Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 18 (2.3.1896)
- Date
- 1896-03-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2448608-2448627--41387-2490342- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
XXXTU. Jahrgang. Wäge ju M 18 des Jtetaeltt“. Leitender Artikel. Nie Juden iu Rio de Janeiro. Rio de Janeiro, im Februar. Erst kurze Zeit in diesem Laude, habe ich es mir zur Ausgabe gemacht, die Verhältnisse der hiesigen Juden zu studieren, um auch iu Deutschland darüber zu berichten. Ersreuliches ist leider nicht viel zu sagen, da die bessersituirteu Juden es ängstlich vermeiden, als Juden zu gelten, und es als Beleidigung ansehen, wenn man ihnen den -kamen Jude beilegt. Sie alle sind der Ansicht eines meiner Freunde in Buenos-Aires, den ich vor Kurzem anfragte, wie es mit den dortigen Juden bestellt sei, und der mir folgendermaßen antwortete: „Der uns Juden auf dem ganzen Weltenraume entgegengebrachte Haß tritt auch hier in ganz fühlbarer Weise auf. — Man thut besser und vernünftiger, den Schein als Richtjnde zu bewahren und seine Religiosität, wenn man mit den alten Prinzipien nicht brechen will, in sich selbst zu verbergen. — Die Lebensweisheit bricht alle Theorieen, man muß mit dein Strome schwimmen und unsere Religion legt uns Schwierigkeiten in den Weg, die uns verhindern mit der allgemeinen Strömung zu schwimmen." Nichts ist aber verkehrter, als diese hier so beliebte Ansicht. Es ist wahr, daß die meisten der hiesigen Bewohner Jemanden, der sagen würde, er sei ein Jude, mit Verachtung ansehen würden, aber die hiesigen Brasilianer lernen gar keinen anständigen Juden kennen, denn der, der wirklich Ansehen genießt und ordentliche Geschäfte macht, will kein Jude sein, und den, dessen Geschäfte nicht redlich sind, heißt man Jude, lim diese meine Ansicht besser klarzulegen, will ich auf die Beschäftgung der hiesigen Juden näher eingehen. Wir können hier in Rio de Janeiro dreierlei Spezien von Juden unterscheiden, die sich auch in dreierlei Gemeinden eintheilen lassen. Wir haben erstens die Marokkaner-Gemeinde, zweitens die französische und drittens die polnische Gemeinde. Die Marokkaner-Gemeinde hat etwa 200 Mitglieder, die aus dem Norden Afrika's hier eingewandert sind; sie sprechen die Landessprache, portugiesisch und eben so gut BH'pn haben ihr Gebethäus und gehören im Allgenreinen der orthodoxen Richtung an, indem sie an rar nicht arbeiten, ihren Gottesdienst täglich abhalten, die Speisegesetze insofern beobachten, als sie einen aus Jerusalem eingewanderten v7vV halten. Meistentheils haben diese Leute kleine Geschäfte und ernähren sich auch hauptsächlich vom Hausiren in Manufaktur- und Spielwaaren. Einige dieser Mitglieder haben es sogar zu großer 'Wohlhabenheit gebracht. Die französische Gemeinde besteht aus elsässischen und norddeutschen Juden, worunter vielleicht auch 1 oder 2 wirkliche Franzosen sein mögen. Der Grund, warum diese Gemeinde eigentlich „französisch" heißt, mag wohl darin liegen, daß die elsässischen Juden sich mit Vorliebe Franzosen nennen. Auch in dieser Gemeinde sind etwa 200 Mitglieder, die ebenfalls ihren Betsaal haben, den sie aber sehr schonen, denn sie benützen denselben nur an nwn und -rt2ü dv. Im Uebrigen wissen sie von "in?, von rar und mo dv sehr wenig zu sagen. Wie mir der Vorsteher sagte, gebrauchen sie zu tDv etwa pro Familie 5 Pfd. Mazzos, weil sie nur Mazzes zum Seder benützen, sonst aber sich Kuchen und Brod gutschmecken lassen. Die meisten dieser Mitglieder sind sehr wohlhabend und haben große Handelsgeschäfte im Import und Export. Die dritte Kategorie ist die polnische Gemeinde, welche etwa Ö00 Mitglieder besitzt; dieselbe besteht aus eingewanderten Russen, Polen Littauern, Rumänen und Galiziern, die eigentlich gar keine Gemeinde bilden, sondern einige dieser Mitglieder halten zur Befriedigung des religiösen Bedürfnisses an den hohen Festtagen in ihren Häusern einen Gottesdienst ab. Sehr viele unter diesen Inden haben ein Gewerbe, das jedem anständigen Juden ein Dorn im Auge ist, sie betreiben nämlich ^*"» das Halten von nut td als Gewerbe und befinden sich auch zu diesem Zwecke ca. 2000 o»w natürlich Russen, Galizier, Rumänen am hiesigen Platze. Die Leute, die ein solches Gewerbe betreiben, bezeichnet man hier mit dem Spezialansdruck „Kaftan". Dieselben bilden auch den Zankapfel, welcher verhindert, daß sich eine große Gemeinde bilde, und da man sie als Juden bezeichnet, obwohl es auch genug Christen giebt, die Kaftane sind, schämen sich natürlich ordentliche Juden, als solche zu gelten. Ueberdies habe ich die Beobachtung gemacht, daß an den Genannten noch viel zu bessern wäre. Sie sind meistentheils von ihren gewissenlosen Männern verlassen worden und haben trotz ihres verdammenswerthen Lebens einen großen Hang den rituellen Gebräuchen unserer Religion. Bei einem Gottesdienste, den ich zu den hohen Festtagen in einem solchen Privathause mitmachte, sah ich mehrere dieser Frauen an Jom- Kippur stark weinen. „Wer weiß, was ihre Vergangenheit ist" —? Im Uebrigen habe ich bei dieser Feier sehr viel von dem gewohnten, einheitlichen, erbauen-