Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 21 (12.3.1896)
- Date
- 1896-03-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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428 m der Stadtverordnetenversammlung hat in ähnlichem Sinne der Versammlung die Absenduug eines Protestes gegen den Erlast vorgeschlagen. Berlin, 10. März. Ihr blinder Eifer hat der „Staatsbürgerzeitung" wieder einmal einen bösen Streich gespielt. „In Kiel — so schrieb sie in ihrer Nummer 99 — hat ein Jude die Frechheit gehabt, eines der Kreuzesworte des Stifters der christlichen Religion für seine Reklamezwecke zu mistbranchen. „Ein gewisser Jacobsen", so wird ii»S von dort geschrieben, „der hier (in Kiel) einen Laden in der Hauptstraße besitzt, wo er alle möglichen Gegenstände: Porzellanwaaren, Stiefel, Cigarren, Bücher .'e. feilhält, hatte letzthin seine Geschäftsräume renoviren lassen und machte alsdann in einer hier erscheinenden freisinnigen Zeitung mit der Fertigstellung dieser Arbeiten das Publikum bekannt. - Hiergegen wäre nun nichts zu erin: ent, wenn nicht Jacobsen die Anzeige in einer Weise gemacht hätte, die für jeden Christen ein Acrgcrniß bieten mußte. In fettgedruckter Schrift prangten über der Anzeige die Worte: „Cs ist vollbracht!" Daß die Form der hier mitgetheilteu Reklame durchaus zu mißbilligen ist, bedarf kaum der besonderen Betonung. Daß sie aber in ihrem blinden Eifer den Kieler Kaufmann für einen Juden halt und seine Handlungsweise zu einer zornigen Anklage gegen das Judenthum ausbeutct, war nicht klug von ihr; sie hätte durch frühere trübe Erfahrungen gewarnt sein nlüssen. Jacobsen ist nämlich gar tlicht Jude, sondern Christ, und sogar ein eifriger Gesinnungsgenosse der „Staatsbürgerzeitung." Die getadelte Reklame hatte übrigens dazu geführt, daß Jacobsen wegen groben Unfugs angeklagt unb zu 150 Mark Geldstrafe verurtheilt wurde. Vor Gericht gab er an, daß er evangelisch-lutherischer Konfession sei. Er entstammt einer christlichen Familie aus Plön und gehört, wie gesagt, keineswegs zu den Gegnern der Antisemiten. Cöltt, im Adar. Ich bitte vor allen Dingen den geehrten Leser, bevor ich meinen Bericht beginne, nicht zu glauben, daß er einen jener jüdischeil Antisemiten vor sich hat, deren cs leider heutzutage so viele giebt und die glauben, durch den Genuß verbotener Speisen und Schimpfereien auf die eigenen Stammesgenossendie Kurve ihrerNase inmilderemLichte erscheinen zu lassen. Nein, ein Mensch dieser Sorte bin ich nicht, aber trotzdem sei es gesagt, die „Judenangst", um mit Hammerstein zu redetl, in unserer heiligen Agrippinischen Kolonie ist groß und das schließe ich aus folgendem Vorkommnis;. Ich besitze einen blonden Vollbart, blondes Haupthaar und röthliche Nase, wie man dies in Bauern, meinem Vaterlande unter unseren Glaubensgenossen häufig trifft. Mit diesen meinen Eigenschaften versehen, taufte ich nlir die neueste „Staatsbürger Zeitllng" mit dem Leitartikel „Die Verjudung ein Culturvorschritt", begab tnich damit in ein bekanntes, stark besuchtes Restaurant am Domplatz und begann gemüthlich zu lesen. Da hatte ich aber die Rechnung thatsächlich ohne den Wirth genlacht, denn dieser kam mit geheimnißvoller Miene auf mich zu und bat mich, meine Staatsbürgerzeitung lieber zil Hause zu lesen. Darf ich Ihnen vielleicht das Berliner Tageblatt bringend Da wurde ich ich aber erllstlich böse. Darf uralt denn hier nicht einmal die Zeitung lesen, die Einern beliebt? frug ich den philosemitischen Wirth in gereiztem Tone. Zeitungen von so ausgesprochen antisemitischer Terrdenz möchte ich gerne in m eine nr Lokal vermeiden. Sprach's mrd wandte mir stolz, wie ein Cölner Bierlvirth den Rücken. Er sah nicht, wie kurze Zeit darauf mir ein Manufacturift von Dl. ir. Cie. auf beu Rücken klopfte und mit lautem Ruf: „Jsak wie so früh schon da?" sich neben mich placirte. Vielleicht hätten sich alsdann seine Ansichten über meinen Antisemitismus etwas geändert. Uebrigens eristirt hier seit Kurzem eine antisemitische Buchharrdlung in der Komödienstraße unter der Firma Eduard Hensel. Herr Hensel freute sich unendlich, als ich ihm jüngst meinen Besuch abftattete nnb er Gelegenheit hatte meine .Kenntnis; in der hebräischen nnb antisemitischen Literatur zu bewundern. In seinem Schaufenster lag eine Antischächt-Brochüre; ich frug ihn, ob er lioch mehr derartige Bücher hätte; da nahm er seinen Catalog und empfahl mir: Bamberger, More Lesobchim, Benjamin, das Schächtfach mrd Ehrmann, Thierschutz und Menschentrutz. Ich setzte gelinden Zweifel darein, daß das auch thatsächlich antisemitische Bücher seien, er versicherte mich aber ganz bestimmt, daß sie „gesinnungstreu" geschrieben seien und bat tliich sie für mich bestellen zu dürfen, was ich aber dankend ablehnte. Das Geschäft, plauderte er, sei hier sehr schlecht, und wenn man nicht äußerst sparsam sei, könne man kaum die Ladenmiethe ausbringen. Die Cölner hätten für nichts Sinn, wie für den Carnevft, für „ernste" Dinge seien sie nicht zu haben, dazu käme, daß Jahr und Tag nichts Gescheidtes in Antisemitica erschienen sei. Die Deckertffchen Sachen lägen den süddeutschen Verhältnissen zu fern und die Börse und ihre „Jobber" seien bis zum Ueberdruß abgenutzt. Wenn es so weiter ginge, müsse er wohl bald wieder schließen. Auch ich will lneinen Bericht schließen und dem Herrn Hensel mit seiner ausgehungerten Phrffignomie weiter guten Thanis wünschen. M. Mönchen, int Mäiz. Die „Korr. Hoffmann" brachte in der letzten Woche folgende offiziöse Mittheilung: In Nr. 35 des „Venerischen Vaterlands" vom 12. v. Mts. ist der Regierung der Vorwurf gemacht, daß bei den Gerichten in Nürnberg schon mehr jüdische als katholische Richter angestellt seien, so befänden sich bei dem Amtsgericht Nürnberg zur Zeit unter 22 Richtern nur 2 Katholiken, die übrigen seien Juden und Protestanten, die Sekretäre seien meistens Juden, bei der Staatsanwaltschaft am Landgerichte t