Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 21 (12.3.1896)
- Date
- 1896-03-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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431 Nein, nein! Mit Nichten. Die junge Dame wenigstens scheint solchen Absichten fern zu stehen. Von welcher blendender, berückender Schönheit ist die Baronesse! Wie liebevoll sie mit ihm sprach! Doch, was haben sie mit ihm vor? Sollten sie gar im Dienste der Mission stehen und versuchen unter falschem Vorwände Netze nach ihm auszuwerfen? — Lächerlich! — Damen von vornehmer Abkunft und guter Erziehung können keine Gemeinschaft mit jenen Seelenfängern haben, die mehr aus Sorgfalt für ihre Taschen, als aus Ueberzeugung dies Gewerbe betreiben. Für alle Fälle ist es ein Glück für ihn, daß er das liebliche Bild jener Recha tief im Herzen trägt; wer weiß, ob nicht sonst die Baronesse über ihn Gewalt erringen könnte, — .... eine solche berückende Schönheit könnte Jedem gefährlich werden. Freilich ist Recha, die Tochter des Rabbiners Dr. Marpua, nicht von solch strahlender Schönheit .... aber was bedeutet die Schönheit der Baronesse gegen die Lieblichkeit und Harmonie ihres Gesammtwesens, gegen die Reinheit und Lauterkeit ihrer Seele? Und liebt er seine Recha nicht innig? War diese Liebe nicht der Sporn zu feinem Streben? War diese N'cht jene Quelle des Glückes, die ihn die heißen Kämpfe und bittere Noth seines kümmerlichen Lebens vergessen ließen? War es nicht die Liebe zu seiner Recha, die seiner Seele jenen Schwung und jene Spannkraft verlieh? Und diesen fluthenden Strom reiner göttlichen Liebe soll das Bild eines anderen Weibes aus seiner Seele reißen können? Nein! niemals! — Doch welche Ziele mögen die adeligen Damen sonst mit ihm verfolgen? Aber hat er nicht die Schriftstücke, die nach der Angabe der Gräfin die Beweise ihrer Behauptung liefern? Wohlan denn, diese Beweise will er zuerst prüfen. Er zündete die Lampe an, löste das Banv, welches die Akten zusammenhielt. Was werden diese ihm bringen? Er fing zu lesen an und je länger er las, desto mehr schien der Inhalt ihn zu fesseln, sein Interesse zu erregen. Der Morgen begann schon in Osten zu dämnrern und er wachte noch immer über seinen Akten. Seine Stirn, seine Augen brannten, seine Hände bebten vor Frost. Die Lampe knisterte und flackerte; vom verkohlten Docht stiegen Funken im angerauchten Cplinder empor. Endlich mar er mit der Lektüre zu Ende. Elchonon löschte das sterbende Licht und suchte sein Lager auf. Wie wohlthätig wäre für seine aufgeregten Nerven für den Ausruhr seiner Seele ein wenig Schlaf gewesen?! Aber der Schlaf ist ein eigenwilliges Ding, den man durch heiße Sehnsucht nach ihm erst recht verscheucht. Elchonon schloß die müden, schmerzenden Augen und bemühte sich regungslos zu liegen; allein ein Sturm raste in seinem Kopf und siedend heiß rollte sein Blut durch die Adern. Eine fürchterliche Beklernmung lag wie ein Alp auf seiner Brust; aber zualeich waren es Gefühle von edlem Stolze, die zu einer mächtigen Bewegung in seiner Seele anschmollen. Es ist unzweifelhaft, er ist der Urenkel des Grafen Edmond de la Pelouse. Und wie stolz ist er auf diesen Urahnen, der aus Liebe und Ueberzeugung 5um Judenthuine übergetreten ist und auf Ehren, Reichthum, glanzvollen Namen verzichtet hatte. Gleicht er nicht dem Urahn des gesummten jüdischen Volkes? Hat er nicht ebenfalls aus eigener Kraft, aus eignem Nachdenken uitb Forschen sich zum Lichte der Wahrheit emporgerungen? Und seine Mutter? Mit welcher Bewunderung mußte er zu ihrem verklärten Bilde emporschauen! Welche blutigen Kämpfe hatte dieses Mutterherz zu bestehen, welcher unsägliche Schmerz nlußte ihr Herz zerwühlt haben, bis sie den Entschluß gefaßt hatte, Reichthum und Ehre für ihr einziges Kind zu entsagen, es einer ungewissen Zukunft preiszugebeu, um ihm das geistige Erbe der Eltern zu erhalten. Jetzt war ihm das Räthsel seiner Geburt vollständig gelöst. Jetzt begriff er seine treue Susanna und die edle Handlungsweise seiner Mutter. Man wollte das zarte Kind nicht in einer Umgebung zurücklassen, die keine Mittel unbenutzt gelassen hätte, jenes Licht, das in der Seele des Grafen Edmond aufging, zu löschen, um der Familie den Letzten seines Stammes zu erhalten. Jene dem Untergange geweihten Gesellschaft, die durch Vorurtheile und Beengung des freien Denkens zerwühlt und zersetzt war, wollte die Mutter ihr unerfahrenes, zum Denken unreifes Kind entreißen. Nur in der Ferne war er von den drohenden Gefahren und Nachstellungen der überspannten Gräfin, die die Marotte von dem Letzten ihres Stammes nicht ruhen und rasten läßt — wie er heute an sich selber erfahren — geschützt und geborgen. Seine treue Susanna betrachtet wohl ihn noch jetzt wie ein kleines Kind; denn sonst würde sie ihm schon längst von seiner Abstammung erzählt haben und keine Befürchtung für seine religiöse Ueberzeugung hegen, Nein, wenn man solche Vorbilder hat, wie seinen Urahn und seine Mutter, ist man gefeit gegen jede Verführung, mag diese in noch so verlockender Gestalt auftreten. Ist es seinem Urahn, Grafen Edmond, nicht schwergefallen auf Reichthum und Glanz, in welchem er aufgewachsen war, dem Judenthume zu Liebe zu verzichten, so wird es ihm, der sie niemals gekannt hat, keine Mühe verursachen, diese nicht zu verlangen. Und ist er denn überhaupt noch zu der Familie de la Pelouse zu zählen? Rach dem jüdischen Gesetze wird die Abstammung des Kindes von der Mutter hergeleitet, dann rollt in seinen Adern echtes, unverfälschtes, jüdisches Blm, denn von mütterlicher Seite stamme