Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 18 (2.3.1896)
- Date
- 1896-03-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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370 den Gottesdienste vermißt. So groß die Zahl der Mitglieder der dazu gehörenden Gemeinde war, fast so verschieden waren ihre Ansichten; Jeder hatte ein anderes •mna; mitten im Gottesdienst erhob sich öfters eine heftige Diskussion, indem Fragen aufgeworfen wurden, über die man sich nicht einigen konnte, etwa wie diejenige, ob man den vnp halb oder ganz sagt, ob man die namp hintereinander folgen läßt oder die vorgeschriebenen Gebete einschaltet, ob man versweise oder hintereinander sagt, ob man an rum das Gebet des rvciw ydtd verrichtet, ob man an Yv2 M', der an P3ff fällt, den Priestersegen spricht und die vielen Streitigkeiten mit den nin^D, wo Jeder natürlich Recht haben wollte und es besser wußte. Ueberdies habe ich ferner bei dem Gottesdienst bemerkt, daß einige arme Marokkaner, die dabei waren, die Frömmsten gewesen sind, indem sie doch wenigstens bei den heiligsten Stellen z. B. rurui IP'.v und Dn^6 no« aufgestanden sind, was die Andern nicht für nöthig fanden. Diese Privatgottesdienste rentiren sich aber immer für die Veranstalter, weil sie beim Verkauf der n^y die Kosten reichlich decken. Der Wohlthätigkeitsfinn der Juden ist hier in allen Gemeinden sehr groß; sie glauben durch np-jy und Dncn rvfrm alles Uebrige ersetzen zu könnm. Hier fehlen Männer, um diese zersplitterte Gemeinde zu einem ordentlichen Ganzen zu vereinigen, zielbewußle Männer, die agitiren und zu Herzen gehende Reden halten können. An den nöihigen Mitteln fehlt es doch nicht bei diesen sehr vermögenden und so vielen reichen Mitgliedern und ich glaube bestimmt, daß einige tüchtige Redner das Kapital zusammenbringen zur Erbauung einer ordentlichen Synagoge, zur Anschaffung eines nnapn ni, zur Errichtung einer so nöthigen Schule. Namentlich die Letztere ist ein unabweisbares Bedürfniß, denn was soll aus der nachfolgenden Jugend werden, wenn die Eltern nichts vom Judenihum wissen wollen. Vor einigen Tagen starb eine kürzlich von Rußland hierhergekommene fromme Frau. Traurig, sehr traurig war cs mit anzmehen, wie dieselbe, vor ihrem Tode jammerte, weinte und inbrünstig betete, daß Gott sie leben lassen möge, bis sie wieder zurück in ihre Heimath käme und nicht hier nr-raio □ pan bestattet werde. Und solchen Zuständen gegenüber stehen die hiesigen, reichen Juden mit verschränkten Armen da, ruhig abwartend, ob es sich nicht von selbst etwa besiern sollte. Bei einem Besuche im deutschen Consulat fällt Einem sofort ein großes Plakat des Inhaltes auf, daß die evangelisch-deutsche Kirche sich da und da befindet, und wenn man sieht, wie die Kirchen hier so prachtvoll ausgestattet sind, die Millionen und abermals Millionen kosten, wenn man hier bei jedem zwanzigsten Schritt auf einen Geistlichen stößt, so erfüllt es Einem mit Bedauern, daß für unsere Religion so wenig gethan wird. Rio de Janeiro sollte ein Feld sein, wo sich mehrere Rabbinen, Cantoren, Lehrer und israelitische Cultusbeamten beschäftigen können und die die Religion auch unter die Juden in das Innere dieses so ausgedehnten Landes tragen sollten. Von der liberalen Regierung hiersei bst ist zu solchen Schritten die größte und jedmögliche Hilfsbereitschaft zu erwarten; indem sie jede Religion unterstützt und den erforderlichen Grund und Boden gratis hergeben wird, ebenso wie die für die Religion bestimmten Gegenstände Zollfreiheit genößen. Würde aber hier eine anständige große Synagoge errichtet, ein beständiger Gottesdienst abgehalten, eine Schule errichtet und ein ordentliches Repiäsentanten-Collegium gewählt, dann würden die hiesigen Bewohner sehen, was die Juden sind, und dann ganz anders urtheilen. S. K. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 24. Febr. Eine der jüdischen Sondergemeinden, die sich zahlreich in Berlin gebildet haben, um die Bedürfnisse an religiösem Unterricht und gemeinsamer Andacht da zu befriedigen, wo die Einrichtungen der Hauptgemeinde in Folge ihrer Ausdehnung unzulänglich sind, der Religionsverein „Westen", hat am gestrigen Sonntag seine neue Synagoge eingeweiht. Ein schlichter geschmackvoller Bau, faßt die neue Synagoge achthundert Andächtige. Sie liegt im zweiten Hofe des Hauses Passauerstraße 2, für das störende Geräusch der Wagen, den Lärm des Tagesverkehrs unerreichbar. Zu der Feier waren Mitglieder des Vorstandes und der Repräsentanz der Hauptgemeinde zahlreich erschienen, aus Charlottenburg, auf dessen Gelände das Gotteshaus steht, hatte sich der Stadtverordneten-Vorsteher eingefunden. Um 5 Uhr Nachmittags begann im überfüllten Tempel die Einweihungsfeier mit Psalmen- Chorgesang und Gebet. Die Thora-Rollen wurden nach feierlichen Umzug in dem heiligen Schrein geborgen. Rabbiner Dr. Kroner hielt die Weiherede, die, formvollendet und gedankenreich, die Segnungen des gottgewollten und gotterfüllten Friedens pries, der Befriedigung bedeutet. Der Priestersegeu folgte, das Gebet für Kaiser und Reich schloß die Feier. Amerika. New-Aork, 12. Februar, Nachdem ich in meinem letzten Artikel die Orthodoxie in dem jüdischen Ghetto an der bekannten clown-town Eeast-side geschildert habe, will ich heute diese Richtung im