst entfernten Friedhof getragen, und dort nahm der Sohn des Verblichenen, der Rabbiner von Wilna, R. Hirsch Rabbinowitz ' j, das Wort. Kein Auge blieb thränenleer, minutenlang vernahm man nur Schluchzen und Klagen, als der ehrwürdige Redner von seinem großen Vater Abschied nahm. Nachdem sodann der Rabbiner I. Blaser und mehrere andere Rabbiner und Dajanim gesprochen, widmete Herr Staatsrath Dr. Feinberg denl Entschlafenen in formvollendetein Hebräisch einen herrlichen 'Nachruf, welcher die Hörer um so mächtiger ergriff, da ihre Herzen dem allverehrten Redner, welcher während der Behandlung geradezu wunderbare Aufopferung bewiesen hatte, in aufrichtiger Dankbarkeit entgegenschlugen. Dann wurden die sterblichen Reste dem Schooße der Erde übergeben und thränenfeuchten Blickes verließen wir den Grabhügel, der die Krone unserer Gemeinde, den Stolz unserer Glaubensgemeinschaft birgt. Als Neunzehnjähriger übernahm Rabbi Jizchak Elchanan das Rabbinat in Sabelen, einem kleinen Städtchen im Gouvernement Minsk, folgte damr einem Rufe nach Bereshe, von hier nach Neshwish und hierauf nach Nowogrudock, wo er dreizehn Jahre amtirte. Bereits darnals klang sein Ruhm als tatmudische Autorität, als pflichteifriger Mann der That durch ganz Rußland, und die Leiter der altehrwürdigen Gemeinde Kowno wußten i. I. 1864 keinen Würdigeren zu finden für den erledigten Rabbinatssitz als R. Jizchak Elchanan. Die geehrten Leser des „Israelit" dürfte es bc-

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