Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 22 (16.3.1896)
- Date
- 1896-03-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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4&0 den dortigen Verhältnissen einigermaßen vertraut ist, wird wissen, daß der Judenhaß in Rußland einen rein politischen Charakter hat. Wenn es auch dort einen Antisemitismus im westeuropäischen Sinne gibt, so ist es von hier dahin importirt. Zum Beweise dafür erinnere man sich doch der Petitionen der Bauern und Handwerker nach der großen Judenausweisung! Auf die Einzelheiten der Schrift einzugehen, ist weder nöthig noch interessant, weil eben in ihr keine neue Idee vertreten ist. Wer sollte den geordneten Ausmarsch der Juden, die zu diesem Behufe in drei Klassen getheilt werden sollen, anführen? Wer ist heute diese Autorität? Denn, daß größere Volksmassen ein straffes Zügelführen erfordern, ist klar. Doch mit Fragen darf man an einem Theorem nicht rütteln, welches die Hoffnung auf seine praktische Verwirklichung auf die Reichen setzt. Als ob die Reichen irgend einer Nation je etwas gemacht hätten! Als ob in nationalen Fragen — angenommen, aber nicht zugestanden, eine solche liegt hier vor — das Geld die Hauptrolle spielen könnte! — Nicht das so liebenswürdig anerkannte Interesse am Judenthum, sondern ein ganz anderes Motiv liegt dem letzten Produkte des Nationaljudenthums zu Grunde. Es ist psychologisch bedingt, einerseits durch die in Wien jetzt herrschenden Zustände, andererseits durch die Stellung des Verfassers zur Religion. Der religiöse Jude wird angesichts des von ihm von allen Seiten, sagen wir selbst gehässig, zugerufenen Wortes „Jude" an nichts anderes als die ihn unterscheidende Religion denken, er wird schon suchen in Frieden zu leben, soviel es dem bösen Nachbar gefällt, er wird soweit es ihm möglich ist, Gehässigkeiten ausweichen; er wird aber auch wieder reichlichen Lohn in seinem Glauben finden, der ihm nicht zum geringsten Theile Lebensmuth gibt. Bei dem Namenjuden hingegen liegt die Sache vollends anders. Er muß bei dem Rufe „Jude" sich erst besinnen, wem dies Wort eigentlich gilt. Seiner Religion? Gewiß nicht. Das ist nicht gut möglich; denn er hat keine. Er steht nun vor der Alternative das letzte, was ihm noch fehlt, den Taufzettel zu besorgen, um diesem Schimpfwort zu entfliehen — oder gute Geister lenken den Sinn dieses Herkules am Scheidewege, er wird Held, Märtyrer, er entdeckt seine Nation, er wird Nationaljude! — Nun ist es auch ganz erklärlich, daß in dem Judenftaat gar keine Religion Noth thut. Dieser Punkt wäre ja sehr dazu angethan auf unsere Lachmuskeln zu wirken, wenn die Sache nicht lewer so ernst wäre. Man denke sich deutsche, russische, ungarische, französische, amerikanische und türkische Juden und abstrahiere oder erkläre, als nebensächlich, das ihnen Gemeinsame, das einzige Band, das sie allesammt verknüpft, die Religion, so wird man ebensoviele völlig getrennte Nationen vorfinden, welche noch viel weniger einen Staat ausmachen können, als die Völker nach der Sprachverwirrung zu Babel. Die allgemeine Wahrheit, daß man an jeder Erscheinung etwas lernen könne, gilt auch von literarischen Erscheinungen und Erzeugnissen. Diesen Vortheil wollen wir uns gelegentlich dieser Schrift nicht entgehen lassetk, und durch einen kurzen Blick auf das Nationaljudenthum und sein Verhältniß zur Religion wollen wir es uns klar machen, wie wir nicht denken sollen. Das Nationaljudenthum, wie es in seinen Vertretern uns praktisch entgegentritt, ist schwer mißzuverstehen. Es besteht zum größten Theile aus jungen Leuten, die für Zion und Jerusalem Vereinsabende abhalten, sich womöglich mit und an dem feurigen Safte von Zions Reben begeistern und aus Studentenverbindungen mit Schlagzwang, wie namentlich in Wien, welche ebenso viele Mitglieder als Märtyrer zählen. Jeder Renommirschmiß gilt als Ehrenzeichen dafür, daß sein Besitzer sein Blut auf dem Altäre des Judenthums verspritzt hat. Von einem religiösen Leben dieser Märtyrer kann selbstverständlich keine Rede sein, weil sic auf diesem Gebiete meistens beispiellos unwissend sind. Das theoretische 'Nationaljudenthum hingegen, wie wir es aus seiner Literatur kennen, umspannt sich mit einen: Netze der Idealität, hängt sich ein Prophetenmäntelchen um und baut sein Luftschloß mit Bausteinen, welche den „Geist der Kritik" gegen den „erstarrenden Formalismus" des überlieferten Judenthums bilden. Dieser „Geist der Kritik", auf dessen Hinfälligkeit wir Hinweisen wollen, läßt uns die Bemerkung machen, daß das Nationaljudenthum sich von der anderen größeren Utopie unserer Tage, der Sozialdemokratie, nur dadurch unterscheidet, daß es noch keinen Lassalle hervorgebracht hat. Völlig berühren sich aber beide, Sozialdemokratie und Nationaljudenthum darin, daß sie sich als Schaumgeborene aus den Wellen der Revolution betrachten. So hofft ein Autor aus der Mitte unseres Jahrhunderts, daß die französische Revolution, die so vielen Völkern ihre Rechte gegeben habe, wohl nicht anders könne, als den Juden schleunigst zu ihrem Stammlande zu verhelfen. Doch zurück zun: „Geiste der Kritik". Daß sich dieser zunächst gegen das angestammte Judenthum wendet, braucht nicht erst besonders betont zu werden. „Das orthodoxe Judenthum," so offenbart er, „steht im Widerspruch mit den modernen Humanitätsbestrebungen, es ist ein Appell an die öffentliche Meinung gleich einer chinesischen Proklamation und einer päpstlichen Jeremiade." Es sei ferner der frostig starre