Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 17 (27.2.1896)
- Date
- 1896-02-27
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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855 Wittwenversorgung demzufolge gesetzlich gesorgt ist, bestehen dennoch zwei reich dotirte Vereine, die bezwecken, den pensionirten Lehrern zu ihrer staatlichen Pension eine jährliche Zutage von je 1000 Mark unb jeder Wittwe zu ihrem staatlichen Wittwengehalt eineil Zuschuß von jährlich 33o M. zu gewähren. Der ersiere Verein lleimt sich Pensions- und Hilssverein der Mannheitner Volksschullehrer; der letztere dagegen: „Pestalozzi-Stiftung Mannheim." Beide Vereine zusammen besitze)! ein Vermögen von ca. 1U Million Mark und ist es ein eigener Zufall, daß die einzigen seit mehreren Jahren bezugsberechtigten Pensionäre zwei Israeliten (Rothschild u. Kern) waren, von denen der letztere am 19. Dezbr. v. I. leider starb, so daß der Verein gegenwärtig nur einen einzigen Pensionär mit 1000 M. jährlich zu versorgen hat. Außerdem erhält jeder Pensionär vom Staate 170< > M. per Jahr. Stärker ist wohl die „Pestalozzi-Stiftung" belastet. Sie hat gegenwärtig 15 Wittwen und 3 Waisen mit je 550 M. jährlich zu unterstützen, worunter wiederum 3 isr. Wittwen. Der Staat gewährt einer Wittwe nur 3<>0/0 des von ihrem Manne zuletzt bezogenen Gehalts als Wittwengehalt und ist deshalb ein Vereinszuschuß in dieser Höhe für jede Wittwe sehr erwünscht. Von besonderem Interesse dürfte wohl sein, daß schon seit einer Reihe von Zähren für beide Vereine der nun verstorbene Hauptlehrer Kern (Isr.) als Vorstand gewählt war. Die Pestalozzi-Stiftung wählte nun bei ihrer jüngsten Generalversammlung (alljährlich am 1.2. Januar als Geburtstag Pestalozzis) Herrn Hauptlehrer Abraham Schweizer (ebenfalls Zsraelite) an Stelle Kerns zu ihrem neuen Vorstande. Die Vorstandswahl für den „Pensions- und Hilssverein" steht noch aus. Immerhin dürften diese Zeilen beweisen, daß wie bei der Mannheimer Bevölkerung überhaupt, so namentlich aber bei den Lehrern Mannheims der Antisemitismus keinen Eingang gesunden bat, und geben wir uns der frohen Hoffnung hin, daß es auch für die Zukunft so bleiben werde. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien, 24. Febr. Ein interessanter Fund von historischem Interesse, der bei dem Baue der neuen Burg gemacht wurde, ist dieser Tage in das Museum der Stadt Wien übertragen worden. Es handelt sich um Bruchstücke von Grabsteinen mit hebräischen Inschriften aus dem 14. und 15. Jahrhundert, von denen die meisten sehr gut erhalten und lesbar sind. Bestimmtes über den Inhalt der Grabschriften liegt noch nicht vor, doch wurde constatirt, daß auf denselben noch eine alte mittelalterliche Formel in Anwendung kam. Eines der Bruchstücke läßt vermuthen, daß der Grabstein einer Frau Esther,"einer Tochter Jonathan's, eines sogenannten „Hosgawaschers" (?), gewidmet war. Man vermuthet, daß die Bruchstücke sämmtlich Momunenten angehören, die vor 1421, in welchen! Jahre die Juden vertrieben und deren Grabstätten demolirt wurden, errichtet wurden und auf dem jüdischen Friedhofe standen, der vor dem alten Kärtnerthore eristirte und in dem genannten Jahre zerstört wurde. In dem alten Bürgerspitalsgebäude, welches nach dieser Zeit errichtet wurde, fanden sich ähnliche, mit hebräischen Lettern bedeckte Bruchstücke von Grabsteinen zugleich aus den Stiegen eingemauert und als Baumaterial benützt. Die nun im städtischen Museum aufbewahrten Bruchstücke werden noch den Gegenstand eingehender Untersuchung bilden. Lemberg, 25. Februar. Von einem berühmten Professor, der an der Spitze einer großen Anstalt in Wiei! stand, erzählt man sich eine interessante Anecdote. Eine der höchsten Persönlichkeiten des Staates richtete au ihn eines Tages die Frage: „Sagen Sie, lieber Herr Professor, warum spricht man von Ihrer Anstalt immer als von einer jüdischen?" Der Professor antwortete : „Weit die Juden das Geld geben und die Christen den Nutzen davon haben". An diese Anecdote wird man leider gar oft erinnert, wenn es sich um Wohlthätigkeitsacte handelt. Die Juden sind stets bereit, Geld für edle Zwecke zu geben — ohne Unterschied der Confession. Bei der Vertheilung kommt aber dann nur allzusehr der Unterschied der Confession zur Geltung. Bei der Vertheilung von Stipendien für Schüler aller Kategorien, die der Landesausschuß aus öffeutlichen oder von Privatleuten gestifteten Fonds vornimmt, die seiner Verwaltung unterstehen, finden wir diese traurige Wahrnehmung bestätigt Auch Heuer befand sich unter den circa 1000 Bedachten — Alles in allem — ein Jude.' Dabei kommt doch noch in Betracht, daß die überwiegende Mehrheit der Juden hier sehr arm ist und der Procentsatz der jüdischen Schüler an den Mittelschulen ein überaus großer ist. Ist es da nicht dringend an der Zeit, daß die Juden auch beim Geben in erster Reihe — an ihre Glaubensgenossen denken, an die von anderer Seite zuletzt oder auch gar nicht gedacht wird? England. London. Im Vordergrund des öffentlichen Interesses steht in den Londoner jüdischen Kreisen ein Artikel der Ouaterly Review, „Der moderne Jude", der von den schmähensten Angriffen gegen Juden und Judenthum überstießt. Es genügt zur Charakterisirung dieser Angriffe, die übrigens anonym erschienen sind, darauf hinzuweisen, daß ein guter Theil derselben den Brochüren und der Zeitung Drumonts wörtlich entnommen sind. Zwar ist der Ouaterly Review veraltet und nimmt längst nicht mehr den früheren Rang ein, ist vielmehr wie etwa die „deutschen Grenz-