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Der Israelit · 1896-03-05 · Heft 19 (5.3.1896) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 19 (5.3.1896)
Date
1896-03-05
Page
– (sequence 10)
Language
German
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386 gleichen könne. Was immer man sonst zur Vergleichung heranzuziehen pflegt, bestätigt nur die Regel, daß alle Vergleiche hinken. Der Talmud enthält die mündliche Lehre, alle Ueberlieferungeu, die dem Mosche am Sinai geoffenbart imtrbcit, und in diesem Sinne könne man sagen, die Anfänge des Talmud reichen zurück bis zur Offenbarung der Thora. Die Abfaffung des eigentlichen Talmud, der aus Mischna und Gemara besteht und in welchen: zwei Ströme, Halacha und Agada, neben einander und in einander fließen, erstreckt sich auf über ein Jahrtausend: von: Zeitalter der Soferim, deren Thätigkeit, wie ihr Name besagt, darin bestand, die Wörter und Buchstaben der Thora zu zählen und jedem seine Bedeutung zuzuweisen, bis zum Abschluß des babylonischen Talmud am Ende des fünften Jahrhunderts g. Z. Ein geschloffenes und streng gegliedertes System der Ethik enthält der Talmud nicht und kann er auch, vermöge seiner Anlage, nicht enthalten, wenn auch einzelne Traktate, wie z. B. die Sprüche der Väter, fast lauter ethische Grundsätze und Lehren enthalten. Aus den einzelnen, im ganzen Talmud zerstreuten, Sittenlehren suchte der Redner zunächst, die Grundprinzipien der Ethik des Talmud herzuleiten. Als solche führte er an: 1) G 0 t t i ft d e r U r g r u n d u n d U r s v r u n g aller Sittlichkeit. In den Wegen Gottes wandeln, die Eigenschaften Gottes nachahmen, seine Güte, feine Gerechtigkeit und Barmherzigkeit sich zum Vorbild nehmen, das iü nach dem Talmud die erste und oberste Forderung der Ethik. 2) Mit der guten Gesinnung allein kann der Mensch den Ansprüchen der Ethik nicht Genüge leisten, es muß auch die gute Thal hinzukommen. Es ist ja viel leichter andächtig zu schwärmen als sittlich und gut zu handeln. Wessen Thaten sittlich gut sind, wenn er auch weniger klügelt und philosophirt, der gleicht einem Baume mit vielen Wurzeln und wenig Zweigen, der auch den stärksten Stürmen Widerstand zu leisten vermag. 3) Der Talmud macht keinen Unterschied zwischen Recht und Tugend. Tugendhaftes Handeln ist nicht blos verdienstlich, sondern Psticht eines jeden Menschen. Werke der Wohlthätigkeit können nach talmudischem Rechte erzwungen werden. Der jüdische Staat, so lehrt der Talmud, ist nur deßhalb zu Grunde gegangen, weil seine Bewohner sich auf den Standpunkt des starren Rechtes stellten und die Forderungen der höheren Moral und Sittlichkeit außer Acht ließen. 4) DerMißbrauchoderdieEntweihung des göttlichen Namens ist die größte Sünde, wie die Heiligung des göttlichen Namens die höchste aller Pflichten ist. Schwüre und Gelübde haben daher nicht nur dann bindende Kraft, wenn sie einem Anderen geleitet wurden, es ist vielmehr jede Angelobung, auch wenn sie der eigenen Person gilt und gar keine Zeugen hatte, von unverbrüchlicher Verbindlichkeit. Jedoch können letztere, aber auch nur diese, unter gewissen Modalitäten ansgelöst werden. Des Weiteren führte sodann der Redner einige besonders bemerkenswerthe „g r 0 ß e Gesichtspunkte" aus der talmudischen Ethik an. So z. B. die optimistische W e l t a u schau u n g, die das Uebel dieser Welt überhaupt negirt. Alles was Gott thut, führt zum Guten. Für das, was wir als Uebel ansehen, müssen tvir ebenso danken, wie für das, was unserer Betrachtungsweise nach, als Wohlthat anznsehen ist. Es ist ganz in: Sinne talnrudischer Ethik, wentl Rahum '' btn bei allem, was ihm zugestoßen, ausgerufen hat rwivb n dj. Der Talmud lehrt die Willensfreiheit. Alles ist göttliche Bestimmung, nur nicht Frömnligkeit, Tugend und Gottesfurcht. Wenn auch die Vergeltung im Guten wie im Bösen aus der Thal selbst nothwendig folgt, wie die Frucht aus dem Samen, so lehrt doch der Talmud: Seid nicht wie die Knechte, die ihrem Herrn dienen um Lohn zu empfangen; t h u e 1 das Gute, weil es gut ist, nicht weites Lohn bringt. Die Einheit des M e n s ch e n g e s ch l e ch t e s, die schon in der Bibel gelehrt wird, hat nach dein Talmud zur Folge, daß alle Menschen, so weit sie die Gebote der Sittlichkeit, die sogenannten noachidischen Gesetze beobachten, der einstigen Seligkeit theilhaftig werden. Die Stellung der Frau im Talmud wird genügend charakterisirt durch den Ausspruch : „Liebe Deine Frau wie Dich selbst und ihre Ehre stelle noch höher als die Deinige." Die rigorose Wahrheitsliebe des Talmud gestattet dennoch eine Ausnahme ztl Gunsten der Frauen. Im Beisein des Mannes darf man die Vorzüge seiner Frau auch in übertriebener Weise rühmen und sie als schön und anmuthig preisen, wenn auch dieses Lob nicht ganz zutreffend sein sollte, nur um ihren Werth in den Augen des Mannes zu erhöhen. Die ewigleitchtende Wahrheit senkt ihre Fackel vor der Huldigung des weiblichen Geschlechtes. Das Verbot der Thierquälerei beruht auf dem Thiere zugebilligten Rechtsschutz und wird daher nicht, wie in den modernen Gesetzgebungen, auf ärgernißerregende Quälereien beschränkt. Der Redner führte sodann einige frappante Parallelen zur Ethik des Talmud aus den christlichen Bekenntnißschriften, der sogenannten Bergpredigt, aus Spinoza und Kant an und zeigte zunt Schluffe an einigen drastischen Beispielen die Unwissenheit eines Rohling und anderer Verleumder und Lästerer des Talmud.

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