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Der Israelit · 1896-03-12 · Heft 21 (12.3.1896) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 21 (12.3.1896)
Date
1896-03-12
Page
– (sequence 19)
Language
German
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443 gelangen. Die eben vollzogenen Gemeinderathswahlen richten sich nicht mehr gegen die Juden, und es gibt nun auch ganz andere Dinge zu schützen als die Ehre und das Recht unserer Glaubensgenossen. Wir werden die Klärung der wirklichen Gegensätze erleichtern, wenn wir für einige Zeit in die Abstinenz treten. Aber diese Abstinenz muß eine vollständige, sie muß gesellschaftlich und politisch mit unbeugsamer Eonsequenz durchgesührt werden. Der Rückzug unsererseits soll nicht ein Verzicht auf unser verbrieftes Recht, sondern ein Abwarten des Zeitpunktes sein, wo die durch die antisemitischen Schlagworte künstlich verschobenen und verwirrten Strömungen unseres öffentlichen Lebens wieder in ihr normales Bett zurückgeleitet sein werden. Der Judenhaß darf dem Staatsbeaurten nicht länger zu Vorwände dienen, seine Pflicht gegen den Staat zu verleugnen und sich gegen die obersten Machtfactoren aufzulehnen. Der Judenhaß darf den einzelnen Classen und Ständen nicht zum Vorwände dienen, in dem Staat nichts als die „melkende Kuh" zu sehen. Den Erpressungen des Antisemitismus muß endlich ein Ziel gesetzt werden, und durch unsere Abstinenz wollen wir ihm das Erpresserwerkzeug aus den Händen reißen, denn heute ist es jeden: Einsichtigen klar, daß die sogenannte Judenfrage nichts als ein ungeladener, aber virtuos gehandhabter Revolver ist, den man den Mächtigen und Besitzenden an die Brust setzt mit dem Rufe: ..La bourse ou la viel" — Wir glauben, in dem gegenwärtigen kritischen Momente unserem Vaterland keinen besseren Dienst erweisen zu können, als indem wir durch diesen unsere:: freiwilligen Rückzug die wirklichen Zielpunkte unserer öffentlichen Kämpfe frei stellen. Rußland. Petersburg. Am 8./20. Februar b. I. fand eine feierliche Sitzung der hiesigen Universität statt, in welcher unter Anderem der Jahresbericht genannter Anstalt verlesen wurde. Aus diesem Berichte ist zu ersehen, daß von einer Gesammtzahl von 3057 Studirenden im Jahre 1895 die Zahl der Juden auf 92 (also 3.01 Percent) sich belief und daß Manchem der letzteren auch Belohnu'gen für ausgezeichnete Dissertationen zu Theil wurden. Herr Moses Sagaloff nämlich hat eine silberne Medaille für seine Arbeit auf dem Gebiete der Physiologie, Herr Boris Günzburg eine goldene Medaille für eine histologische Erörterung, Herr Georg Klein eine silberne Medaille für einen Beitrag zur Geschichte des römischen Rechts, endlich Herr M. Friedland einen Ehrenbrief für eine llntersuchung aus dein Finanzrecht erhalten. Dieser Tage sollen hier zwei Jubiläen gefeiert werden, nämlich das 35jährige der wiffenschaftlichen Thätigkeit des bekannten hiesigen Orientalisten und jüdischen Geschichtschreibers (Bibliothekar der kaiserlichen öffentlichen Bibliothek) Dr. Abraham Harkawy und das 25jährige der ärztlichen Praxis des Dr. I. A. Dembo, des nicht minder bekannten Verfechters der Schechita. Unser Glaubensgenosse, der wirkliche Staatsrath Jakob Salomonowitsch Poliakoff wurde von der Kaiserin Alexandra zum Mitglied des Vorstandes der hiesigen Arbeitshäuser ernannt und außerdem mit dem hohen Orden der heiligen Anna ersten Ranges bedacht. Wereinsnachrichten. Berlin. Der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" hat sich in seiner letzten Generalversammlung neu konstituirt. An Stelle des verstorbenen Geh.-Rath Gneist ist Abgeordneter Nickert zum ersten Vorsitzenden gewählt worden. Zweiter Vorsitzender ist Archivar Dr. Winter aus Magdeburg, Schatzmeister der frühere Abgeordnete L. Jordan und dessen Stellvertreter Dr. L. Jacobowski. Die Abonnentenzahl der „Mittheilungen" hat erheblich zugenommen. Das Büreau des Vereins hat nach allen Richtungen hin mit Rath und That den Kämpfern gegen den Antisemitismus zur Seite gestanden, insbesondere bei Wahlen, bei wichtigen Debatten in der Volksvertretung u. s. w. Die Zahl der Mitglieder hat im abgelaufenen Jahre um 217 zugenommen, um 145 durch Tod, Wegzug u. s. w. abgenommen. Die bisherige Thätigkeit des Vereins hat den Weg gezeigt, auf welchem derselbe auch weiter vorzehen wird. Wir wünschen hierzu dem gedeihlich wirkenden Vereine die besten Erfolge. Vermischtes. A B. New-?)ork« Letzte Woche erhielten die Beamten und Verwalter des Mount-Sinai-Hospitals ihre jährliche Meeting ab. Als Präsident wurde Herr Hymann Blum gewählt. Die Einnahnren dieses Instituts betrugen Dollar 150,580, denen Dollar 137,663 Ausgaben gegenüberftanden. Jerusalem. Nach den letzten Nachrichten stößt die Uebertragung des neuerbauten Hauses der Eveline Rothschildschule auf die Namen von Leopold v. Rothschild und Ellis A. Franklin doch aus unerwartete Schwierigkeiten, die nur in Konstantinopel geordnet werden können. Der englische Konsul hat daher die Angelegenheit an den Gesandten in der Hauptstadt Sir Philipp Currie übergeben, wo sie hoffentlich bald zur Erledigung gebracht wird. Rio de Janeiro. Bei der soeben hier geschlossenen Kunstausstellung erhielt die Malerin Worms aus Paris, geborene Abraham die große goldene Medaille für ihre Leistungen. Zugleich hat die brasilianische Regierung zwei Gemälde der Künstlerin für ein Staats-Museum angekauft. Briefkasten der Redaktion. In den „Vorschriften für Peßach" (Cap. II $ 3) in der zweiten Beilage Nr. 17. des Jsr. sind die Schlußworte durch ein Versehen ausgefallen. Wir lassen zur besseren Uebersicht den ganzen Paragraph hier folgen, dessen gesperrt gedruckter Theil die ausgefallenen Worte enthalten: 3. Man soll 30 Tage vor Peßach nicht mehr tapezieren lassen, wenn der hierbei zu verwendende Kleister chomezhaltig ist und substanzielle Theile desselben von außen sichtbar sind.

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