Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 18 (2.3.1896)
- Date
- 1896-03-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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363 allein steht, sondern bescheiden uns heiler und zufrieden mit D'cmi icn mit Liebe und Erbarmen, die uns unsere Umgebung um so williger entgegen bringt, je weniger wir darauf pochen. Gelingt es uns mtt den Gebeten, die wir unseren großen Weisen nachbeten, auch ihre Gesinnung, ihren Geistes- und Herzensadel uns zu eigen zu machen, denen die Erlaubniß, unbegraben umher liegende Leichen beerdigen zu dürfen, als eine für alle Zeit zu verewigende Wohlthat gilt, dann werden wir überall nj;i*n nana rnusm rbxn rm nVabai ,-DrD n:ru. Entbürdung, Rettung, Beglückung, Segen, Hilfe, Trost, Nahrung und Versorgung finden, wo grollende Ungenügsamkeit nie des Gewährten froh wird. Es mag ja schwer sein, auf Gnade und Erbarmen zu hoffen, wo man Recht und Gerechtigkeit sollte fordern dürfen. Aber so lange die Menschheit noch nicht für rückhaltlose Anerkennung von Recht und Gerechtigkeit reis ist, dürfte es doch nach jeder Seite hin gerathcner sein, lieber der Gesinnung zu entsprechen, welche die Weisheit unserer Weisen uns hinterlassen, als der zeitgenössischen Anschauung zu huldigen, die immer aus ihrem Schein besteht, und auf ihr Recht dringt. Es ist gewiß nicht Zufall, daß diejenigen unter uns, die sich von Gott, seiner Hilfe, seiner Erlösung so wenig versprechen, daß er ganz ausgehört hat als Faktor bei ihnen zu zählen, daß diejenigen bei jeder an uns verübten Büberei am lautesten nach dem Staatsanwalt und dem Strafrichter rufen. Die allerneueften Erfahrungen find gewiß nicht geeignet diese fortwährende Berufung auf unser Recht empfehleuswerth erscheinen zu lassen. Dagegen dürften diese Erfahrungen jedem Unbefangenen die Erwäaung nahe legen, ob ein Appell an O’cin'n'isn nicht erfolgreicher für uns wäre, als die Berufung auf pi. Es scheint jedoch, daß noch viele unliebsame Erfahrungen erforderlich sind, bis diese Anschauung wieder zu Ehren kommt. Während wir von dem Recht alles und von dem Erbarmen nichts erhoffen, vermissen wir jenes vollständig in dem uns vorliegenden Gebet, während das Erbarmen D'om sogar zweimal betont ist. Das erstere d ornt> nor6 *,r& dürfte sich auf das Erbarmen beziehen, das uns entgegengebracht wird. Das zweite ocrm ,nwD ,nonj hat vielleicht das Erbarmen im Auge, das wir gegen Andere üben. Daß das von uns geübte Erbarmen, die Mildthätigkeit und Seelengüte, der es entspringt, eine nicht geringere Gottesgabe ist, als dasjenige, welches wir von anderen erhoffen, spricht nach der Auffassung der Weisen (Jebamoth. 79 a.; Beza 32 b, Sabbat 15 l b) schon das Gotteswort aus: "lomi o»om;n:i „Er stattet dich mit Erbarmen aus und erbarmt sich denn auch deiner. (A. B. M., C. 13, V. 18.) Daß rfo^ai non© Nahrung und Versorgung uns nicht hart und gefühllos machen, daß das Erbarmen rege bleibe, auch wenn wir seiner nicht bedürfen, das ist eine der charakteristischen Blüthen, welche dieses gottgetragene Geschick allein zu zeitigen vermag, die deßhalb Gegenstand unserer besonderen Bttte ist. Ebenso, daß das durch die gewährte Versorgung, von Sorgen entbürdete Leben uns nicht zu „Lebe-Männern" machen, daß wir auch ein Leben leben, das auch diesen Namen verdient, daß uns der Besitz nicht stolz und herrisch macht und so den Frieden stört, der nur durch gegenseitige Rücksicht und Schonung zu erlangen und zu erhalten ist, daß alles Gute, das uns Gottes Güte gewährt, nicht selbstsüchtig, sondern zum Guten von uns verwendet wird, das will uns die Zusammenstellung von a'v ^ai '6# v"n com gegen das Ende unserer Beracha nahelegen. Ohne diese Klausel würde unser Menschenwerth durch den Besitz aller dieser Güter nicht gehoben, sondern gemindert. Erst die rechte oder Unrechte Verwendung unserer Lebnsgüter entscheidet über den Werth derselben und über unseren eigenen sittlichen Werth. Mittel zu besitz n, sie aber nicht in gottgefälliger Weise zu verwenden, läßt uns in dem Maßstabe des göttlichen Rechts gemeffen, minderwerthig erscheinen. Daß wir von all dem Guten, das uns Gott gewährt, nicht selber geringer werden, das ist daher der Wunsch, in welchen die Weisen von Jabneh die vierte Beracha unseres Tischgebets mit den Worten n^vn' bx mo tom ausklingen lasten. Wir haben bereits früher darauf hingewiesen, wie alle diese Wahrheiten, welche unser Tischgebet uns täglich zur Beherzigung uns nahe legt, an Tiefe und Bedeutsamkeit noch gewinnen, wenn sie sich an den Peßachabenden aus den bewegten Herzen über die bebenden Lippen ringen. An diesen Abenden sind wir doch durch die Feier, die uns gemeinschaftlich zusammenführt und die Art und Weise, wie wir sie begehen, selber die lebendigen Zeugen für diese Wahrheit. Zerstreut in alle Theile der Welt, haben wir es erfahren, haben wir die Erfahrung vermittelt, wie wie unser Gott nunmehr als o^jn ^d, als König der Welt gilt. Was könnte cs nachhaltiger documentiren. daß Gott unsir Vater, unser König, unser Schöpfer, Erlöser und Bildner ist, der uns zu allen Zeiten seine Güte zugewendet hat und zuwendet, der unser Geschick zur Reife brachte und noch fortan zur Reife bringt, als das Gedächtniß zur Stunde, in der wir aus der Knechtschaft in die Freiheit gingen. Daß diese Freiheit uns nicht in Freiheiten verirren läßt, daß wir im Besitz der von Gott gewährten Güter dieselben nicht mißbrauchen und dadurch unsere Menschen- und Volkswürde em-i büßen, diese Wahrheit, welche die Bitte sid too U'Drr ausspricht, sie liegt in dem Sclavenbrod und dem Bitterkraut in entsprechendem Symbol vor uns.