Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 22 (16.3.1896)
- Date
- 1896-03-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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451 r =•«£ f4**4f'_*4 5 Jjjr'j^vsr;-V ^; Boden, der die Keime des Judenthums an seiner Entwickelung hindere. Inwiefern es mit den modernen Humanitätsbestrebungen im Widerspruch steht, wo dieser Widerspruch zu suchen ist, darüber läßt dieser geistlose „Geist der Kritik" uns vorläufig völlig im Unklaren. Vielleicht etwa darin, daß unser Toleranzbegriff ein anderer ist; daß wir nicht unter Toleranz verstehen, was wir in jeder Schrift der Reformhelden treffen, die Schmähung der Andersgesinnten, sondern daß wir das uns Ueberkommene als Heiligthum bewahren und nach außen und innen vertheidigen, wenn man es angreift? Auch sind wir es nicht, welche chinesische Proklamationen erlassen, sondern wollen uns nur die alte sinaitische Proklamation weder von Freunden noch non Feinden rauben lassen. Nicht trotz der Orthodoxie, wie das Nationaljudenthum behauptet, sondern durch dieselbe entstehen im Judenthum keine Sekten. Aus dem einfachen Grunde, weil sie die angefaulten und verdorrten Blätter als abgestorben und verdorben betrachtet und aus ihren gesunden, alten Wurzeln immer neue Lebenskraft saugt. Das orthodoxe Judenthum ist Religion, ohne dabei der alten Nationalität zu vergessen, soweit dies unbeschadet der jeweiligen Pflichten gegen das Vaterland, angeht. Es unterstützt, erhält vielleicht zum größten Theile, wenn nicht ausschließlich, die Colonien im heiligen Lande, weil es darin die schönste Verknüpfung des Idealen mit dem Realen sieht, wenn sie den ohnedies heimathslosen Glaubensbrüdern gerade dort Zufluchtsstätten anweist. Doch verfällt es dadurch nicht in den Fehler, die Frucht vor der Reise pflücken zu wollen. Es ist nicht der starre, tödtende, sondern der nährende, vor Frost und Sturm wehrende Boden, in dem die Saat der Ueberlieserung auf den messianischen Weltensrühling wartet. Doch auch die radikale Reform findet nicht Gnade vor den Augen des „Geistes der Kritik"; denn sie hat das Böse an sich, daß sie den Unglauben an der Nation eonstatirt, indem sie Zion und Jerusalem vergißt. Daß dies aber mit der Negirung der Ueberlieserung Hand in Hand gehen muß, erscheint dem Nationaljudenthum gar nicht als folgerichtig. Dennoch aber hofft es, daß sich die unbeugsame Orthodoxie dem lebendigen Strome der Zeit nicht entgegenstemmen wird; denn es glaubt an die Autorität des „historischen Sinnes." Erst die jüngste Nmnmer einer nationaljüdischen Monatsschrift enthält diesbezüglich einen Passus, der seiner Naivetät wegen erwähnt werden soll. Die „frommen Juden," so meint das Blatt, „sollten doch mit den Zionisten gehen. „Ja, worin unterscheiden sie sich denn von den Nationaljuden? Warum stehen sie uns vielfach denn so feindlich gegenüber? Das 'Nationaljudenthum verlangt doch in seinem Programm nicht Unglaube oder Abfall von den altehrwürdigen Lehren Mosis und der Propheten. Es ist recht bedauerlich, daß man das erst erwähnen muß. Aber unsere Gegner haben zuweilen die merkwürdige Ansicht, daß sich Religion und Nationalität im Judenthum nicht vertragen können, weil sie Nationaljudenthum und Zionismus vollständig gleichstellen. Daß der strenggläubige Jude häufig glaubt, er könne kein Zionist sein, ist bedauerlich, daß er aber auch kein Nationaljude sein will, ist wunderbar." Mehr als wunderbar und bedauerlich ist es, wenn das Blatt einige Zeilen tiefer, über den wahren Werth des 'Nationaljudenthums verräth, daß durch seine Verbreitung „mancher brave Jude" uns erhalten bleiben wird, der „sonst zum Apostaten würde." Kehren wir zum „historischen Sinn" zurück! Dieser gilt gewissermaßen als Steckenpferd, auf dem das Nationaljudenthum mit Vorliebe herumreitet. Ist es das Festhalten am Ueberlieferten, das Sichhineinleben in das Althergebrachte, oder ist es utopistisches Phantasieren, worin sich „historischer Sinn" zeigt? Ist es das, woran das „dürre Holz" glaubt, oder Schwärmereien einer irregeleiteten sickleicht begeisternden Jugend, was „historischen Sinn" verräth? Bisher sind alle Schwärmer und Phantasten nach längerer oder kürzerer Spielzeit von der Bühne der Weltgeschichte abgetreten, während das „dürre Holz" bis heute unter den Strahlen der alten Sonne lebt und immerfort neue Blüten treibt. Der „historische Sinn" des Nationaljudenthums sagt ihm, daß das Christenthum ein großer Schritt auf dem Wege zum Ziele der Menschheit, zur messiianischen Zeit, sei. Ist es nun nicht selbst die lebendige 'Negirung jeden „historischen Sinnes," wenn es, wie durch den „Judenstaat", nach diesem einen Schritte mit Akrobatentechnik und Siebenmeilenstiefel das Ziel erreicht haben will?! In seiner Stellung zur Religion überhaupt ist auch schon der letzte Punkt, den wir noch behandeln wollen, gegeben, nämlich die Stellung des Nationaljudenthums zunr Messiasglauben. Es leugnet die Messianität, neimt sie einen Anachronismus. Eine Mission des Judenthums gäbe es überhaupt nicht. „Darum", so sagt im vorigen Jahrzehnt ein Zionist, „müssen wir von der Wahnvorstellung ab lassen, daß wir mit unserer Zerstreuung eine providentielle Mission erfüllen, — eine Mission, an welche Keiner glaubt, ein Ehrenamt, das wir, aufrichtig gesprochen, gern ausgeben möchten, wenn nur damit zugleich der Schimpfname „Jude" aus der Welt geschafft werden könnte. Nicht das heilige Land soll jetzt das Ziel unserer Bestrebungen werden, sondern das eigene."