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Der Israelit · 1896-03-16 · Heft 22 (16.3.1896) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 22 (16.3.1896)
Date
1896-03-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
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r^v' -'JT ä * | mm Jahrgang. Beilage )u M 22 des „Israelit“. Leitender Artikel. Nom verein deutscher KtautsdSrger iöd. Elaubeus. Im vergangenen Jahre las ich einen, von einem Nichtjuden geschriebenen Artikel, der sich mit den Veröffentlichungen des „Ver. d. St. jüd. Gl.", die unter dem Titel „Im deutschen Reich", damals zum ersten Male erschienen waren, in abfälliger Weise befasste. Der Artikel traf im 'Wesentlichen das süchtige und wendet sich nicht nur gegen die literarischen Leistungen des genannten Vereins, sondern auch gegen das Verfehlte seiner Taktik. Mit beiden mich zu befassen, wäre auch mir seitdem schon wiederholt reichlich Gelegenheit geboten gewesen. Ich würde mich indesi auch heute nicht mit dem V. d. St. jüd. Gl. und seiner Literatur befassen, wenn ich nicht die Wahrnehmung gemacht hätte, das; er fortgesetzt in aufdringlicher Form mit seiner Propaganda an die O eff ent lichte it tritt. Gleich der erste Artikel in der mir vorliegenden Rümmer 1 „Im deutschen Reich", Wissenschaftlicher Antisemitismus", ließe sich wegen der ivenig maßvollen Auslassungen und seiner Widersprüche kritisch besprechen. Rur Einiges sei hier eitirt: S. 3 heißt es: „Ich appellire an das Gerechtigkeitsgefühl eines jeden vorurtheilssreien Menschen und frage, wie es möglich ist, daß ein Mann (Paulsen) von so großer Klarheit im Denken und so vielseitigem Wissen es über sich gewinnen konnte, Schmähungen gegen ein ganzes Volk zu schleudern, ohne sich auch nur die geringste Mühe zu nehmen, sich von der Wahrheit seiner Angaben zu überzeugen," um weiter S. 5 zu sagen: „Ausführlich benennt nun Professor Paulsen im Laufe seiner Betrachtungen die schlechten Eigenschaften, die in den Augen Vieler den Tvpus des heutigen Inden ausmachen, und setzt dann großmüthig hinzu, daß es viele Juden gebe, die gar nicht so wären, daß manche gute Eigenschaften zur Eompensation, manche bittere Erfahrungen zur Entschuldigung dienen." Wenn der Verfasser des Aufsatzes, Herr (Gustav Levinstein, dann S. 17 bic Verhältnisse in Berlin heranzieht und protzenhaft auf des Inden Einfluß, auf die Hebung der Stadt, auf die „hervorragenden Leistungen auf jedem Gebiete" u. a. hinweist, so beweist dies einmal, daß Herrn L. doch das richtige Feingefühl fehlt, und daß bei ihm wenigstens Paulsen nicht ganz mit Unrecht von protzenhaftem Wesen sprechen könnte. Aber nicht nur das; es fehlt ihm auch jedes ernst zu nehmende Verständniß für das Wesen des Antisemitismus und seine Ursachen. Er sagt: „Einzelne Juden haben, begünstigt durch den beispiellosen Aufschwung des Handels und der Industrie und theilweise auch durch den Umstand, daß sie durch die Intoleranz vergangener Zeiten speziell auf das kommerzielle Gebiet gedrängt worden, einen verhältnißmäßig größeren Antheil des allgemein vermehrten Reichthums erworben, und hierin liegt wohl die wesentliche, wenn auch nicht die einzige Ursache des Antisemitismus." Nun weiß Jeder, der versucht hat, einen Einblick in das Wesen des Antisemitismus zu erlangen, daß diese Motive nicht stichhaltig sind. Wenn des Verfassers Blick nicht gar zu oberflächlich „in die Vergangenheit schweifte", würde er auch dort schon Antisemitismus gefunden haben, und wenn er die Ereignisse der Gegenwart verfolgt, könnte er aus diesen schließen, das; gewiß die nächsten Jahrzehnte noch kein vom Antisemitismus befreites Geschlecht finden werden, selbst wenn die verständigen Abwehrbestrebungen verhältnißmäßig große Erfolge erzielen. Aber dem Verfasser scheint der rhetorische Effeet seines Vortrags die Hauptsache gewesen zu sein. Wie hohl und unwahr ist die salbungsvolle Phrase S. 10: „Nicht verschmilzt es mit den Bewohnern der Erde; es vereint sich nicht mit ihren Söhnen und Töchtern. Seit den Tagen, da Josua die Stämme seines Volkes über den Jordan führte, stießt das Blut der Nachkommen Israels unvermischt von Geschlecht zu Geschlecht." So rein, lauter und unvermischt sich nun auch unsere beilige Religion von Urbeginn an bis heute erhalten hat; so hohl und unwahr ist die Lehre von der Unvermischtheit der Rasse, wie dies ja die größten Forscher der Neuzeit festgestellt haben, — ich brauche nur auf Lombroso, Virchow w., hinzuweisen — so hohl und unwahr, daß wir die Hohlheit und Unwahrheit nicht erst nachzuweiseu brauchen. Und mit solchen Argumenten gedenkt der Verfasser den Antisemitismus zu bekämpfen? Wenn er sich in seinem merkwürdigen Takt und seiner ebensolchen Taktik einig weiß mit dem Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, so nimmt das natürlich nicht Wunder, sondern drängt nur daraufhin, sich mit den verfehlten Grundauffassungen zu beschäftigen, mit welchen diese Vereinigung ihre Existenzberechtigung motivirt. Der Ver. d. St. jüd. Gl. glaubt bei der

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