Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 21 (12.3.1896)
- Date
- 1896-03-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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480 und Bonifaz Platze auf e'ne Studienreise nach Egypten begeben hatten, sind nach siebcnwöchentlicher Abmesenbeit heimgekehrt. Professor Dr. Ignaz Goldziher hatte während des Aufenthaltes in der egyplischen Ortschaft Girgei ein amüsantes Erlebniß. Der ausgezeichnete Orientalist begab sich nämlich in Begleitung einiger Professoren in die dortige Schule (Medreß), wo eben eine Stelle des Korans erläutert wurde. Eine zeitlang hörte Dr. Goldziher ruhig zu, dann aber begann er den Schülern die betreffende Stelle im schönsten Arabisch zu erklären. Der alte Lehrer war ganz starr vor Staunen und ließ sofort die Gemeinde-Aeltesten herbeirufen, über deren Bitte Professor Goldziher einen inrprovisirten Vortrag über den Koran hielt. Dieser entzückte die Zuhörer derart, daß sie Tr. Goldziher sofort den Antrag stellten, die L-telle eines Lehrers in ihrer Gemeinde zu übernehnen. Professor Goldziher fühlte sich sehr geschmeichelt von dem Anträge, bemerkte jedoch, daß er die angebotene Stelle schon deshalb nicht annehmcn könne, weil er Israelit sei. Die Aeltesten ließen sich jedoch nicht abschrecken und boten Dr. Goldziher nach kurzer Berathung trotz seines abweichenden Glaubensbekenntnisses die Stelle nochmals an, da sie ihn. den Allah so sehr begnadet, allein für würdig halten, ihre Kinder zu unterrichten. Zu ihrem großen Leidwesen lehnte Dr. Goldziher entschieden und endgiltig ab. Graz. Herr Feichtinger, oder wie er auch genannt wird, der „Grazer Lueger", dürfte bald seine Rolle ausgespielt haben. L>o hirnverbrannt sind die Grazer Gewcrbsleute nicht, um nicht zu begreifen, welcher Schaden dem Gewerbe aus der wüsten Agitation des Antisemitismus erwächst. So hat denn eine Versammlung der Grazer Gaftwirthe entschieden Stellung genommen, sowohl gegen Herrn Feichtinger, als gegen die antisemitische Presse, welche die Hetze als Metier betreibt. In Graz wird man anfangcn, die antisemitischen Hetzer aus den Lokalen hinauszuwerfen und dadurch der antisemitischen Pest die giftigen Bazillen zu entziehen. Vielleicht macht auf die W ener der Hinweis des Grazers Wirkung, der darlegte, daß in Wien Hunderte von Gastwirthen infolge der nationalen und konfessionellen Wirren zu Grunde gehen und daß dies in Graz vermieden werden müsse. Abanj-Jzanto, 29. Febr. Zum Rabbiner der hiesigen Gemeinde wurde als Nachfolger des Herrn Tr. Lüpsckütz, der die Leitung der orthodoxen „Turchführnngskommission. übernommen hat, der bisherige Nagy-Szöllüser Rabbiner Martin Schweizer gewählt. London. Nach dem Jahresbericht der spanisch-portugiesischen Gemeinde betrugen im letzten Jahre die Eim nahmen circa 99,000 Mk., die Ausgaben circa 104,000 Mk. während das Vermögen sich auf rund 300,000 Mk. belief. Diese Zahlen beziehen sich nur auf eine einzige der zahlreichen Londoner jüd'schen Gemeinden. — Die Angio Jewish-Association hielt am i. März ihre Monatsversammlung ab, in der Herr Lousade mittheilte, daß Baron Hirsch die 3600 Aktien seiner Argentinischen Kolonisationsgesellschaft im Betrage von circa 90 Millionen Francs, die zu» Zeit im Besitze der Alliance wraelikv universelle sich befinden, der Ang-lo Jewish-Association übergeben wolle, da die Alliance nach französischem Gesetz dieselben nicht zu R cht besitzen könne. Die Association nahm dieses Anerbieten an und wählte zu Schatzmeistern: Mr. Elaude Montesiore, Ellis A. Franklin und Leopold Sch.oß. New»Orleans. Die große Ausstellung zum Besten des Touro-Kra-ckenhauses hat nicht weniger als 200,000 M. Ertrag gegeben. Jerusalem In der Hauptstraße des jüdischen Viertels lst ein türkisches Postamt errichtet worden, an dessen Spitze unser Glaubensgenosse Elias Honig steht. Die in diesem Postamt, welches am Sabbat geschlossen ist, ausgegebenen Briefsendungen tragen den hebräischen Stempel Jerusalem. Indien. Es mag von Interesse sein, daß der erste Rathgeber des Nabob Sir Sidi Ahmed Khan, des Herrschers von Jangira ein Jude ist, ein Mr. Shaloam Bapuji von den Beni-Jsrael. Dieser Staat genießt den Ruß einer der bestregierten in Indien zu sein. West-Australien. Die Regierung hat der jüdischen Gemeinde von Coolgardie ein Stück Land zrnn Bau einer Synagoge geschenkt, die voraussichtlich schon zu den Herbstfeiertagcn eröffnet werden wird. Ein Mitglied dieser Gemeinde, Mr. L. Lewison, ist bei den letzten Wahlen Stadtverordneter geworden und gilt als Eandidat sür den Bürgermeister-Posten. Er ist der erste Jude i» Westaustralien, dem ein Ehrenamt übertrageil wurde. Feuilleton. Per Letzte feines Stammes Gr)iihlurrg von Alphon fr de ln Haye. 20) (Alle Rechte Vorbehalten.) 25. Capitel. Eine schlaflose Nacht. Wie ein Betrunkener wankte Elchonon seiner Wohnung zu. Die Thurmuhr verkündete die zwölfte Stunde der Nacht, als er ermüdet und abgespannt von den aufregenden Stunden, die er in einer Atmosphäre verlebte, welche dazu angethan zu sein schien, alle Grundfesten seines bisherigen Lebens und Strebens zu erschüttern, in seine bescheidene Wohnung angelangt war. Aufstöhnend ließ er sich auf einen Stuhl nieder; das in den letzten Stunden Erlebte zog in lebhafter Farbenfrische vor seinem Geiste vorüber. Welche Umwandlung drohte seinem bisherigen Leben, das wie ein' ruhiger Bach dahinfloß? Hatte ihm sein bisheriges Leben k.ine Kämpfe und Entbehrungen erspart; war es reich an Mühseligkeiten und Sorgen, so war doch die Ruhe, der Frieden und Harmonie seiner Seele nicht gestört worden. Und jetzt? Wenige Stunden haben genügt, sein Dasein aus dem Rahmen des Gewöhnlichen in den des Außergewöhnlichen treten zu lassen. Scheinen sich nicht alle Vorgänge dahin zuspitzen zu wollen, daß er aus einem Räthsel in das andere gerathe? Er soll der letzte Sproß der gräflichen Familie de la Pelouse sein? Wie thöricht! — Wie käme ein Jude in Berührung mit einer streng christlichen Familie, die ihren Stolz darin sucht, daß ihre Väter den Kreuzzug mitgemacht hatten? Doch, welches Interesse verfolgen die hochadeligen Damen? Wollen sie durch falsche Vorspiegelungen, den bescheidenen, an einfache Verhältnisse gewöhnten Sinn eines armen Juden verwirren. bethören? Aber zu welchem Zwecke? Haben die Damen überhaupt den Eindruck aus ihn gemacht, als wollten sie ein falsches Spiel mit ihm treiben?