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Der Israelit · 1896-03-12 · Heft 21 (12.3.1896) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 21 (12.3.1896)
Date
1896-03-12
Page
– (sequence 18)
Language
German
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442 Calamität zu einem schreienden Nothstand führen, daß die Nothwendigkeit ihm zu steuern nicht von der Hand zu weisen ist; die mit den Verhältnissen Vertrauten, werden anerkennen, daß die Schilderung nicht zu schwarz ist; Vorschläge zur Abhilfe thuu dringend noth; in einem nächsten Artikel will ich einen solchen zur Erörterung stellen. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Oe ft er r. - Ungar. Monarchie. Wien. Dr. Bloch schreibt in seiner „Oesterr. Wochenschrift" über den Ausfall der Gemeinveralhswahlen folgendes: Die Erwartungen, welche optimistische Gemüther an die Neuwahlen für den Wiener Gemeinderath geknüpft haben, sind nicht in Erfüllung gegangen. Im dritten Wahlkörper ist die Gesammtzahl der antisemitischen Stimmen seit dem September 1895 wesentlich gestiegen, im zweiten und im ersten Wahlkörper ist das Kräfteverhältniß unverändert geblieben. Die optimistischen Gemüther, von denen wir sprechen und au denen wir keinen Augenblick gehörten, erhofften eine entscheidende Wendung vom zweiten Wahlkörper, in welchem die Staatsbeamten und Lehrer den Ausschlag geben. Sie r echneten mit den ruhmvollen Traditionen der österreichischen Bureaukratie, welche in allen Parteikämpfen die unerschütterliche Hüterin des Staatsgedankens und der dynastischen Treue war und welche sich aus den Ereignissen der letzten Zeit über die Willensmeinung der Krone und über die Ansichten der Regierung für das Staatswohl klar sein mußte. Die Entscheidung des zweiten Wahlkörpers aber hat gezeigt, wie tief bereits die Demoralisation greift, welche die antifemitrsche Agitation unter den in Wien ansässigen Staatsbeamten und den vom Staate besoldeten Lehrern bewirkt hat. Nicht mehr die guten alten Traditionen, nicht mehr der in allen Stürmen erprobte und bewährte alt-österreichische Geist, sondern ein wirklicher Egoismus, der damit rechnet, was für die eigene Tasche schon herausgeschlagen wurde und was für dieselbe bei fortgesetztein Widerstande gegen die oberste Gewalt noch herauszuschlagen wäre, kam da zum Durchbruche. Wir wundern uns darüber nicht! Wer konnte auch glauben, daß jene halb überspitzte, halb frivole Politik früherer Regierungen, welche die bürgerliche Gesellschaft in ihre Atome zersetzte, die grenzenloseste Selbstsucht der einzelnen Classen und Stände wachrief und den Krieg Aller gegen Alle entfesselte, nicht auch ihren verderblichen Einfluß auf die Beamtenschaft geübt hätte! Wer wollte glauben, daß jenes Beispiel von Schwäche und leichtfertiger Auffassung der höchsten Aufgaben des Staates, welches jahrzehntelang geboten wurde, daß der offene Widerspruch zwischen den: Geiste, ja selbst dem Wortlaute der Gesetze und dem Geiste der Verwaltung die letztere nicht bis in die untersten Ausläufer hinab corrnmpirt hätte! Hrlnderttausenden von Staatsbürgern wurden de facto ihre staatsbürgerlichen Rechte vorenthalten, und zum Werkzeug hiezu mußte die Beamtenschaft dienen. Die paradoxe Wirkung dieses Zustandes ist nun die Thatsache, daß die Beamten ihre staatsbürgerlichen Rechte mit souveräner Rücksichtslosigkeit gegen den Willen der verantwortlichen Staatsgewalt austtben, daß die Begriffe von Recht und Pflicht in die heilloseste Verwirrung gerathen sind und daß vor Allem die Autorität der Regierung zunichte gemacht wurde. Der Antisemitismus bat in unserem politischen Leben die Rolle des Erpressers gespielt, er hat an Stelle von Recht und Gesetz die brutale Gewalt gesetzt. In der Natur des Erpressers aber liegt es, seine Forderungen umso höher zu spannen, je nachgiebiger man sich gegen ihn zeigt. Und die Schwäche früherer Negierungen hat denn auch thatsächlich die Begehrlichkeit aller Classen und Stände in's Unermeßliche gesteigert, es ist nur noch von den Pflichten des Staates gegen seine Bürger, aber nicht mehr von den Pflichten der Bürger gegen den Staat die Rede. Es ist, scheint uns, die höchste Zeit, daß diesem traurigen Zustände ein Ende gemacht werde und daß eine starke Hand den Respeet von dem Staatswillen und den Staatsbedürfnissen wiederher stelle.- Unsere Glaubensgenossen aber werden vielleicht gut daran thun, dem Verlaufe dieses Regeneratiousproceffes fortab als passive Zuschauer zu folgen. Ihre Hingebung, ihre Liebe zu Kaiser und Reich haben sie nicht erst zu erweisen, in allen Stürnieu und Drangsalen haben sie sich als musterhafte Patrioten bewährt, trotz aller Ungesetzlichkeiten, unter denen sie zu leiden hatten, waren sie selbst die treuesten Befolger der Gesetze. Es war nicht ihre Schuld, wenn das Volksgewifsen vergiftet wurde, und es ist daher nicht ihre Sache, sich als Heilkünstler aufzudrängen. Man mißverstehe das nicht! Wir wollen unsere Pflichten gegen den Staat nach wie vor mit allem Opfermuth erfüllen. Aber wir erachten es für ein Gebot der Klugheit und des Patriotismus zugleich, uns für geraume Zeit nicht mehr in den Kampf der Parteien zu mischen. Es soll endlich Klarheit werden über Maß und Wirkung des sogenannten jüdichen Einflusses aus das öffentliche Leben. Entweder sind wir, wie unsere Gegner behaupten, wirklich Schuld an der Zersetzung der Gesellschaft, dann wollen wir derselben durch unseren freiwilligen Rückzug Gelegenheit geben, sich wieder zu regeneriren; oder wir tragen daran keine Schuld, dann muß diese Thatsache durch unsere Abstinenz zur allgemeinen Erkenntniß

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