Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 22 (16.3.1896)
- Date
- 1896-03-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXVII. Jahrgang. > / M SS. Der Israelit. Ein Genlrat-Hrgan für das orlhodore Iudenthum. Begründet M« Dr. Lehman« in Mainz. Montag, den 16. März 5656 (1896). Leitender Artikeln Nationaljudenthmn. Der soziale Zug, oer ohne Zweifel in unserer Zeit vorherrscht und bewußt oder unbewußt unser Leben durchzieht, tritt selbst in Erscheinungen hervor, die fast in jedem Zeitalter periodisch zum Vorschein kommen. Meistens sind es die irrigen Auffassungen der höchsten Gedanken, welche zu solcher Periodizität verurtheilt sind, weil letztere eben von der großen Masse nicht auf einmal richtig erfaßt werden können, sondern erst eine längere oder kürzere Entwicklung durchmachen müssen. Ideen aber, welche eine göttliche oder welthistorische Wahrheit enthalten, müssen nicht zu ihrer Reife, sondern zur Reife ihrer Empfänger diese Periodizität häufig mitmachen. Der Gedanke, den wir hier im Auge haben, ist die Messiasidee. Jedes Zeitalter fast hatte seine Pseudo Messianen. die entsprechend der Gunst oder Ungunst der Verhältniffe mehr oder weniger Anhänger gewannen und es zu einer größeren oder kleineren Bedeutung in der Geschichte gebracht haben. Die Sabbatianer, die Frankisten sahen ihre Götter vor sich herziehen, umgaben sie mit einem königlichen Hofstaate und sahen es auch schließlich für notwendig ein, daß ihre Helden zu Apostaten wurden. Anders ist es aber heute. Ein Hofstaat eines solchen Messias, ja ein Messias selbst, eine Autorität überhaupt, widerspricht dem sozialen Zuge der Zeit und an Stelle des monarchischen i't das demokratische Pseudo-Messiasthum getreten. Einzelbetcüger sind heute unmöglich und diese Welt, von der es heißt vult decipi, muß nun Betrogene und Betrüger zugleich spielen. Diese moderne Miniaturausgabe des mittelalterlichen Messiasthums ist das Nationaljudenthum oaer der Zionismus. Von Neuem hat eine Broschüre, betitelt der „Judenstaat",*) welche kürzlich in Wien erschienen ist, unsere Aufmerksamkeit auf diese innere Bewegung geienit. *) Der Judenstaat, Versuch einer modernen Lösung der Judensrage von Theodor Herzl, Leipzig u> Wien, M. Breitenstein. Der Verfasser, Dr. Theodor Herzl, ist nur Namenjude und gewissermaßen typisch für die Erfolge des Reformjudenthums. Mehrere jüdischen Blätter, welche zwar auch seine uthopistischen Ausführungen für entschieden hinfällig erklären, sind doch darüber des Jubels und persönlichen Lobes voll, daß er sich überhaupt einer jüdischen Anaelegenheit angenommen hat. Ich mußte hierbei unwillkürlich an jenen Mann im Volkssprichwort denken, der beim Brande seines Hauses ausruft: Eine Nekoinoh an: Ungeziefer, mein Haus brennt! — Angesichts der hochwichtigen Thatsache, daß ein geborener Jude einmal in seinem Leben über Angelegenheiten seines Stammes nachzudenken geruht, überseben sie die Gefährlichkeit und Schädlichkeit seiner Utopien und begnügen sich salonmäßig in zierlichen Worten dankend abzulehnen, anstatt daß sie es nachdrücklich betonen, daß ein Namenjude durchaus nicht im Namen des Judenthums sprechen könne, und so wenigstens dafür sorgen, daß nach außen hin der Gefährlichkeit der Stachel benommen wird. — Wie der Verfasser genannter Broschüre eingesteht, ist er mit der einschlägigen Literatur nicht vertraut, denn sonst hätte er es gewiß für überflüssig gehalten, den Büchermarkt mit diesem Werke zu bereichern. Es enthält nämlich bis auf gewisse Aeußerungen, für welche ihm dankbar zu sein unsere Gegner wohl mehr Gruno haben als wir, absolut nichts Neues. Eine dieser Aeußerungen rnöge hier gleich als Erempel angeführt und gewürdigt werden. So behauptet der Verfasser, daß der Antisemitismus nur überall da sei, wo Juden in merklicher Anzahl beisammen wohnen. Ein Blick auf Deutschland allein zeigt schon die Haltlosigkeit dieser Aeußerung, welche als aus der Feoer eines Juden koinmend, den Antisemiten nur Wasser auf ihre Mühle liefern kann. Denn abgesehen von der Masse des großstädtischen Pöbels, ist der Judenhaß gerade in dem Lande am größten, wo nur sehr wenige und vereinzelte Juden wohnen, nämlich in Sachsen. Doch hatte der Verfasser gewiß Rußland hier im Auge. Allein jeder, der mit